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Am
23. Mai 1814 erklang im Wiener Kärntnertortheater die dritte Fassung von
Beethovens Oper 'Fidelio', die dieser gerne als 'Leonore' dem Publikum
vorgestellt hätte - Theaterdirektor von Braun war anderer Meinung - er
präsentierte mit dem Libretto von Joseph Sonnleithner und Georg Friedrich
Treitschke 'Die eheliche Liebe' oder 'Fidelio'.
Seit der Uraufführung
am 20. November 1805 war das Werk aus der dreiaktigen in eine zweiaktige
Fassung und in der Zusammenstellung der Musikstücke mehrfach im ersten Akt
geändert worden. Jetzt aber war das Duett "Um in der Ehe froh zu leben" und
das Terzett "Ein Mann ist bald genommen" aus den früheren Fassungen
eliminiert und die 'Goldarie' des Rocco wieder eingefügt. Beibehalten wurde
von den frühen Fassungen das Duett Marzelline - Jaquino "Jetzt Schätzchen
jetzt sind wir allein" und die Arie der Marzelline "O wär ich schon mit dir
vereint" in der Form des Singspiels, 'ein kleines Schauspiel mit
eingestreuten Gesängen und selbständigen Instrumentalsätzen'. So die
Definition. Fidelio sei immerhin bis zur 'Goldarie' Beethovens einziges
Opern-Werk ein Singspiel. Eine opéra comique, musikalisch wie auch im
Handlungsablauf ganz nach französischem Verständnis, mit der typischen
Verkleidungsdramaturgie.
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Aufführungstermine Fidelio |
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1805 |
20.
November |
Theater an
der Wien |
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1806 |
29. März
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Theater an
der Wien |
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1814 |
23. Mai
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Kärnterthortheater |
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Das ändert
sich mit dem Marsch Nr. 6. Von hier an ist Beethovens Fidelio eher
der Schreckens- und Rettungsoper nach Luigi Cherubinis 'Les deux
journées' oder 'Elisa' zuzurechnen, jedoch mit oratorischem
Charakter, der sich gerade im Finale des zweiten Aktes verdeutlicht
als jede Handlung weitgehend unterbleibt. Ein symphonischer Grundzug
ergibt sich eben durch den Marsch, der den neuen Handlungsstrang im
ersten Akt einleitet und der Ouvertüre Nr. 3 als Verwandlungsmusik
zum Finale des zweiten Aktes.
Die Fassung von 1814 beinhaltet politische Gewalt und Unterdrückung und deren Aufhebung durch Recht und Gesetz, Befreiung und Lösung des
Problems in letzter Minute, quasi nach dem Grundsatz des
überraschenden Finales - hier durch das Auftreten von Don Fernando.
Im Fidelio erscheint, nachdem Leonore ihr "Töt erst sein Weib" dem
Pizarro entgegengeschleudert hat, quasi im letzten Moment, der
Minister wie ein auch der Barockoper stammender 'deus ex machina'
die Rettung bringt.
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Besetzungszettel Fidelio in München |
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Beethovens gesamtes Werk 'leidet' an der
Überstrapazierung der klanglichen Mittel. Die Instrumente sind
starken Belastungen ausgesetzt, so stellte Carl Czerny fest, die
damaligen schwachen und unvollkommenen Instrumente hielten
Beethovens gigantischen Vortragansprüchen oft noch gar nicht aus.
Dass diese Einwände Beethoven weitgehend ungerührt ließen, erfuhr
Ignaz Schuppanzigh, der sich über eine schwer
zu spielende
Violinpassage ausließ, als Beethoven ihm antwortete: "Glaubt Er, daß
ich an Seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht."
