Theater Regensburg
23.10.04


"Komm in die Gondel"

 

 
         
   
     
 
  Johann Strauß
 
Eine Nacht
in Venedig
Operette in drei Akten
nach einer französischen Vorlage von Eugène Cormon und Michel Carré
Text von Camillo Walzel (Friedrich Zell) und Richard Genée
   

Noch gar nicht lang ist es her - erst am 5. Dezember 1993 fand die Premiere der letzten Produktion der 'Nacht in Venedig' im Theater am Bismarckplatz in Regensburg statt.
Christoph Jung durfte damals dirigieren, K. D. Köhler und Andreas Baesler erstellten eine Regensburger Fassung, die im wesentlichen aus Strichen bestand.
Die möglichen Extemporés von Berthold Gronwald als Senator Delacqua waren die Würze des Abends.

Andreas Baesler inszenierte damals. Inzwischen ist dieser als Regisseur einigermaßen arriviert und macht in der Spielzeit 2004/2005 in Münster 'Halka' und in Gelsenkirchen 'Benvenuto Cellini', 'Attila' und 'L'incoronazione die Poppea'.
Die Leib und Magen-Ausstatterin von Dr. Peter Kertz - Dorothea Jaumann - gestaltete 1993 Bühne etwas kärglich-kläglich. Während der Pause musste die Bühnenschräge mit schwarzen Platten belegt und diese mit viel Geräusch verschraubt werden, um Wasser vorzutäuschen, auf der die Gondel des Herzogs 'schwamm'.
 

 
 Besetzung der Regensburger Fassung aus der Spielzeit 1993/94
 Guido, Herzog von Urbino  Axel Mendrok 
 Senator Delaqua  Berthold Gronwald 
 Senator Barbaruccio  Rolf Arndt
 Senator Testaccio  Wolfgang Richrath
 Barabara, Delaquas Frau  Heidi Maegerlein
 Agricola, Senatorsgattin  Andrea Mink
 Annina, ein Fischermädchen  Ursula Hennig
 Caramello, herzogl. Leibbarbier  Jonas Kaufmann
 Pappacoda, Makkaronikoch  Kurt Schober
 Ciboletta, Zofe bei Delaqua  Christiana Knaus-Waldmann
 Enrico Piselli, Neffe Delaquas  Michael Ophelders/Matthias Schlüter
 Centurio, Page des Herzogs  Chris Friedrich
 Balbi, Page des Herzogs  Monika Maisel
 

1993 - 1994 machte Regensburg Bekanntschaft mit dem jungen Jonas Kaufmann als Caramello. Heute - 10 Jahre später - ist er einer der gesuchtesten Tenöre - inzwischen Berlioz's Faust - für alle großen Theater und Konzertsäle der Welt.

    

 
 

Am 3. Oktober 1883 fand die Uraufführung der Nacht in Venedig nach dem Buch von Friedrich Zell und Richard Genée in Berlin statt - und fiel durch. Eiligst machte sich Strauß, dem auch der Bettelstudent als Libretto zur Vertonung angeboten worden war, an eine Umarbeitung, die bereits am 9. Oktober des gleichen Jahres, also nur wenige Tage nach der Berliner-Ur-Aufführung in Wien gezeigt wurde. 

Kürzungen, Umstellungen, geänderte Verteilung der Rollen werden nur verschlimmbessert haben. Und trotz der Mängel im Text und im Aufbau des Stückes hält sich das Werk auf den Bühnen der Welt. Interessant die Rollenbezeichnung in früheren Besetzungszetteln nach Clemens Wolthens:
Caramello - Buffo
und
Pappacoda - Komiker.

Heute - alles mit Sängern besetzt - bemühen sich diese, gerade jene, die etwas auf sich halten, um eine der Rollen. Ob
Elisabeth Schwarzkopf, Anneliese Rothenberger, Julia Migenes, Sylvia Geszty, Trudeliese Schmidt, Anton de Ridder, Ion Piso, Cesare Curzi, Erich Kunz oder Nicolai Gedda und Richard Tauber - sie waren dabei.
Auch der Film nahm sich des Werkes an:  Peter Pasetti war Caramello,  Lotte Lang - Ciboletta,  Hermann Thimig - Pappacoda. Enrico war Heinrich Schweiger und als Agricola die wunderbare Annie Rosar, später als Teta Linek in der unter katholischer Elephantiasis leidende Farbfilmfassung von Werfels 'Der veruntreute Himmel' neben Kurt Meisel als Halodri Mojmir, der Neffe.
 

 

1923 überarbeitete Erich Wolfgang Korngold auf Betreiben von Hubert Marischka das Werk. 1929 wurde diese Fassung zum ersten Mal an der Wiener Staatsoper gegeben. Das Bühnenbild stammte vom renommierten Alfred Roller. Die Annina sang Maria Jeritza. 1931 dirigierte Erich Kleiber die Korngold-Fassung an der Lindenoper in Berlin.

Eine herausragende Bearbeitung des Theater-Magikers Walter Felsenstein zeigte die Komischen Oper in Berlin 1954. Er hatte 'die Nacht' in zwei Akte geteilt und mit seiner typischen Akribie über Monate mit seinem Ensemble einstudiert.

