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... eindringlich verführerisch
bemüht sich Judit Nemeth diese Passage der Venus wiederzugeben. Hier kann sie zurücknehmen
und ihrem Tannhäuser deutlich machen, "ich kann wirklich singen und
komme an der Stelle gut mit der Partie der Venus zurecht, aber auch
für mich ist ein hohes H, ein hohes H". Das Beschwören: "Ich lass dich nicht! Du darfst nicht von mir ziehen! Weh dir,
Verräter! Undankbarer! Ich lass dich nicht. Du darfst nicht von mir ziehen!" Dies alles
in für einen Mezzo unbequemer hoher Lage. Leider nun auch noch mit vollem Orchester, das
'full power' von der Sängerin erfordert.
Dies ist ja nun nicht die einzige schwere Stelle in der Partie.
Bedenkt man das gemeine "Willkommen, ungetreuer Mann" aus dem Stand
im dritten Akt nach mehr als zwei Stunden Pause. Ähnlich dem "Fahr
heim" der Ortrud im dritten Akt Lohengrin. Es ist meist eine
Quälerei für den Zuhörer, als auch für die Sängerin. Werden diese Rollen zu früh, zu häufig gesungen, sind
die Folgen bald in mehr oder weniger heftigen Schauklern zu hören.
Dann geht wieder eine Karriere zu Ende.
Und so hört es sich bei der Übertragung im Radio auch an.
Unbestechlich sind Mikrophone. In der Vorstellung sieht der Hörer
und ist von Details beim Singen weitgehend abgelenkt durch die
wunderbar schmeichelnde Akustik des Bayreuther Festspielhauses.
Das Publikum sieht die Bühne nach Aufgehen des Vorhangs, sieht
unmittelbar am Orchestergraben, neben einer weißen unbenutzten, eine
kleine rot-lackierte Spielfläche, drauf der umgefallene Torso einer
männlichen Statue - auf diesen setzt Venus sich und behauptete dazu:
"auf dem weichsten Pfühle". Herumliegende Blätter, seien es nun
Dichtungen des Minnisängers Tannhäuser oder Noten, es lässt sich aus
der Tiefe des Zuschauerraumes nicht klar feststellen. Unmittelbar
dahinter Ausschnitte wie Passepartouts - Sägearbeiten in Platten
hintereinander gehängt mit etwa 3 Metern Abstand, darin magere
Tänzerinnen - drei an der Zahl - sich gymnastisch betätigen.
Venus in einem eng-anliegenden roten Samtkleide - "so wäre ich nicht
rausgegangen" - ihre körperlichen Tatbestände - bedingt wohl durch
gemütliches Beisammensein nach den Vorstellungen - voll zur
Geltung bringend. Wie schön würde doch ein Seidenchiffongewand auch
eine üppige Sängerin kleiden.
Sie hadert mit Tannhäuser, dieser in etwas Undefinierbares gewandet,
wegen seines "laß mich ziehn". Zur Unterstützung ihrer
Verführungskünste treten wieder die drei Gestalten auf, die man aus
der Zauberflöte entlehnt zu sehen glaubt. "Erster KNABE: Doch seht,
Verzweiflung quält Paminen! Zweiter KNABE, Dritter KNABE: Wo ist sie
denn? Erster KNABE: Sie ist von Sinnen!"
Dass Tannhäuser in dieser Inszenierung hiernach Venus fliehen will,
ist plausibel, denn auch für den Zuschauer ist nachvollziehbar, hier
spielt sich keine Erotik ab. Es gibt zwar ein paar seinerseitige
Busengrapschereien, aber das war's dann auch und so meint der Sänger
abschließend, dass sein Heil in Maria ruhe.
Es ist unverständlich, dass der Franzose Philippe Arlaud als
Regisseur und Bühnenbildner nicht mehr als dies kümmerliche Gemache
als Verführung zustande bringt. Man kann nur davon ausgehen, dass
hinter der Szene sich mehr abgespielt hat, so dass eine Bußwallfahrt
nach Rom für Tannhäuser notwendig wird. Herr Arlaud möge mal
Houellebecq lesen, da erfährt er, was heute los ist. Und im
Mittelalter war's wohl kaum anders.
Mit der Absage an Frau Venus fahren die Passepartouts nach oben, die
Venus-Spielfläche hebt sich in die Lüfte und entschwindet mitsamt
Frau Nemet nach oben-hinten. Aufregender dieser Szenenwechsel als
der ganze Venus-Auftritt.
Gezeigt wird nach der Verwandlung ein grottenähnlicher Raum mit
Blumen und Moosen am Boden und an auch an der Decke derselben. In
diesem verkündet Robin Johannsen als junger Hirt, a cappella, dass
der Mai da sei. Eine gerade junge Stimme, ob ausbaufähig, lässt sich
nur schwer sagen.
