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Komische Oper Berlin
   
Repertoire-Vorstellung 'Die Hochzeit des Figaro' am 14.7.06,
                                          'Don Giovanni' am 15.7.06,
                                         'Cosi fan tutte am 16.7.06

  
"Susanna erscheint in Dur"
 
   
         
 
 

 

 


Zu drei Festtagen Mozart hatte die Komische Oper Berlin geladen. Nach der Flaute während der Fußball-Weltmeisterschaft, die alle Kulturstätten der Stadt in Mitleidenschaft zog, war das Haus voll, gleichgesinnter, aufgeweckter, leidenschaftlicher Besucher.

Barrie Kosky, der den 'Holländer' in Essen ein qualvolles Leben zum Entsetzen des Publikums bereitete - in Berlin bei Figaros Hochzeit nun bemüht, die Zuschauer mittels witziger Einfälle auf seine Seite zu ziehen.

Durch die szenischen Einrichtungen von Klaus Grünberg - Guckkasten als Zimmer Figaros, in dem sich alles drängelt, Auftritte und Abgänge nur durch seitliche Schächte - Figaro wird in einem Kabuff im Kartoffelkeller untergebracht sein - Schrankwand, in der die Gräfin haust, als Halle der Herrschaft; ein Berg gelber Bälle mit auf der Drehbühne rotierenden Nachttischlampen für die Gartenszene, die mit dem Stück nur symbolhaft etwas zu tun haben, führte er mit Gags - zum Beispiel bergeweise herumfliegender leerer Kleiderbügel nach dem Abgang des Cherubino - am Stück entlang - blieb aber beim Stück.

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Dass ein Recht der ersten Nacht nicht zu dem vom Grafen benutzen Handy passt, stört nur Eingeweihte, die auch in der Nachbesprechung des Abends diese permanenten Albernheiten und die neue Textfassung kritisierten. Anzufügen ist - wenn schon ein neuer Text, dann sollte er alle Elemente der Story erfassen. Die soziale Situation in Frankreich zur Zeit des Beaumarchais wird übergangen. Dass der Graf eine Hauptmann-Planstelle in seiner Truppe frei hat, ist nicht passend, es sei denn, auf das Handy bezogen, er unterhält eine Bodyguard- oder Türsteher-Truppe, in der Cherubino Dienst machen soll. So bleibt unbefriedigend der Ablauf des auf der Bühne Dargebotenen in Bezug auf den vorgetragenen Text.
Leider, denn wer hat schon einen so aufgeweckten Dramaturgen als Textverfasser wie Werner Hintze zur Hand, der befragt werden konnte, aber nach der Vorstellung in der Kürze der Zeit nur rudimentär Auskunft geben konnte, allerdings mit der Kritik der Wissenden, die fehlende Korrespondenz des neuen Wortlautes mit der eigentlichen Handlung beanstandeten, nicht glücklich war.

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Herausragend aus dem Sängerdarsteller-Ensemble die Damen Maria Bengtson als Gräfin - sie hat auch das hohe C im Duett und überlässt es nicht der Zofe - und Stella Douflexis als Cherubino. Die beiden auch als Marschallin und Octavian besetzt, bilden das best aufeinander abgestimmte Paar.
Brigitte Geller, eine handfeste Susanna steht ihnen nicht nach, ebenso die Barberina von Karen Rettighaus.
Caren van Oijen darf die Marzellinen-Arie nicht singen, der Abend wäre zu lang geworden, meint der Dramaturg.
Tom Erik Lie fiel besonders durch seine Turnübungen - der moderne Adlige, sich ständig strechend - stimmlich jedoch nicht sonderlich auf, was noch eine gute Beurteilung ist, musste man doch beim Figaro von Carsten Sabrowski ein deutliches Vibrato feststellen. Macht er zu viel mit zu wenig Technik ?