Eine gute Inszenierung der 'Nacht' auf die Bühne zu stellen, fällt vielen Regisseuren schwer, der Inhalt ist kaum vermittelbar und die Produktion leidet meist an Geldmangel. Eine der letzten opulenten Inszenierungen schaffte 1992 Friedrich Meyer-Oertel wieder an der Komischen Oper in Berlin mit der fabelhaften Sabine Paßow als Annina. 
 
Nun muss die 'Nacht' nach gerade mal 10 Jahren am Theater Regensburg wieder als Quotenbringer herhalten, wie ja auch 'Der Liebestrank' in dieser Spielzeit wieder auf dem Spielplan erscheinen wird und auch die 'Sabinerinnen' - 1995 von Rudolf Zollner in Szene gesetzt, mit ihm auch noch als Striese - sind mit dabei.
Beim Theater Regensburg wurden jetzt Gerhard Platiel / Walter Perdacher mit der Inszenierung und Bühne/Kostüme der 'Nacht' betraut. Eigentlich müssten die beiden ihr Metier verstehen, gerade hat das gleiche Team in Hagen Lehárs 'Graf von Luxemburg' auf die Bühne gebracht.
Gerhard Platiel inszenierte auch 'Piaf' in Bielefeld, 'Grease', 'La cage aux folles', 'Sweet Charity', 'Hair' in Kassel und Bielefeld, 'Maske in Blau' in Hagen. Die Anzahl der Regieaufträge lässt darauf schließen, dass Herr Platiel ein erfahrener Inszenator und damit gut im Geschäft ist.
Wenn er nun zum achten mal 'die Nacht' in Venedig für die Bühne einrichtet, müsste der Zuschauer davon ausgehen können, dass der Regisseur das Stück kennt und entsprechend umsetzen kann.
 
 Besetzung 23.10.04  - Theater Regensburg
 Guido, Herzog von Urbino  Michael Suttner
 Senator Delaqua  Georg Schießl
 Senator Barbaruccio  Thomas Brinkel
 Senator Testaccio  Marek Marzecki
 Barabara, Delaquas Frau  Katharina E. Leitgeb
 Agricola, Senatorsgattin  Gertrud Judenmann
 Annina, ein Fischermädchen  Melanie Schneider
 Caramello, herzoglicher Leibbarbier  Karsten Münster
 Pappacoda, Makkaronikoch  Brent L. Damkier
 Ciboletta, Zofe bei Delaqua  Ilonka Vöckel
 Enrico Piselli, Neffe Delaquas  Chris Peper
 Centurio, Page des Herzogs  Georg Dippold
 
 
 'Die Schwarzen' am 23.10.04 in Regensburg
 Inszenierung  Gerhard Platiel
 Musikalische Leitung  Karl Andreas Mehling
 Bühnenbild/Kostüme  Walter Perdacher
 Choreographie  Olaf Schmidt 
 Licht  Klaus Herbert Welz
 Dramaturgie  Christina Schmidt
   

 

 

Es gibt an diesem Abend im Theater Regensburg keine martialischen Knobelbecher, keine SS-Uniformen, keine Koffer, keine Aktentaschen, keine Mikrofone oder Pseudo-TV-Kameras auf der Bühne - nichts Erzwungenes, keine Symbole für Unbehaustsein, Gewalttätigkeit, Hintergründiges.
Das Regie/Bühnenbild/Kostüme-Team Gerhard Platiel / Walter Perdacher zeigt Operette wie die Regensburger sie wünschen - jedenfalls nicht von hinten durch die Brust ins Auge.
Und entsprechend reagiert das Publi
kum - es ist begeistert.
Was Wunder, gibt man dem Affen Zucker und lässt die Darsteller
durch das Publikum auftreten, bezieht das Auditorium in die Suche von Darstellern ein: "Haben Sie Pappacoda gesehen?" oder "Wissen Sie wo meine Frau ist?"

Ein gelungenes Bühnenbild, die ve
nezianischen Palazzi, des Herzogs
Spielzimmer mit Spiegel überm Sofa, die Brücke im Nebel über dem Kanal - Fasching in Venedig.

Das Volk - der Chor - ländlich-sittlich oder auch elegant gewan
det, amüsiert sich, spielt die Lebensfreude überzeugend und bezieht die Solisten in das Treiben ein. Gesteigert wird der Trubel - atemberaubend wäre er, gingen die Anschlüsse bei den Dialogen und zu den Musiknummern zügiger vonstatten - durch die Ballett-Einlage mit einem Verdi'schen Maskenball-Verschnitt.
Hier tut sich durch Olaf Schmidt als neuem Ballettchef ei
niges und man darf auf die Sommernachtsproduktion der Truppe gespannt sein.

Was aus einem Tenor-Buffo herauszuholen ist, zeigt Gerhard Schießl,
konsequent zieht er die Figur des alten Delacqua durch. Neben ihm die beiden Chorherren Thomas Brinkel und Marek Marzecki als Senatoren Barba
ruccio und Testaccio - glaubhaft in ihrer Tateligkeit.
Was für eine Ent
deckung, sieht man die beiden sonst nur innerhalb
der Chor-Gruppe.

