23.12.04
 

"Kultur TÜV - 2010"

Wörtliche Umschrift
der Sendung in 3sat vom 13.8.04

 

TÜV-geprüft

Regensburg im Kulturhauptstadttest

Grandits-Anmoderation:
Die Initiative der Kulturstädte Europas geht auf die griechische Kulturministerin Melina Mercuri zurück.
Seit 1985 wird jährlich mindestens eine Stadt zur Kulturstadt Europas gekürt.
Ab 2005 heißt dieser Titel ’Kulturhauptstadt Europas’.
10 deutsche Städte haben sich für das Jahr 2010 beworben.

Wir zeigen Ihnen in unserer Serie heute die letzte Bewerbung: Regensburg.

Die Stadt an der Donau war ja im Mittelalter eines der kulturellen und politischen Zentren Europas. Jetzt möchte Regensburg an den einstigen Glanz anschließen.

Angelika Kelhammer prüfte für die Kulturzeit das kulturelle Profil der Bewerberstadt, fragte nach der Motivation ihrer Bewerbung und nach deren Relevanz für ein Europa des Jahres 2010. Wie Regensburg bei der Prüfung abgeschnitten hat, sehen Sie jetzt.

Beitrag

Kommentator:
Der Ausblick ist schön. Mittelalter pur, so weit das Auge reicht.

Jeder Stein atmet Geschichte. Innerhalb der Koordinaten Dom, Altstadt und Donau genießen neben den 128.000 Einwohnern auch zahlreiche Touristen die Atmosphäre und die Sehenswürdigkeiten der mittelalterlichen Stadt.
Patriziertürme wie in San Gimignano.

Die uralte Steinerne Brücke aus dem 12. Jahrhundert, die mal als achtes Weltwunder galt. Als einziger fester Übergang über die Donau war sie revolutionär. Regensburg ist schön. Warum also nicht Kulturhauptstadt werden.

OB Schaidinger:
Die ganze Stadt, soll, so stell ich mir Kulturhauptstadt Europas vor, eine Bühne sein. Und auf der Bühne wird gespielt und Europa soll sich in diesem Spiel wieder erkennen, soll inspiriert werden, soll zusammengefasst werden, soll differenziert werden, soll vereinigt werden.

Kommentator:
Die wertvolle Altstadt als Bühne für Europa. Wie im 17. Jahrhundert als Regensburg Stadt des immerwährenden Reichstages war und sich Gesandt aus ganz Europa sich hier versammelten und lebten.

Die Altstadt mit der Geschichte und Architektur ist der wichtigste Baustein der Bewerbung. Drumherum arbeiten die Regensburger an einem ganzen Katalog von Ideen. Ergänzen und verwerfen.

Man denkt nicht visionär, sondern in Etappen und freut sich erst einmal Bayerischer Kandidat zu sein.

Dr. Wolf-Peter Schnetz:
Ich nenne das immer bildlich, eine Pyramide. Die Pyramide wird bekanntlich nicht von der Spitze her gebaut, also nicht von der Projektidee 2010, was könnte das singuläre Ereignis von höchstem Eventcharakter und teuerster Machart im Jahr 2010 sein, die Pyramide wird von unten gebaut, die Bausteine, die Fundamente werden gelegt, deshalb gibt es das Ergänzungsheft, deshalb wird es das Projektbuch, äh, geben, damit die Pyramide wachsen kann.

Kommentator:
Die Pyramide 2010. Auf welchem kulturellen Fundament wird sie gebaut? In dem wichtigsten Museum, dem Kunstforum Ostdeutsche Galerie findet man große Namen des Jahrhunderts. Allerdings ringt das Museum mit seinem Stiftungsauftrag: der Pflege und Förderung von Künstlern aus ehemals deutschen Gebieten. Das bedeutet, wer hier vertreten ist, muss den richtigen Geburtsort haben. Immerhin, so kommt auch ein Markus Lüpertz, geboren 1941 im heute tschechischen Reichenberg nach Regensburg.

Zeitgenössisches findet man sonst noch in einem eher verwaisten Ausstellungsraum: Kunst aus der unmittelbaren Region.

Schwelgen kann dagegen in Kirchenkunst und Römerzeit. Auch 2010 ist mit Historischem zu rechnen. Geplant ist eine große Albrecht-Altdorfer-Ausstellung oder ein neues Museum für wissenschaftliche Geräte des 18. Jahrhunderts.

Kultur 2010 heißt: wenig Neues im Schatten des Domes.

Schiffspassagen werden zu kulturellen Schiffspassagen, aus dem Bayerischen Wald wird ’Das Grüne Dach Europas’.
Das ist Kosmetik.

Und der Herausgeber und Verleger der überregionalen Kunstzeitung, Karlheinz Schmid, vermisst den Aufbruch ist der Stadt.