Die musikalische Leitung durch den Chef des Hauses, Kirill Petrenko, eine Delikatesse. Mit leichter Hand und schnellen, aber offensichtlich mit den Sängern abgestimmten und dann auch beibehaltenen Tempi führt er Solisten und Orchester sicher durch den Abend. Mit Recht am Schluss der Vorstellung gefeiert - sehr zum Leidwesen aller wird er die Stelle als GMD der Komischen Oper aufgeben. Wer aber so dirigiert, braucht keinen Apparat, er kann gastieren, ohne sich Verwaltung an den Hals hängen zu müssen.

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"Unter einem Regenschirm am Abend" - sitzt der Komtur im Don Giovanni plötzlich auf der Bühne, obwohl er an der Stelle dort gar nicht hingehört - aber Peter Konwitschny meinte, eine musikalische Anspielung im Orchester gehört zu haben und schon setzt er es in die Szene um. Außerdem war der Schirm ja schon bei der Ermordung des Komturs im ersten Auftritt dienlich, warum ihn also hier nicht wieder verwenden. Es fiel dem Regisseur halt so ein.

So auch erwog und ließ der Inszenator, den Don Giovanni -  Dietrich Henschel den Abend über in - war's Trigema - Unterwäsche herumlaufen zu lassen mit einem seidenen gelben Flattermantel drüber - stets auf dem Sprung auf eine der frei herumlaufenden Damen. Leider hat diese Kostümierung - zwar für den sportlich trainierten Henschel-Körper passend - doch wenig Erotisches an sich, zumal vom Sänger der Rolle nicht das aufregende wie das Tier im Manne ausgeht, dass entsprechende Erregungen auslösen könnte. Außer - das Timbre von Dietrich Henschel und wie perfekt er mit seiner Stimme umgeht - erweckt Begeisterung. Aber ein Don Giovanni ist er vom Aussehen und von der Ausstrahlung her nicht - eher Wolfram, Pelleas.  Unter einem viehischen Don Giovanni stellt man sich doch etwas ordinäres, vulgäres oder ganz undefinierbares vor.

Dass Donna Anna überwältigt wird, zeigt die Krisensituation, in der sich Don Henschel hier befindet - es war wohl keine andere da. Dieser erste Auftritt der beiden machte deutlich, wie ein guter Dirigent schnell mit hoch erhobenem Arm Abstürze bei den gemeinsamen Tempi zu vermeiden in der Lage bzw. Auseinandergleiten abzufangen befähigt ist. Kirill Petrenko - wieder am Pult - gelingen Passagen, die - ohne zu hetzen - der Vorstellung ein ungeheuer duftige Spannung verleihen.

Dass sich Bettina Jensen schon auf 'Senta', 'Sieglinde' oder 'Isolde' vorbereitet, sich kraftmäßig ausstattete, sei ihr ja unbenommen, aber als Anna ? Ihre Stimmführung ausladend, weder fein unter'm Hut, um Schärfen zu vermeiden, noch gut geführt, um Schlackern aus dem Weg zu gehen.
Ganz gradlinig schafft Anne Bolstad die Elvira - mit dem Rollköfferchen immer hinter Giovanni her - mit gefassten nicht wabernden Tönen. Auch die Gestaltung der Rolle - eine klare Sache. Sie hat den Giovanni geschmeckt und will ihn wieder haben. Einfach nur so - nach den paar Tagen mit ihm in Burgos.
Dass sie wie in der Inszenierung von Angela Brandt ganz andere Überlegungen anstellen muss, kommt hier keinem in den Sinn.
Und dass Elvira den Rollentausch Giovanni/Leporello nicht mitbekommt - bei einer Sängerdarstellerin wie Anne Bolstad nicht nachvollziehbar, weil szenisch die Angelegenheit völlig daneben geht.
In Finnur Bjarnasson hat die KO BER einen echten lyrischen Mozart-Tenor, der in beiden Arien und durch die Darstellung des jammervollen, inaktiven Zuschauers - durch die Rolle vorgegeben - überzeugt.
Jens Larsen der Leporello - grob, laut - der Rolle angemessen - die neu und hinzugefügten Dialoge unterstreichen noch diesen Eindruck. Die stimme hat schon einiges erlebt, sie hat Falten und zeugt von einem erfüllten Sängerleben.