Es ist sicher noch möglich, einen hohen Ton auf der Violine
mehrere Takte lang zu spielen. Anders sieht es bei der menschlichen
Stimme aus. Beethoven war aber der Meinung, dass der Gesang sein Führer
sei und er sein fließendes Schreiben nach der gesunden Vernunft und
dem reinen Geschmack entsprechend ausführe. Dies ist leider kaum
nachvollziehbar, denn wird Nr. 11, die Florestan-Szene "Gott welch
Dunkel hier" mit dem nachfolgenden "In des Lebens Frühlingstagen"
mit ihrer instrumentalen Stimmführung als Beispiel herangezogen,
kann dem nur widersprochen werden. Das hohe G, nachfolgend das A und
B (Takt 111 - 114), quält gerade einen schweren Tenor, der nur
dieser Rolle in Bezug auf das 'dicke Orchester' gerecht werden kann.
In der Fassung von 1805 und 1806 ließ Beethoven wie ein
Instrumentalmusiker die Leonore im Duett mit Florestan "O namenlose
Freude" das hohe H neunmal hintereinander singen und darauf noch
mehrfach das hohe C setzen. Den Parforceritt reduzierte Beethoven
dann, als er selbst die Problematik dieser Stimmführung erkennen
musste.
Wilhelmine Schröder,
die erste dramatische Sängerin
heutiger Prägung, damals
noch ohne den ehelichen Appendix 'Devrient' - sang 1822 ihre erste Leonore und
kreierte mit dieser Rolleninterpretation den Typ der singenden
Schauspielerin. Aus der Opera seria oder buffa kommend, waren die
Protagonisten gewohnt, ihre Arien an der Rampe zu singen, allenfalls
in den Rezitativen Bewegungen zur Darstellung der Handlung
auszuführen.
Wilhelmine Schröder lebte die Rolle der liebenden Frau, die ihren
Mann aus dem Kerker befreien will.
Hatte sie bereits früher als Romeo die aktive Darstellerin
geschaffen, so überzeugte sie den jungen Richard Wagner als Leonore
in Leipzig.
So schreibt er in 'Mein Leben':
"Als ein andres Wunder, welches uns ebenfalls von Dresden zukam,
meinem künstlerischen Gefühle plötzlich eine neue und für das ganze
Leben entscheidende Richtung gab. Dies war ein kurzes Gastspiel der
Wilhelmine Schröder-Devrient, welche damals auf der vollsten Höhe
ihrer Künstler-Laufbahn stand, jugendlich, schön und warm, wie nie
seitdem auf der Bühne mir ein Weib erscheinen sollte. - Sie trat in
’Fidelio’ auf.
Wenn
ich auf mein ganzes Leben zurückblicke, finde ich kaum ein Ereignis,
welches ich diesem einen in betreff seiner Einwirkung auf mich an die
Seite stellen könnte. Wer sich der wunderbaren Frau aus dieser
Periode ihres Lebens erinnert, muß in irgendeiner Weise die fast
dämonische Wärme bezeugen können, welche die so
menschlich-ekstatische Leistung dieser unvergleichlichen Künstlerin
notwendig über ihn ausströmte. Nach der Vorstellung stürzte ich zu
einem meiner Bekannten, um dort einen kurzen Brief aufzuschreiben,
in welchem ich der großen Künstlerin bündig erklärte, daß von heute
ab mein Leben seine Bedeutung erhalten habe, und wenn sie je
dereinst in der Kunstwelt meinen Namen rühmlich genannt hören
sollte, sie sich erinnern möge, daß sie an diesem Abend mich zu dem
gemacht habe, was ich hiermit schwöre werden zu wollen. Diesen Brief
gab ich im Hotel der Schröder-Devrient ab und lief wie toll in die
Nacht hinaus. Als ich im Jahre 1842 nach Dresden kam, um mit dem Rienzi
zu debütieren, und nun mich oft im Hause der freundlich
gewogenen Künstlerin aufhielt, überraschte sie mich eines Males durch
treue Rezitation jenes Briefes, welcher auch
auf sie Eindruck
gemacht zu haben schien, da sie sich ihn wirklich aufbewahrt hatte."
