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Zu drei Festtagen Mozart hatte die Komische Oper Berlin geladen.
Nach der Flaute während der Fußball-Weltmeisterschaft, die alle
Kulturstätten der Stadt in Mitleidenschaft zog, war das Haus voll,
gleichgesinnter, aufgeweckter, leidenschaftlicher Besucher.
Barrie Kosky, der den 'Holländer' in Essen ein qualvolles
Leben zum Entsetzen des Publikums bereitete - in Berlin bei
Figaros Hochzeit nun bemüht, die Zuschauer mittels witziger
Einfälle auf seine Seite zu ziehen.
Durch die szenischen Einrichtungen von Klaus Grünberg -
Guckkasten als Zimmer Figaros, in dem sich alles drängelt, Auftritte
und Abgänge nur durch seitliche Schächte - Figaro wird in einem
Kabuff im Kartoffelkeller untergebracht sein - Schrankwand, in der
die Gräfin haust, als Halle der Herrschaft; ein Berg gelber Bälle
mit auf der Drehbühne rotierenden Nachttischlampen für die
Gartenszene, die mit dem Stück nur symbolhaft etwas zu tun haben,
führte er mit Gags - zum Beispiel bergeweise herumfliegender leerer
Kleiderbügel nach dem Abgang des Cherubino - am Stück entlang -
blieb aber beim Stück.

Dass ein Recht der
ersten Nacht nicht zu dem vom Grafen benutzen Handy passt, stört nur
Eingeweihte, die auch in der Nachbesprechung des Abends diese
permanenten Albernheiten und die neue Textfassung kritisierten.
Anzufügen ist - wenn schon ein neuer Text, dann sollte er alle
Elemente der Story erfassen. Die soziale Situation in Frankreich zur
Zeit des Beaumarchais wird übergangen. Dass der Graf eine
Hauptmann-Planstelle in seiner Truppe frei hat, ist nicht passend,
es sei denn, auf das Handy bezogen, er unterhält eine Bodyguard-
oder Türsteher-Truppe, in der Cherubino Dienst machen soll. So
bleibt unbefriedigend der Ablauf des auf der Bühne Dargebotenen in
Bezug auf den vorgetragenen Text.
Leider, denn wer hat schon einen so aufgeweckten Dramaturgen als
Textverfasser wie Werner Hintze zur Hand, der befragt werden konnte,
aber nach der Vorstellung in der Kürze der Zeit nur rudimentär
Auskunft geben konnte, allerdings mit der Kritik der Wissenden, die
fehlende Korrespondenz des neuen Wortlautes mit der eigentlichen
Handlung beanstandeten, nicht glücklich war.

Herausragend aus dem
Sängerdarsteller-Ensemble die Damen Maria Bengtson als Gräfin
- sie hat auch das hohe C im Duett und überlässt es nicht der Zofe -
und Stella Douflexis als Cherubino. Die beiden auch als
Marschallin und Octavian besetzt, bilden das best aufeinander
abgestimmte Paar.
Brigitte Geller, eine handfeste Susanna steht ihnen nicht
nach, ebenso die Barberina von Karen Rettighaus.
Caren van Oijen darf die Marzellinen-Arie nicht singen, der
Abend wäre zu lang geworden, meint der Dramaturg.
Tom Erik Lie fiel besonders durch seine Turnübungen - der
moderne Adlige, sich ständig strechend - stimmlich jedoch nicht
sonderlich auf, was noch eine gute Beurteilung ist, musste man doch
beim Figaro von Carsten Sabrowski ein deutliches Vibrato
feststellen. Macht er zu viel mit zu wenig Technik ?
Die musikalische Leitung durch den Chef des Hauses, Kirill Petrenko,
eine Delikatesse. Mit leichter Hand und schnellen, aber
offensichtlich mit den Sängern abgestimmten und dann auch
beibehaltenen Tempi führt er Solisten und Orchester sicher durch den
Abend. Mit Recht am Schluss der Vorstellung gefeiert - sehr zum
Leidwesen aller wird er die Stelle als GMD der Komischen Oper
aufgeben. Wer aber so dirigiert, braucht keinen Apparat, er kann
gastieren, ohne sich Verwaltung an den Hals hängen zu müssen.