Das Paar Zerlina - Elisabeth Starzinger - und Florian Plock als Masetto - mit Charme im Spiel und in der Stimme. Ihr "Schlage, schlage" und das "Ich weiß ein Mittelchen" - so schön gesungen - doch Masetto verschwindet in der Versenkung, dabei war gerade er gut anzuschauen und anzuhören.

Der Komtur - James Moellenhoff - erscheint völlig unprätentiös zum Abendessen am runden Tisch bei Giovanni - kein großer Abgang. Don Giovanni kommt im Straßenanzug wieder - schneller Umzug - sitzt da im Sessel, angeblich gealtert - nicht zu erkennen, da Dietrich Henschel zeitlos aussieht.
Auch für ihn gilt: Hölle gibt es keine, also wird gelebt. Die Anna nimmt sich die Elvira, bei den sie umgebenden Männern keine Frage.

Ansonsten verkleckert der Abend und der Zuschauer fragt: Was soll's ?
Und hier liegt wieder das Problem des Musiktheaters. Junge Leute haben sich allenfalls mit dem Reclamheft auf den Abend vorbereitet. Jetzt wird ihnen ein 'Kunstwerk' vorgestellt - so jedenfalls meinen die Regie-Genies behaupten zu dürfen - mit dem sie nichts anfangen können und schon bleiben sie weg. Da kommt das Theater mal auf die Schnelle ins Gespräch, aber langfristig eine neue Klientel aufbauen, bringen sie, die Subventionierten, nicht fertig.

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"Und das ist auch gut so" - meinte mal einer und gab der gesamten Entwicklung zwischenmenschlicher Beziehungen - zumindest in Deutschland - eine entkrampfte Richtung.
Dass am Ende von Così fan tutte - nachdem was sie sich alles gegenseitig angetan haben, die Damen Fiordiligi und Dorabella mit den Partnern Ferrando und Guglielmo - dann zur besten aller Lösungen kommen, ist schlüssig: der Tenor Ferrando heiratet den Bariton Guglielmo.
Frauen und Männer passen eben nicht zusammen, zumal dann, wenn die Verbindung nur wegen der Hormonwallungen zustande gekommen ist, das gilt aber auch für Dame mit Dame und Mann mit Mann - das Muttermal ist nach drei Jahren bekannt, da muss in jedem Falle schon mehr sein, wenn nicht permanent ein Partnerwechsel stattfinden soll.

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Was ist das nur für ein Stück?
Die Damen auf der Bühne sollen angeblich nicht merken, dass sie gefoppt werden - an erster Stelle die muntere Despina - nicht vorstellbar.
Und keine Verkleidung ist sicher genug, nicht zu offenbaren, wer steckt in welchem Kostüm. Die Stimmen verraten es - niemand kommt umhin, festzustellen, dass der 'Odem der Liebe' zum Tenor gehört und wenn der wie an der KO in BER erklingt, weiß jeder, es ist Johannes Chum. Hinlänglich bekannt, dass Tenöre knapp sind, vor allem wenn sie aus dem europäischen Raum kommen. Dass dann ein junger, gut aussehender Sänger mit einer solchen Stimmtechnik verpflichtet werden muss, grenzt an den Willen zur Demontage eines Hauses.
Der Mann knödelt in einer hohen Lage, die Koloraturen werden verschmiert, wenn die Töne in den Passagen nicht kommen, wird mit Falsett und Bruststimme gemogelt, dass sich der Beobachter fragt, was ist zu tun ? Applaus der Höflichkeit halber, schweigen oder pfeifen. Hinzu kommt, dass durch das Öffnen von Strichen, der gute Mann und das Publikum noch mehr gequält werden.
Er kann einem wirklich leid tun - nur muss er doch selber hören, dass er auf dem Holzweg ist. Aber die Holzweg mit Knödel sind sicher und langlebig - es gab schon einige, die sich lange an großen Häusern mit dem halten konnten.