Eine Jagd des Landgrafen von Thüringen geht als ein
gesellschaftliches Ereignis zu Ende. Es stellt sich allerdings die
Frage, was im Mai noch als Wild erlegt werden darf.
Hochherrschaftliche Damen treten in schmucken Jagdkostümen und dazu
passenden Hütchen auf und begrüßen die aus dem Dickicht des hinteren
Bühnenraumes auftretenden Jäger. Beute wurde gemacht, einige Schwäne
oder Gänse hat man geschossen, die so starr in den Händen des
Jagdvolkes liegen, als seien sie bereits mitsamt Gefieder bei minus
40 Grad schockgefrostet worden. Kein Flügel klappt hin und her, kein
Hals wackelt beim Tragen durch die Mannen. Requisite, aber
schlechte. Gleiches gilt für den über die Bühne getragenen Hirsch.
Auch hier Totenstarre. Völlig unrealistisch also. Aber das war in
Bezug auf den Hirsch schon 1972 beim Tannhäuser von 'Jötze'
Friedrich so.
Inzwischen hat 'Der große Zauberer' Roman Trekel als Wolfram die
Bühne betreten. Er tut einen Schritt, er hebt oder neigt oder wendet
den Kopf, er atmet, er lebt das, was die Rolle vorgibt -
überzeugend, er spielt perfekt professionell. Noch hat er nichts von
sich gegeben und schon beherrscht er subtilst die Szene. Dann kommen
die ersten Töne: "Oh, fraget nicht! Ist dies des Hochmuts Miene?" -
Gegrüßt sei uns, du kühner Sänger ..." - dabei ist er der
kühne Sänger, der das Publikum in seinen Bann zieht. Dieses Timbre,
die Führung der Töne, abgedeckt, ohne künstlich gedeckelt zu wirken,
in jeder Lage der gleiche Klang, ob hoch, ob tief. Ein Meister des
Ausdrucksvollen - in jeder Hinsicht.
Noch ist bei Roman Trekel nicht zu hören, dass
der Sänger nicht nur zu Hause still auf seinem Sofa sitzt. Sein
Heerrufer, Figaro-Graf , Pelleas in Reihe können sich bemerkbar machen. Er
hat allerdings eine exzellente Technik, die eine fokussierte Tongebung
- man hört den Oberbau mit Nase, Rachen, Kiefer mitschwingen - ermöglicht. Sehr schön die vom
Dirigenten des Abends und vom Sänger dann auch
gestalteten Passagen beim Abendstern und vorher beim "Wohl wusst ich
hier sie im Gebet zu finden...". Dagegen den Sänger fordernd das "Dir hohe Liebe töne begeisternd mein Gesang ...".
Das
Häufig, zu häufig neben den anderen Verpflichtungen, führt zur
Abnutzung. Ganz entsetzlich, anzuhören: Andreas Schmidt als Kurwenal
in diesem Jahr in Bayreuth. Eine kranke Stimme, die nicht mehr
zeigt, wie wunderbar der Sänger einem Fischer- Dieskau gleich
phrasieren konnte.
Und diese Rolle wird Roman Trekel im nächsten Jahr an der Lindenoper
singen ! Muss das sein ? Warum wollen Sänger in die falsche Klasse.
Der Kurwenal ist ein Haudrauf in der Schwergewichtsklasse.
Besser Weltmeister im Mittelgewicht, als krank im Schwergewicht.
Der zweite Akt in einem hohen Raum, ringsum terrassenförmig
gegliedert, für den Chor eine ideale Präsentationsmöglichkeit. Die
Damen und Herren dieses meisterhaft von Eberhard Friedrich geführten
Klangkörpers beteiligen sich in phantasievollen Kostümen und Masken
durch intensives Spiel am Geschehen auf der Mittelbühne unter ihnen.
Dass der Dirigent dem Chor vor dem letzten "Landgraf Hermann,
'Heil'" Zeit zum tiefen Durchatmen durch eine Generalpause lässt,
wird vom Publikum interessiert aufgenommen. Vielleicht möchten
einige ein 'Heil' - Christian Thielemann am Ende Vorstellung bei den
standing ovations rufen.
Ausdruckslos der Landgraf von Guido Jentjens - a kloans Manderl,
kein herrschaftlicher Führer - auch das Kostüm bringt nicht die
erhoffte Wirkung, der Gang gemütlich, keine Attitüde.
Später am Abend wird auch deutlich, dass die hohen Töne ihm Mühe
bereiten, sie klingen ohne Kern, wattig, gerufen. So ist er auch
kaum ein Poger in früheren Jahren gewesen.
Wer führte ihn nach Bayreuth ? Ja, wer wohl !