Erster Akt, Nr. 1 Duett - Marzelline - Jaquino
Es enthält keine wesentlichen gesanglichen Schwierigkeiten. Es
sollte präzise gesungen und deutlich artikuliert werden. Eine an
Mozart geschulte Sängerin wird auch den zweiten Teil (un poco più
Allegro, ab Takt 182) flink und perlend ausführen können.
Erster Akt, Nr. 2 - Arie der Marzelline
Diese hat ihre Tücken, da sie von der Sängerin den biedermeierlichen
Soubretten-Ton verlangt, im letzten Teil, ab 'Poco più Allegro'
(Takt 53) und noch gesteigert ab 'Più moto' (Takt 66) eine Stretta
erwartet wird, die eher an das Finale eines Trompetenkonzertes, denn
an eine Arie gemahnt. Ist diese Partie mit einer lyrisch-schweren
Stimme besetzt, hebt sie sich zu wenig von der Leonore ab, singt sie
den zweiten Teil der Arie mit geforderter, heroischen Stringenz auf
dem crescendierten hohen G intentionsgerecht, hat sie aber
Schwierigkeiten mit der permanent hohen Lage, unsanglichen
Oktavsprüngen, harten Punktierungen und andererseits der
kleinmädchenhaften Stimmvorstellung des süßen Bräutchens. Diese
Partie ist unangenehm und ungeliebt, da sie, von der leichten oder
schwereren Besetzung ausgegangen, selten beide Erfordernisse
befriedigt.
Erster Akt, Nr. 3 - Quartett
Ein Juwel instrumentalen Singens, dynamischer Feinabstimmung, des
Auf-einander-Hörens, Kammermusik. Dick gemachte Stimmen haben hier
nichts zu suchen. Auch Rocco, wenn er zu schwarz und schwer bassig
besetzt ist, hat es nicht leicht in der hohen Lage mit vielen C-s
und D-s, ohne aus dem Timbre zu rutschen, delikat piano zu singen.
Stimmlich birgt dieses Stück für Leonore, Marzelline und Jaquino
keine Schwierigkeiten, so dass sich alle auf ein beseeltes
Musizieren konzentrieren können.
Erster Akt, Nr. 4 - Arie Rocco
Eine Bass-Buffo Arie, die eine schlanke baritonale Stimmführung wegen ihrer
hohen Tessitura erfordert. Die seit George Szell und Karajan zur Steigerung
der Brillanz immer höher gewordene Orchesterstimmung quält auch die
Bassisten, die ein väterlich, dunkles Timbre auf Beethovens zahlreich hohe
D-s mit Leichtigkeit bringen sollen. Kluger ökonomischer Aufbau der Linien,
ein immer wieder bewusstes Entspannen der Kehle und der Zungenwurzel beim Parlando sind erforderlich, um diese leicht scheinende, schwere Arie zu
bewältigen.
Erster Akt, Nr. 5 - Terzett Leonore - Marzelline - Rocco
Dieses beinhaltet Rocco's hausväterliche Gutmütigkeit in Erwartung eines
Schwiegersohns, Marzellines schwärmerische Verliebtheit und Leonores
Entschlossenheit, aber auch ihre Angst vor der Entdeckung ihrer wahren
Identität sowie vor dem Hinabsteigen in den unterirdischen Kerker. Die zwei
Frauenstimmen besingen die süßen und bitteren Tränen der Liebe in
konkurrenzloser Terzenseligkeit wie Fiordiligi und Dorabella in 'Cosí fan
tutte'. Beethoven tauscht bei der Wiederholung die Stimmlagen aus wie in
einem Konzert für zwei Violinen. Die Stimmfarben der Sängerinnen dürfen also
nicht zu krass differieren. Stimmtechnisch enthält dieses Terzett keine
größeren Schwierigkeiten, vielleicht bis auf das ad libitum hohe C von
Marzelline am Schluss,
wenn sie es denn singen kann und will. Das Terzett
bietet die Möglichkeit, mit Freude und ohne Angst zu singen.
