"Selbstverwirklichung
was für ein scheußliches Wort"
06.12.04
   

'Ritter, Dene, Voss'
von Thomas Bernhard

 
   
   
"Unsere Frühstücke haben sich
seit zwanzig Jahre nicht geändert
seit dreißig Jahren nicht
wir streichen seit dreißig Jahren
das gleiche auf das gleiche Brot
und trinken den gleichen Tee dazu
findest du nicht
daß wir uns umbringen sollten"

Drei Kinder eines Großindustriellen inzwischen selber nicht mehr ganz jung im
Esszimmer, im Hintergrund eine Schiebetür mit Glaseinlage rechts daneben eine Anrichte, eine Tür folgt, neben der Tür eine Standuhr.
Auf der gegenüberliegenden Seite in Höhe der Standuhr ein Fester mit einem Rollo. Ein ausladender, die ganze Decke einnehmender Kronleuchter.
An den Wänden Ganzkörper-Gemälde der Familie. Mutter ist tot, der Vater ist vor zwanzig Jahren gestorben.

Die Töchter leben noch immer im Haus der Eltern, sie sind wohlhabend und an einem Theater mit 51 Prozent beteiligt. Das ermöglicht den beiden Schwestern von Zeit zu Zeit, wenn es ihnen gefällt in Rollen nach Wunsch aufzutreten. Die jüngere Schwester verbringt den Tag mit lesen und rauchen, die ältere Schwester kümmert sich um den Haushalt und tippt handschriftliche Textvorgaben des Bruders ab, der als Privatpatient in eine Heilanstalt geflüchtet ist, um dem elterlichen Haus und den Schwestern zu entgegen.

"... einmal sagt er es sei Kunst
dann wieder
es sei Philosophie
oder er sagt es sei Unsinn ....
... Unser Bruder ist ein Genie
kein Narr
eines Tages arbeiten sie an allen Universitäten
über ihn
in Amerika
überall
obwohl er selbst
alles das er geschrieben hat
immer wieder
als Unsinn bezeichnet
nicht als Schwachsinn als Unsinn"

Kinder, die sich aus eigener Umklammerung und auch nicht aus der ihrer Vorfahren befreien können.
Da keine Notwendigkeit besteht, den Lebensunterhalt zu verdienen, ist auch kein Drang gegeben, das Leben außerhalb des Hauses zu gestalten.

"Die Großindustriellentöchter Worringer
die zu ihrem Theaterdirektoronkel geflüchtet sind
aus Langeweil
aus Lebensüberdruß
ans Josephstädter Theater gekommen"

Ritter, Dene, Voss von Thomas Bernhard am BE bei Peymann.

Ritter ist Ilse Ritter, die Schwächlich-zarte, die Bleiche "die Untalentierte die Hoffnungslose" die Verständnisvolle, sie lauscht, die kommentiert, plaudert, plappert, erläutert, definiert

"Vor den Schwachen in acht nehmen
hat der Vater immer gesagt
denn sie sind die eigentlich Starken
die Schwachen beherrschen uns
nicht die starken
das Sogenannte beherrscht uns
nicht das Eigentliche das Wirkliche das Tatsächliche"

gibt Stichworte, lebt im und vom Dabeisein, ist schnippisch, strahlt und ist dann doch nur in sich, zurückgezogen.

"Es gibt nichts Schöneres
als einen verregneten Nachmittag im Bett"

Kirsten Dene ist Dene, sie agiert, um zu bewahren, schickt die Hauhaltshilfe weg, holt den Bruder aus der Anstalt, schafft für ihn die alte gewohnte Umgebung, kocht indem sie aufwärmt, macht Brandteigkrapfen, kopiert Bewegungen, die die Mutter gemacht hat, ruft mit deren Stimme: „Ludwig" - versucht ganz in ihm aufzugehen. Und es gelingt ihr nicht, durch Opfer an den Bruder heranzukommen.

Kirsten Dene, wie sie die Augen aufschlägt, wie sie sich bewegt, servil, rücksichtsvoll, sie ist die Sentimentale, die Lyrische, die leidet um des Bruders Willen und um sich selber eine Chance der "Selbstverwirklichung" zu geben, erschrickt ob harscher Worte, wird beleidigt, ist beleidigt - sie, ist die Leise, die stumme Frau Bruscon, die Attackierte - ist nicht eine Lady Macbeth.

Gert Voss ist Ludwig - der Scharlatan, mit allen Farben des ‘Weltverbesserers - mault, schreit

"Ihr habt euch malen lassen
ihr seid schamlos genug
und habt euch malen lassen"

Ludwig ist Gert Voss, der vorgibt ein Dichter, Denker, Philosoph zu sein, um sich auszugrenzen von den Schwestern und dem Haus, der Umgebung der Kindheit und Jugend, allem Unbewältigendem, der Familie.

Und sitzt am Ende doch entkräftet, aber eben wieder mit den Schwestern zusammen.

"Alle drei trinken Kaffee"
Vorhang

Wer wird dieses Stück, diese Rollen spielen, wenn Ritter, Dene, Voss nicht mehr sind.
Ritter, Dene, Voss um eine gescheiterte Befreiung aus der Umklammerung einer Familie, einer Tradition - das Thema ist zeitlos so das Stück immer gültig, wenn die zukünftigen Protagonisten darauf achten, dass die Sprache nicht auf der Strecke bleibt. Alle drei, Ritter, Dene, Voss sind teilweise selbst in der neunten Reihe kaum hören, geschweige denn zu verstehen. Das liegt nicht nur an der Stimmgebung, sondern vor allem in Bezug auf die Artikulation - Konsonanten werden kaum gesprochen, so vermulmt der Bernhard’sche Text ins Unhörbare und Unverständliche.

Daher sei gemahnt an Thomas Bernhard und seinen ‘Theatermacher’

"Die Leute können ja überhaupt nicht mehr sprechen
Selbst an unseren Staatstheatern
kann kein Mensch mehr sprechen
In den berühmtesten Theatern von Deutschland
wird heute gesprochen
daß einer Sau graust"

Wie alle drei aber im Spiel dran sind, selbst zwischen dem eigenen Gesprochenen die Pausen belebt füllen, oder die Partner am Gesprochenen des Anderen teilnehmen.

Schauspiel am Berliner Ensemble bei Peymann in ‘Ritter, Dene, Voss’ mit Ritter, Dene, Voss.

DH