"Unter einem
Regenschirm am Abend" - sitzt der Komtur im Don Giovanni
plötzlich auf der Bühne, obwohl er an der Stelle dort gar nicht
hingehört - aber Peter Konwitschny meinte, eine musikalische
Anspielung im Orchester gehört zu haben und schon setzt er es in die
Szene um. Außerdem war der Schirm ja schon bei der Ermordung des
Komturs im ersten Auftritt dienlich, warum ihn also hier nicht
wieder verwenden. Es fiel dem Regisseur halt so ein.
So auch erwog und ließ der Inszenator, den Don Giovanni -
Dietrich Henschel den Abend über in - war's Trigema -
Unterwäsche herumlaufen zu lassen mit einem seidenen gelben
Flattermantel drüber - stets auf dem Sprung auf eine der frei
herumlaufenden Damen. Leider hat diese Kostümierung - zwar für den
sportlich trainierten Henschel-Körper passend - doch wenig
Erotisches an sich, zumal vom Sänger der Rolle nicht das aufregende
wie das Tier im Manne ausgeht, dass entsprechende Erregungen
auslösen könnte. Außer - das Timbre von Dietrich Henschel und wie
perfekt er mit seiner Stimme umgeht - erweckt Begeisterung. Aber ein
Don Giovanni ist er vom Aussehen und von der Ausstrahlung her nicht
- eher Wolfram, Pelleas. Unter einem viehischen Don Giovanni
stellt man sich doch etwas ordinäres, vulgäres oder ganz
undefinierbares vor.
Dass Donna Anna überwältigt wird, zeigt die Krisensituation, in der
sich Don Henschel hier befindet - es war wohl keine andere da.
Dieser erste Auftritt der beiden machte deutlich, wie ein guter
Dirigent schnell mit hoch erhobenem Arm Abstürze bei den gemeinsamen
Tempi zu vermeiden in der Lage bzw. Auseinandergleiten abzufangen
befähigt ist. Kirill Petrenko - wieder am Pult - gelingen
Passagen, die - ohne zu hetzen - der Vorstellung ein ungeheuer
duftige Spannung verleihen.
Dass sich Bettina Jensen schon auf 'Senta', 'Sieglinde' oder
'Isolde' vorbereitet, sich kraftmäßig ausstattete, sei ihr ja
unbenommen, aber als Anna ? Ihre Stimmführung ausladend, weder fein
unter'm Hut, um Schärfen zu vermeiden, noch gut geführt, um
Schlackern aus dem Weg zu gehen.
Ganz gradlinig schafft Anne Bolstad die Elvira - mit dem
Rollköfferchen immer hinter Giovanni her - mit gefassten nicht
wabernden Tönen. Auch die Gestaltung der Rolle - eine klare Sache.
Sie hat den Giovanni geschmeckt und will ihn wieder haben. Einfach
nur so - nach den paar Tagen mit ihm in Burgos.
Dass sie wie in der Inszenierung von Angela Brandt ganz
andere Überlegungen anstellen muss, kommt hier keinem in den Sinn.
Und dass Elvira den Rollentausch Giovanni/Leporello nicht mitbekommt
- bei einer Sängerdarstellerin wie Anne Bolstad nicht
nachvollziehbar, weil szenisch die Angelegenheit völlig daneben
geht.
In Finnur Bjarnasson hat die KO BER einen echten lyrischen
Mozart-Tenor, der in beiden Arien und durch die Darstellung des
jammervollen, inaktiven Zuschauers - durch die Rolle vorgegeben -
überzeugt.
Jens Larsen der Leporello - grob, laut - der Rolle angemessen
- die neu und hinzugefügten Dialoge unterstreichen noch diesen
Eindruck. Die stimme hat schon einiges erlebt, sie hat Falten und
zeugt von einem erfüllten Sängerleben.
Das Paar Zerlina - Elisabeth Starzinger - und Florian
Plock als Masetto - mit Charme im Spiel und in der Stimme. Ihr
"Schlage, schlage" und das "Ich weiß ein Mittelchen" - so schön
gesungen - doch Masetto verschwindet in der Versenkung, dabei war
gerade er gut anzuschauen und anzuhören.
Der Komtur - James Moellenhoff - erscheint völlig
unprätentiös zum Abendessen am runden Tisch bei Giovanni - kein
großer Abgang. Don Giovanni kommt im Straßenanzug wieder - schneller
Umzug - sitzt da im Sessel, angeblich gealtert - nicht zu erkennen,
da Dietrich Henschel zeitlos aussieht.
Auch für ihn gilt: Hölle gibt es keine, also wird gelebt. Die Anna
nimmt sich die Elvira, bei den sie umgebenden Männern keine Frage.
Ansonsten verkleckert der Abend und der Zuschauer fragt: Was soll's
?
Und hier liegt wieder das Problem des Musiktheaters. Junge Leute
haben sich allenfalls mit dem Reclamheft auf den Abend vorbereitet.
Jetzt wird ihnen ein 'Kunstwerk' vorgestellt - so jedenfalls meinen
die Regie-Genies behaupten zu dürfen - mit dem sie nichts anfangen
können und schon bleiben sie weg. Da kommt das Theater mal auf die
Schnelle ins Gespräch, aber langfristig eine neue Klientel aufbauen,
bringen sie, die Subventionierten, nicht fertig.

"Und
das ist auch gut so" - meinte mal einer und gab der gesamten
Entwicklung zwischenmenschlicher Beziehungen - zumindest in
Deutschland - eine entkrampfte Richtung.
Dass am Ende von Così fan tutte - nachdem was sie sich alles
gegenseitig angetan haben, die Damen Fiordiligi und Dorabella mit
den Partnern Ferrando und Guglielmo - dann zur besten aller Lösungen
kommen, ist schlüssig: der Tenor Ferrando heiratet den Bariton
Guglielmo.
Frauen und Männer passen eben nicht zusammen, zumal dann, wenn die
Verbindung nur wegen der Hormonwallungen zustande gekommen ist, das
gilt aber auch für Dame mit Dame und Mann mit Mann - das Muttermal
ist nach drei Jahren bekannt, da muss in jedem Falle schon mehr
sein, wenn nicht permanent ein Partnerwechsel stattfinden soll.