Erster Akt, Nr. 7 - Arie des Pizarro
Beethoven charakterisiert diesen brutalen Machtmenschen mit Tempo 'Allegro
agitato', Tremoli in den Bässen, einem synkopischen Beginn der 1. Violinen,
Sforzati auf den melodischen Gruppen und einer sich bis zum Fortissimo
steigernden dreimaligen Exklamation des Baritons (Takt 5 -7), eine Arie,
die mit unangenehmen, kalten Oktavsprüngen und schleichenden, chromatischen
Gängen, hohes D ("O Wonne" / Takt 17-20) auszuhalten, den Chor mit hartem Parlando übertönen, am Schluss wieder ein
von Takt 117-118 auszuhaltendes hohes D, um dann melodisch in die Tiefe
abzustürzen, eine höchst strapaziöse, aber selten Erfolg bringende
sängerische Leistung zu vollbringen hat.
Erster Akt, Nr. 8 - Duett Pizarro - Rocco
Ein mit der Tempovorgabe 'Allegro con brio' singspielhaftes Duett
ohne erhebliche stimmliche Schwierigkeiten, allenfalls die
wiederholten hohen E-s (Takt 155-162) für Pizarro am Schluss.
Erster Akt, Nr. 9 - Rezitativ und Arie der Leonore
Ein kompositorisches Meisterwerk, in dem alle Gefühlsschattierungen
den entsprechenden melodischen und orchestralen Ausdruck finden. Das
dramatische Rezitativ am Anfang weist in die Romantik hinein. Weite
Intervallsprünge fordern von der Sängerin einen guten
Registerausgleich, sonst klingt es, als sänge sie mit zwei
verschiedenen Stimmen, präzises acuto beim Zugriff auf die
expressiven Töne ("rührt nichts mehr" (Takt 14) und "Zorn und Wut" Takt
20-21)), die keinesfalls angeschleift werden dürfen, der
'Farbenbogen'
(Takt 23), von Bläsern begleitet, kann durch schlichte
Echtheit überzeugen - denn er singt sich gut (das G (Takt 23) ist
hier ein angenehmer Ton) und muss ohne falsche Drücker die Utopie des besseren Lebens voll stillen Leuchtens ausdrücken.
Das Adagio, eine romantisch mit Hörnern geschilderte Idylle ist
liedhaft, steigert sich nach einem versonnen-träumerischen
Aufwärts-Lauf ab Takt 49) zum schwersten Ton der Partie (Takt 52),
dem hohen H - nach einem anstrengenden Aufstieg, um dann über zwei
Oktaven sich in der Tiefe zu verinnerlichen.
Trotz größten Ausdruckswillens muss die Sängerin hier klug und
ökonomisch vorgehen, denn durch Vergeudung von Atemdruck bei zu
großer Mundöffnung, fehlt die letzte Spannung, um das H zu singen
und dies nicht zu schreien.
Im 'Allegro con brio' heißt es locker bleiben und jede kleine Pause
zur Entspannung der Kehle nutzen, damit die 'piu lento'-Phrase die
nötige Süße und Innigkeit erhält. Ab
Tempo I (Takt 117) beginnt eine Stretta, die zwar drängend sein muss, der Stimme in der tiefern Lage
aus dem piano immer wieder Gelegenheit zu kurzer Regeneration gibt.
Die hohen Gis, besonders das über Takt 138-139 gehaltene, muss sul
fiato fließen und darf keinesfalls gestemmt sein, der aufsteigende
Lauf zusammen mit den Hörnern muss sehr locker gesungen werden, für
den Takt des Laufes zum hohen H, bei dem das Orchester den Akkord
stehen lässt (Takt 141), muss der Dirigent der Sängerin die
Möglichkeit zum Atmen lassen, so dass sie sich in der Kürze der Zeit
in vollster Konzentration ihre Kräfte für das hohe H einteilen kann.