Schmid:
Ich glaube das Problem in Regensburg ist, äh, die Gemütlichkeit, die Behaglichkeit. Es ist ein sehr angenehmes Klima, es lässt sich hier wunderbar leben, es lässt sich hier – ich sag’s bewusst so provokativ – wunderbar alt werden. Aber diese Gemütlichkeit ist nicht jedermanns Sache. Jemand, der sich für Kultur interessiert, der erwartet eine Lebendigkeit in einer Stadt, intensive Auseinandersetzung. Da muss der Diskurs gepflegt werden und leider, äh, in diesem Bereich, äh, gibt’s Minuspunkte ohne Ende zu verteilen.

Kommentar:
Das mittelalterliche Gewand sitzt eng. Domspatzen tragen den Namen der Stadt in die Welt hinaus und die renommierten ’Tage alter Musik’ sind in der Fachwelt ein Muss, aber sonst ?

Der Kulturetat sind etwas besser aus als andernorts, doch tut man sich schwer, Neues auf den Weg zu bringen.

Vision und Aufbruch ?

Die Bewerbung nennt bei Europa sofort Begriffe wie: Region und Heimat.
Ein geplanter Brunnen mit Klanginstallation hat nicht gerade europäische Dimensionen – auch wenn er Europabrunnen heißt.

Das einzige Projekt mit osteuropäischem Charakter ist bislang:
Die 'donumenta’. Ein weinig bekanntes Festival.
Jährlich ist ein Donauland in Regensburg präsentiert.
Eine neue Vision für 2010 gibt es aber leider nicht.

Regina Hellwig-Schmid
Für mich ist die Zusammenarbeit im Moment – wobei ich also dem Team gar nichts, sondern nur Positives nachsagen kann, denn die hat uns wenigstens noch rechtzeitig gebeten, für das Ergänzungsbewerbungsheft, Bilder zu senden, sonst wären wir da gar nicht vertreten gewesen. Und darauf beschränkt sich auch die Zusammenarbeit, dass wir also praktisch unser Projekt immer in das entsprechende Format formatieren, mal DIN A-4-Seiten, mal 4 DIN A-4-Seiten, oder neun-eineinhalb Zeilen und Bildmaterial zu liefern. Ansonsten ?!

Kommentator
Regensburg kreist in seiner Bewerbung vor allem um sich selbst.

Der verborgene Wunsch hinter vielen Ideen: „unsere Stadt soll schöner werden“.

Die altehrwürdige Schnupftabakfabrik soll endlich renoviert und der seit langen geplante Bau eines Kongress- und Kulturzentrums vorangetrieben werden.

Viele Orte dieser Stadt zeigen, was es heißt, liebevoll und bewusst mit Altem umzugehen, doch Regensburg ist absorbiert von der Beschäftigung mit der Geschichte.

Der Blick der Bewerbung ist nach innen gerichtet.

Schmid
Aber ich denke, man muss sich dabei auch immer, äh, Gedanken machen, ist denn diese Stadt schon in der Gegenwart angekommen. Oder leben wir noch in der Vergangenheit.

Und ich glaube, die Frage muss so beantwortet werden, muss so bejaht werden, äh, es ist zu sehr nach hinten gerichtet. Man macht sich zu wenig Gedanken, was diese Stadt leisten soll, was sie auch 2010 leisten kann. Es geht darum, dass man einige kulturelle Veranstaltungen stemmt und, äh, und hier mit Schlossfestspielen und ähnlichen, äh, akrobatischen Übungen, äh, das Programm bereichert, äh, es geht um langfristige Visionen. Um die Vorstellung, was Kultur in einer Stadtgemeinde, äh, einbringen kann, äh, wie Kräfte mobilisiert werden können, die auch das gesellschaftliche Leben in Regensburg über den Eventcharakter hinaus, lebendig und interessant gestalten.

Kommentator
Regensburg ist eine schöne, mittelalterliche Stadt, in jeder Hinsicht lebenswert.

Ein guter Kandidat für’s Weltkulturerbe. 2006 soll es soweit sein.

Wo kommen wir in Europa her, ist eine Frage, auf die Regensburg viele Antworten hat.

Zu wenig gefragt wird aber: wohin gehen wir ?
Deshalb ist Regensburg als Kulturhauptstadt wohl nicht geeignet.

Grandits:
Die Auswahl der innerstaatlichen Städte-Kandidaturen in Deutschland erfolgt nach einem dem zwischen dem Bundesrat, Kultusministerkonferenz und dem Auswärtigen Amt einvernehmlich festgelegten Verfahren.

Die Kandidaten müssen sich noch etwas in Geduld üben.

Ende des dritten Quartals 2005 teilt das Auswärtige Amt den Gremien der EU die deutschen Bewerbungen schließlich der Stellungnahme des Bundesrates mit.

DH