Wie angenehm der Guglielmo von Michael Nagy - die Stimme klingt, wie es sein soll, er spielt wie es sein soll - dazu noch der erfreuliche Anblick eines jungen Baritons.

Die beiden Perfektionistinnen Maria Bengtsson als Prima Donna Fiordiligi und Stella Doufexis als Seconda Donna Dorabella, mit aufeinander abgestimmtem Spiel und Wohlklang beim Vortragen der Partien. Hier ist die KO wirklich zu beneiden, um ein solch funktionierendes Damenpaar.
Dass die beiden sich aber so schnell von ihren Derzeitigen trennen, zeigt deutlich, in der Beziehung stimmt was nicht - oder soll es nur was Neues sein ?
Das gäbe es doch sicherlich auch in unmittelbarer Nähe in diesem Haushalt der Schwestern. Zumindest ließen sich da ein paar gut gebaute Jünglinge einbauen, die dann den Wechsel zu den plötzlich auftauchenden Fremden dem Publikum plausibel machten. Auf diese Einspielung verzichtet nun Peter Konwitschny.

Gertrud Ottenthal tut nach Devrient für Geld gar manches und zeigt sich den beiden in der ersten Reihe ebenbürtig - sie packt außerdem zu und zickt der Rolle gemäß nicht herum.

Dietrich Henschel heute Don Alfonso - der Drahtzieher der ganzen Geschichte. Zwar bremst ihn das Kostüm aus, zu körperlich zu werden, aber dieses zwingt ihn nicht zur eigentlich erwarteten deutlichen Führung.
Weder Zynismus, noch Lebensekel werden deutlich - Dietrich Henschel spielt die Rolle wie man sie sich halt so vorstellt. Hier könnte wirklich mehr kommen, eben schon die Infiltrierung der beiden Herren Ferrando und Guglielmo in Bezug auf das Ende der Produktion in BER, nämlich, dass die beiden sich bekommen.
Die Neuköllner Oper ließ die Herren schon bei der Nr. 23 auf einander los - sehr zum Unwillen der Dorabella - aber schlüssig - sie verschwanden unterm Tisch mit weit überbordender Tischdecke, aber schon innig küssend verbunden.
Auf diese Gängelungsmöglichkeit muss leider Alfonso verzichten. So bleibt er halt, was er ist - wenn ein Wolfram und ein Beckmesser die besseren Rollen für ihn sind. Wie man sieht, kann man damit gut international werden.

Die Mozart-Festgage an der Komischern Oper in Berlin mit Einführungen durch den versierten und charmanten Dr. Budde, die Nachbereitung des Abends durch den Dramaturgen Hintze, Pausenmusik, Bewirtung - eine gelungene Sache, die Wiederholung ist zu empfehlen. Das Publikum fühlte sich in diesem Rahmen offensichtlich wohl, kritisierte fachmännisch in der Nachlese und spendete den Damen und Herren auf der Bühne und im Graben heftigen Beifall.

 

 

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Ich
verstehe diese Besprechungen und Kommentare nicht als Kritik um der Kritik willen,
sondern als Hinweis auf nach meiner Auffassung zu Geglücktem oder Misslungenem.
Neben Sachaussagen enthält diese private Homepage auch Überspitztes und Satire.
Für diese nehme ich den Kunstvorbehalt nach Artikel 5 Grundgesetz in Anspruch.
In die Texte baue ich gelegentlich Fehler ein, um Kommentare herauszufordern.
Dieter Hansing
                                                   
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