Dass Guido Jentjens durch den Regisseur Philippe Arlaud nun bei der
Umbesetzung der Rolle des Landgrafen für den zweiten Akt vorgegeben wird, er solle sich
auf Wolfram konzentrieren, ihn protegieren und diesen für seine
Nichte Elisabeth gewinnen, den wieder aufgetauchten Tannhäuser
dagegen im Spiel ignorieren, passt nun gar nicht zum Text, den
Richard Wagner sich ausgedacht hat. Lässt er doch Landgraf Hermann
sagen: "O bleib! Bei uns sollst du verweilen, wir lassen dich nicht
von uns gehn!" Später solle sich der Landgraf den Grüßen des
Tannhäuser verweigern, deutlich machen, dass Elisabeth sich endlich
für Wolfram entscheidet, außerdem sei er es satt, dass die Elisabeth
den ganzen Tag weint. Dass sich diese für die Rettung und
Erlösung des Tannhäuser entscheidet, überrascht den Landgrafen, aber
sie ist so stark in ihrem Willen, dass der Landgraf mit seinen
machtpolitischen Überlegungen scheitert.
Und da liegt Herrn Jentjens richtig - in der Resignation. Gut dass
er am Ende der Vorstellung nicht mehr zum Soloapplaus erscheint - es
würde sehr deutlich in den Abstufungen, dass es so doll nicht ist.
Voller Saft und Kraft, dank eines gut gefüllten Orchestergrabens mit
präzise spielenden 'Solisten',
leitet Christian Thielemann mit großem Einfühlungsvermögen die Vorstellung. Immerhin kann er auf
eine solide Ausbildung zurückgreifen, hat er als Korrepetitor lange
mit Sängern gearbeitet und weiß, wann, wie geatmet werden muss.
Dass er dann doch so zulegt, mag daran liegen, dass es bei Bruckner nicht darauf ankommt und Rücksicht auf Sänger nicht genommen
werden muss. Dass verleitet natürlich.
Und so ist auch zweite Frauenstimme höchst gefährdet. Bei
Ricarda Merbeth wird die Kraftanstrengung vergangener Zeiten stärker hörbar. Hier zeigt sich bereits deutlich ein sich aus dem
natürlichen Vibrato entwickelndes, störendes Tremolo. Sicher, es geht alles noch
eine Zeitlang gut, aber irgendwann singt sie nur noch auf dem Namen
herum, wenn sie überhaupt Zeit hat, sich noch einen zu schaffen.
Diese Elisabeth kommt von hoher Lage, hat also auch das Ende der
Hallenarie, ohne Schärfe, im Griff. Die Ensembles überstrahlt sie
mühelos, das Gebet im dritten Akt könnte verinnerlichter klingen,
sollte nicht so entschieden das Publikum ereichen.
Heldisch, Stephen Gould als Tannhäuser - er könnte das Werk am
gleichen Abend auch noch einmal singen - keine Ermüdung zu hören.
Die Strophen im ersten Akt, die 'Erbarm dich mein'-Rufe im zweiten
Akt kraftvoll, - singt er, zeigt sich sein sattes Timbre, das auch
im Stemmen weitgehend nicht verloren geht. Durchgehende Bögen
klingen allerdings anders. Im dritten Aufzug steigert er den
Ausdruck durch gesprochene Text-Passagen, "zurück von mir" oder
angeschobene Töne "bist du denn nicht mein Feind", sie verfehlen
nicht - das Publikum ist begeistert.
Nicht ohne Kommentar dürfen die vom Bühnenbild vorgegebenen Abgänge
des Chores in der Mitte der Bühne bleiben. Hier sind wieder die
außerordentlichen technischen Möglichkeiten der Bayreuther Bühne
ausgestellt. Unmerklich für den Zuschauer öffnet sich der
Bühnenboden und die Damen und Herren des einzigartigen Bayreuther
Chores können in die Unterbühne pilgern.
Dass diese Technik nicht für den Auftritt der Venus im dritten Akt -
wieder in dem grottenähnlichen Raum wie nach der Verwandlung im
ersten Akt - genutzt wird, enttäuscht. Madame kommt bedächtigen
Schrittes im gleichen unvorteilhaften roten Kleid den gleichen Weg
aus dem Hintergrund der Bühne, den auch Chor und Wolfram nehmen -
mühsam verschwindet sie nach dem über 6 Schläge gehaltenen hohen B
beim "Weh! Mir verloren!" in der Versenkung, in der Bühnenmitte. Da
hatte der aufmerksame Zuschauer mehr erwartet, denkt man an die
rasante Verwandlung im ersten Akt.
Ceterum censeo: gemessen an dem Elend, das sonst Scharlatane in
Bayreuth aufgekochen dürfen, eine hörens- und auch wegen Arnold
Bezuyen als 'Heinrich der Schreiber', John Wegner's 'Biterolf',
Clemens Bieber's 'Walter' und Samuel Youn's 'Reinmar' sehenswerte
Vorstellung.
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