Was ist
das nur für ein Stück?
Die Damen auf der Bühne sollen angeblich nicht merken, dass sie
gefoppt werden - an erster Stelle die muntere Despina - nicht
vorstellbar.
Und keine Verkleidung ist sicher genug, nicht zu offenbaren, wer
steckt in welchem Kostüm. Die Stimmen verraten es - niemand kommt
umhin, festzustellen, dass der 'Odem der Liebe' zum Tenor gehört und
wenn der wie an der KO in BER erklingt, weiß jeder, es ist
Johannes Chum. Hinlänglich bekannt, dass Tenöre knapp sind, vor
allem wenn sie aus dem europäischen Raum kommen. Dass dann ein
junger, gut aussehender Sänger mit einer solchen Stimmtechnik
verpflichtet werden muss, grenzt an den Willen zur Demontage eines
Hauses.
Der Mann knödelt in einer hohen Lage, die Koloraturen werden
verschmiert, wenn die Töne in den Passagen nicht kommen, wird mit
Falsett und Bruststimme gemogelt, dass sich der Beobachter fragt,
was ist zu tun ? Applaus der Höflichkeit halber, schweigen oder
pfeifen. Hinzu kommt, dass durch das Öffnen von Strichen, der gute
Mann und das Publikum noch mehr gequält werden.
Er kann einem wirklich leid tun - nur muss er doch selber hören,
dass er auf dem Holzweg ist. Aber die Holzweg mit Knödel sind sicher
und langlebig - es gab schon einige, die sich lange an großen
Häusern mit dem halten konnten.
Wie angenehm der Guglielmo von Michael Nagy - die Stimme
klingt, wie es sein soll, er spielt wie es sein soll - dazu noch der
erfreuliche Anblick eines jungen Baritons.
Die beiden Perfektionistinnen Maria Bengtsson als Prima Donna
Fiordiligi und Stella Doufexis als Seconda Donna Dorabella,
mit aufeinander abgestimmtem Spiel und Wohlklang beim Vortragen der
Partien. Hier ist die KO wirklich zu beneiden, um ein solch
funktionierendes Damenpaar.
Dass die beiden sich aber so schnell von ihren Derzeitigen trennen,
zeigt deutlich, in der Beziehung stimmt was nicht - oder soll es nur
was Neues sein ?
Das gäbe es doch sicherlich auch in unmittelbarer Nähe in diesem
Haushalt der Schwestern. Zumindest ließen sich da ein paar gut
gebaute Jünglinge einbauen, die dann den Wechsel zu den plötzlich
auftauchenden Fremden dem Publikum plausibel machten. Auf diese
Einspielung verzichtet nun Peter Konwitschny.
Gertrud Ottenthal tut nach Devrient für Geld gar manches und
zeigt sich den beiden in der ersten Reihe ebenbürtig - sie packt
außerdem zu und zickt der Rolle gemäß nicht herum.
Dietrich Henschel heute Don Alfonso - der Drahtzieher der
ganzen Geschichte. Zwar bremst ihn das Kostüm aus, zu körperlich zu
werden, aber dieses zwingt ihn nicht zur eigentlich erwarteten
deutlichen Führung.
Weder Zynismus, noch Lebensekel werden deutlich - Dietrich Henschel
spielt die Rolle wie man sie sich halt so vorstellt. Hier könnte
wirklich mehr kommen, eben schon die Infiltrierung der beiden Herren
Ferrando und Guglielmo in Bezug auf das Ende der Produktion in BER,
nämlich, dass die beiden sich bekommen.
Die Neuköllner Oper ließ die Herren schon bei der Nr. 23 auf
einander los - sehr zum Unwillen der Dorabella - aber schlüssig -
sie verschwanden unterm Tisch mit weit überbordender Tischdecke,
aber schon innig küssend verbunden.
Auf diese Gängelungsmöglichkeit muss leider Alfonso verzichten. So
bleibt er halt, was er ist - wenn ein Wolfram und ein Beckmesser die
besseren Rollen für ihn sind. Wie man sieht, kann man damit gut
international werden.
Die Mozart-Festgage an der Komischern Oper in Berlin mit
Einführungen durch den versierten und charmanten Dr. Budde, die
Nachbereitung des Abends durch den Dramaturgen Hintze, Pausenmusik,
Bewirtung - eine gelungene Sache, die Wiederholung ist zu empfehlen.
Das Publikum fühlte sich in diesem Rahmen offensichtlich wohl,
kritisierte fachmännisch in der Nachlese und spendete den Damen und
Herren auf der Bühne und im Graben heftigen Beifall.
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