Die Besetzung der Soli stellt für jedes Haus ein Problem dar - vor allem für eines in der Größenordnung Regensburgs mit den bescheidenen Mitteln. Drei gut aussehende und schön singende Damen ist allein schon kaum zu realisieren. Regensburg hat Katharina Leitgeb als Barbara, Ilonka Vöckel als Ciboletta und Melanie Schneider als Annina zu bieten. Ausgreifend im Auftritt Frau Leitgeb - leider gibt die Barbara sängerisch nicht viel her - neben ihr ebenso rollengemäß routiniert die Hallstein-Schülerin Frau Vöckel. Melanie Schneider - reizend anzusehen - bestechend in der Darstellung mit leicht ansprechender Höhe und
noch etwas wenig ausgeprägter Mittellage der Stimme. Eine junge Sängerin mit Spielwitz und starker Bühnenpräsenz. Die Annina liegt ihr.

Bei den Herren sind drei Tenöre aufzubieten. Brent L. Damkier als Makkaronikoch Pappacoda darf hier in der Bufforolle alles ausspielen - und das Publikum freut es.

Bei dem neu engagierten Karsten Münster als Caramello würde Gabriele von Glasow sagen: "Ich höre da was!" Hier wäre mit dem Material eine Nachschau z.B. bei Charlotte Lehmann in Würzburg oder bei Frau Richardson in Hannover - sie brachte die Remmert heraus - oder bei 'Eddchen' Moser in Köln angebracht.
Spielen tut Herr Münster für drei.

Michael Suttner ist mit dem Herzog besetzt. Wie er geht, wie er
steht, wie er spricht, die Tongebung seines Lachens im Dialog, die Stimmführung und der daraus resultierende Klang beim Singen - er ist ein Buffo, ein heiterer Mensch, ein Mann für die Operette. Wenn auch der große Theaterfachmann Ernö Weil anderer Meinung ist, Herrn Suttners Ausstrahlung ist nicht die eines Herzogs, wie die eines
Gedda oder Rogge und schon gar nicht die eines schweren Helden,
die nun mal für tragische Rollen wie die des Florestan notwendig ist.

Es ist sicher so, dass Tenormangel auch am Gärtnerplatztheater wie an der Wiener Staatsoper herrscht und Männerboni schon bei den Aufnahmeprüfungen an den Hochschulen gegeben werden.
Nur tut man den SängerInnen an den Theatern mit Fehlbesetzungen langfristig keinen Gefallen.

Sprach das Spielzeitheft 2004/2005 noch von Georgios Vranos als musikalischem Leiter der 'Nacht', stand nun Karl Andreas Mehling am Pult. Kleinere Unstimmigkeiten zwischen Bühne und Graben lagen wohl an der Premieren-Nervosität und der für die Öffentlichkeit überraschenden Übernahme des Dirigats.
Der fehlende GMD macht neue Dispos nötig. Vielleicht bereitet sich ja Georgios Vranos auf die Übernahme der vakanten GMD-Stelle vor.
Könnte es nicht sein, dass als Nachfolger von Guido Johannes Rumstadt der erste Kapellmeister ins Auge gefasst wird? Er kommt aus Pforzheim, er wurde von Ernö Weil von dort nach Regensburg geholt, würde dem Intendanten wohl kaum widersprechen und schon gar keine eigene konkurrierende Hausmacht gegen den Theaterleiter aufbauen. Es wäre Ruhe im Schiff und Multi Kulti gäb es auch - internationaler Touch wäre gegeben.
Let's wait and see.

 
Die Neuinszenierung der 'Nacht in Venedig' zog viele Regensburger Prominente an. Es wurden u.a. gesehen: Der Oberbürgermeister nebst Gattin, Frau Stadträtin Göhring als Vorsitzende der Theaterfreunde,
Frau Michalke, die Öffentlichkeitsarbeiterin der Theaterfreunde,  Manfred Janikulla, der gerade einen überzeugenden 'Jedermann' in Parsberg vorstellte - er wollte ja nicht wieder ins Regensburger Theater gehen, bevor er sich nicht vom Elend der Rössl-Produktion an diesem Theater erholt hat - Frau van Spronsen, die Dajah in der laufenden Produktion des 'Nathan' war da. Über sie schrieb ja die Presse, wäre man nicht in die Vorstellung gegangen, hätte man "[...] ihre köstliche, hinterlistige, ins komödiantische tendierende Darstellung der Gesellschafterin im Hause des Nathan [...]" verpasst. Viele andere Wichtige kamen, die in der 'Menge im Gedränge' nur schwer ausgemacht werden konnten. 

Mit der 'Nacht' hat das Regensburger Theater einen Renner auf die Bühne gehoben, der - ist die Claque mal abgezogen - auch in Repertoirevorstellungen das Publikum von Gedanken an die Bewerbung Kulturhauptstadt 2010 und Stadthallenquerelen ablenken wird.

DH

 




Theaternachrichten