Birgit Nilsson riet für solch schwere Stellen immer wieder: 'sparen,
sparen, sparen',
damit der Spitzenton rund und leuchtend mit
natürlichem Vibrato klingt. Gelingt er, ist
es wie ein Olympiasieg im Hochsprung !
Erster Akt, Nr 10 - Finale
Hier kann der Chor dynamische Flexibilität und Klangkultur zeigen.
Das Tenorsolo hat schon manche Karriere eröffnet, gibt es doch einem
jungen, lyrischen Tenor in wenigen Takten Gelegenheit, Schmelz und
Beseeltheit zu zeigen.
In der Besetzung der kleinen Partien offenbart sich die Qualität
eines Hauses !!!
Der Zwiegesang von Leonore und Rocco - 'Andante con moto' - verbirgt
hinter dem singspielhaften, leichten Ton, der oft parallelen Führung
der Stimmen, die Angst, die beiden gemeinsam ist und Leonores
seltsames Melisma im 6. Takt vor 'Allegro molto' erscheint wie der
Mut der Verzweiflung, dokumentiert stimmtechnisch Leonores
Verwandtschaft mit Fiordiligi und keinesfalls mit der Wucht von
Richard Strauß' Elektra.
Im Sextett mit Chor ist jede der Figuren mit ihren Gedanken allein,
ein chorischer Satz, bei dem die Solisten ihre Einzelsätze deutlich
sprechen, aber nicht hervorstechen sollten.
Zweiter Akt, Nr. 11 - Rezitaitv und Arie des Florestan
Die Introduktion mit der Tempobezeichnung 'grave' ist ein Tongemälde, auf
kommende symphonische Dichtungen hinweisend: voll Einsamkeit, grauenvoller
Angst, unregelmäßigen Herzschlägen, verzweiflungsvollem Aufbäumen und
hoffnungslosem Zusammensinken bis zu Florestan's Aufschrei: "Gott, welch
dunkel hier!" Der erste Ton, das G, sollte erschüttern, also nicht mit der
Stimme protzen. Die folgenden Sätze des Rezitativs, fein abgestuft wie es
der Text vorgibt, eröffnen dem Sänger die Möglichkeit, die Seelenlage eines
Gefangenen im Dunkel der Einzelhaft zu schildern. Die Klage über "das Maß
der Leiden" (Takt 43-44) erinnert an Jesu: "Eli lama asabthani" in Bach's
Mathäuspassion, Ausdruck von Verlassenheit und Hilflosigkeit, veredelt durch
eine melodische Wendung, die zutiefst berührt. Im 'Adagio cantabile' kann
der Tenor zeigen, dass er auch ein feinsinniger Liedersänger ist. Im 'Poco
allegro', in einer an Wahnsinn grenzenden, doch ruhigen Begeisterung - so
lautet die Regieanweisung - spielt sich für den Tenor auf 2 1/2 Seiten
Klavierauszug ein Kampf ums Überleben ab, den ihm Beethoven, der ja nur
instrumental dachte, ohne Rücksicht auf die Funktion der menschlichen Stimme
auferlegt. Hohe G-s, danach hohes B (Takt 111-114 und Takt 117-120) sind für
die menschliche Stimme ein Martyrium. Als ein Weiteres kommt die hohe
Stimmung der Orchester hinzu.
Zweiter Akt, Nr. 12 - Melodram und Duett
Eine fein gezeichnete musikalische Miniatur, die den Zuhörer
mitfrieren lässt. Im Duett stehen sich Rocco's Buffo-Plappern und
Leonores schwungvolle Hoffnungsmelodie gegenüber bis Leonore nach
den befremdenden Triolenketten (Takt 103-105) Rocco's Plaudern
übernimmt und sie beide das Duett unisono beenden, wobei die Passage
keine stimmlichen Schwierigkeiten beinhaltet .
