'Les Misérables'    22.12.05
Theater Regensburg

Gestemmt und nicht verhoben

 

Eine unglaubliche Ensembleleistung - auf und hinter der Bühne - wurde geboten. Dieses Theater ist zwar das Theater der Metropole der Oberpfalz, aber ohne adäquate Mittel und wie im Falle der 'Miserablichten' ganz auf die Menschen angewiesen.

Regisseur Forche hat das Stück - nach eigenem Bekunden - vielfach gesehen, erst nicht verstanden und durch wiederholten Besuch von Vorstellungen, sich eine Version geschaffen, die er nun auf diese Bühne als Bayerische Erstaufführung brachte.
Und Forche weiß, seine Truppen zu bewegen, kein sinnloses Hin und Her, sondern in Maßen, zur Darstellung der Situation. Er vergisst nicht, durch Details, den/die Einzelne/n aus den großen Ensembles und Tableaus herauszuheben.

Misst man diese Produktion mit der bei Peter Weck in Wien oder mit den Aufführungen in Berlin, so fehlt hier die Opulenz, die größeren Massen auf der Bühne. So ist es um so erstaunlicher, mit welch geringen Mitteln, plausible Szenen arrangiert werden.
Hier ragt aus dem Team der Macher der Bühnenbildner Konrad Kulke heraus, der mit faltbaren Wänden ständig 'im-Bühne-drehen' neue Räume schafft, die von den Akteuren angenommen und bespielt werden.

Jemanden aus dem Ensemble hier herausheben zu wollen, fällt schwer. Jeder hat seinen Platz im Gesamten und füllt ihn. Und außerdem ist es Geschmacksache, ob man Brent L. Damkier als Enjolras an die erste Stelle setzt, oder Ruth Müller oder ob jemandem nun Matthias Pagani als Jean Valjean besser gefallen hat - hier sind die Geschmäcker verschieden.

Sicher ist zu bedauern, dass Dirigent Manfred Knaak manch SolistenIn einfach mit seinem Orchester-Apparat zudeckte. Von Frau Vöckel als Eponine war kaum etwas zu hören, von verstehen, ganz zu schweigen. Der Mikroport half nicht, im Gegenteil, führte er noch dazu, nicht lokalisieren zu können, wer singt jetzt was, wo. Dies besonders bei Ensembles. Alles kommt akustisch aus einer Richtung und ist dem Einzelnen nicht zuzuordnen, zumal dann, wenn alle mehr oder weniger zur gleichen Zeit den Mund bewegen.

Wer seinen Victor Hugo nicht kennt, tut sich schwer, im Detail der Handlung folgen zu können. Um so berührender, wie im dritten Rang zu beobachten, die Zuschauer auf den Brüstungen lümmelten, aufstanden, sich in den Gang stellten, an Pfeilern lehnten oder sich irgendwo hinhockten, um ohne Beschränkung hinunterzuschauen, eventuell sogar zu verstehen, was sich da auf der Bühne abspielte. Und wenn er oder sie eben den Gang der Handlung nicht verstanden, so doch vom Olymp aus fasziniert zuzuschauen, wie mit einfachsten Mitteln, ein paar verstellbaren Wänden auf einer Drehbühne, effektvolles Theater gemacht wird.

Und wenn an dem Premieren-Abend etwas nicht nach den Vorstellungen der 'Schwarzen' funktionierte, der Outsider merkte es doch sowieso nicht.

Passierte dann eine Panne wie eine umfallende Straßenlampe - wohl die aus 'Harvey' - so ergab sich aufgeregt mitten in die Vorstellung hinein der Kommentar:
"Mei homs des g'sehn, beim Drahn is des passiert. Mei stell'ns eana vor, die Lamp'n hät doch dem Madl 's Hirn eischloga kenna."

Das Publikum war dran, erlebte eine große Leistung des Hauses am Bismarckplatz und dankte es den Menschen vorne auf und hinter der Bühne, Darstellern wie Technikern, mit lang anhaltendem, begeisterten Applaus.

Facit und Empfehlung: Hingehen und die Leistung würdigen.
 

DH