Zweiter Akt, Nr. 13 - Terzett
Ebenso hier gibt es keine stimmlichen Probleme. Mit einer noblen
Melodie eröffnet Florestan das Terzett, die er im "Euch werde Lohn
in besseren Welten" übernimmt und in die Leonore wie in einem Kanon
einsteigt als Symbol für die Gleichheit ihrer beider Gefühle. Ein
zartes, ergreifenden Ensemble, das ohne Pomp musiziert, zu Herzen
gehen soll.
Zweiter Akt, Nr. 14 - Quartett
Pizarro hat unmelodiös und für ihn anstrengend in hoher Lage
'eintönig' (ab Takt 32) seine Rachepläne zu verkünden. Bevor Leonore
eine lange Reihe von 15 hohen G-s (ab Takt 74) zu singen hat,
gesteht Beethoven ihr wenigstens einige Quarten zu, um dann nach der
strapaziösen Strecke das berühmte "Töt erst sein Weib" auf dem
hohen B zu singen.
Die folgende Auseinandersetzung zwischen Leonore und Pizarro endet
mit der Tempobezeichnung 'Un poco sostenuto', dem erlösenden
Trompetensignal, das die Ankunft Don Fernandos und das Ende von
Pizarros tyrannischer Herrschaft ankündigt.
Ein kurzer Choral drückt Leonores und Florestan's Dankbarkeit aus. Das Quartett
(4. Auftritt)
in der 'ritterlichen' Tonart D-Dur verlangt besonders der Leonore
mit über mehrere Takte gehaltenen hohen G-s und A-s (Takt 30-51) viel
sängerische Kondition und gekonnten Stimmsitz ab.
Zweiter Akt, Nr. 15 - Duett Leonore - Florestan
Im Tempo 'Allegro vivace' besingen Leonore und Florestan - einander
motivisch folgend - ihre überschwengliche Wiedersehensfreude. Takt
22-23 führt die Stimmen in einem kurzen Adagio zum Duett in Terzen
zusammen, um in Takt 24, Tempo I, wieder loszustürmen, in atemlosen
Orchestersynkopen sich freudig wahrzunehmen, kanonhaft das
melodische Material zu wiederholen bis zur Climax Leonores auf dem
hohen B. Danach ein abrupter Schluss der Singstimmen, ein Verstummen
in der Umarmung und
ein zart verklingendes Nachspiel. Die aufgewühlte Stimmung in diesem
Duett, für Florestan in unangenehm hoher Lage, trägt
die Sänger aber über die Schwierigkeiten
z.B. Leonores lang
ausgehaltene hohe A-s (Takt 57-59) hinweg und
gibt ihm den Charakter eines emphatischen Freudentaumels.
Zweiter Akt, Nr. 16 - Finale
Das furiose, jubelnde Finale "Heil sei dem Tag" ist für den Chor
ebenso unsanglich wie
die Chöre in der Neunten oder der Missa solemnis, bei der die Soprane des Chores auf dem hohen As einsetzen
und über sieben Takte hinweg auf dem hohen A oder gar B singen
müssen. Auch für die Solisten gibt es stete Tonwiderholungen in
hoher Lage - exstatisch und in blankem C-Dur - die den Publikumserfolg
herbeizwingen.
Die aufgestaute Spannung löst sich im 'Allegro vivace'. Die rasende
Hast der im Wechsel gesungnen Phrasen fordert von Leonore und
Florestan äußerste Konzentration auf die Atemführung, um trotz der
kleinen, lyrischen Entspannung beim 'Adagio' und dem Beginn von
'Tempo I' nicht zu hyperventilieren, Leonores über 2 1/2 Takte
auszuhaltendes hohes A ohne Überdruck zu platzieren, die
Pianissimo-Stelle zur Erholung zu nutzen, um mit einem hohen H bei
dem "Dank dir Gott, für diese Lust" die Partie abzuschließen.
(gml)
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