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  La Fura dels Baus
 
  'Als zullendes Kind
 zog ich dich auf'


144
 

Siegfried  
Zweiter Tag
'Der Ring des Nibelungen'

Premiere
10.06.2008, 19:00 Uhr 
Musikalische Leitung Zubin Metha
Inszenierung Carlus Padrissa
Videocreationen Franc Aleu
Szeneografie Roland Olbeter
Multimedia Cho Uroz
Licht Peter van Praet
Siegfried Leonid Zakhozhaev
Brünnhilde Jennifer Wilson
Der Wanderer Juha Uusitalo
Mime Gerhard Siegel
Alberich Franz-Josef Kapellmann
Erda JCatherine Wyn-Rogers
Fafner Stephen Milling
Waldvogel Olga Peretiatko
 
 
   
         
 
 

 

 

 
     

 

     
 

 

 
     

        
   

  

                           
   
 


Richard Wagner schrieb den ‘Siegfried als Mittelteil seiner Tetralogie ‘Der Ring des Nibelungen’ als realistisches Werk - der Junge, der das Fürchten nie gelernt, zieht in die Welt, “ein ferner soll es mich lehren."

In der Inszenierung von Carlus Padrissa (La fura dels Baus) und Hans-Peter Lehmann begleiten ihn - wie ein roten Faden die Nibelungen - eine große Gruppe von Statisten, die in grauen Overalls einen lebendigen Boden, den Wald, die Werkstatt darstellen. Eine wogende in sanfte Wellen verebbenden und wieder in sich überschlagende Menschenmasse. Wie Mahnende sind die Nibelungen im Spiel - den Raub des Rheingolds nachhaltig beklagend - der Verlust der Macht, die in falsche Hände geriet.

Projektionen mit realen wie abstrakten Motiven - Standbilder, Bewegtbild - Farbkombinationen auf fahrbaren Projektionsflächen, die Bühnen-Höhe und -Breite einnehmend, unterstreichen die sich aus den Texten ergebenden Erzählungen.

Die Handlung wird also auf Basis

- Nibelungen aus Bewegungschor und Technikern,
   letztere für das Fahren der Projektionsflächen

- Projektionen selbst

- Lichtinszenierung als großflächige Farbeffekte

- beweglicher Metall-Großkonstruktionen geformtem Fabelwesen wie Fafner, Grane

- Personen des Stückes

dargestellt.

Selbst wenn diese Idee der Projektionen nicht neu ist - schon Wilfried Minks nutzte die Möglichkeiten dieser bildlichen Darstellung unter Kurt Hübner in Bremen in den 60er Jahren - verwundert es, dass man heutzutage nach Valencia reisen muss, um sie in einer derartig überwältigenden Form dargeboten zu sehen.

Dass die darstellenden Sänger neben dieser Großoptik wenig hermachen können und zurückgenommen sich ausmachen, liegt auch an den Kostümen, die aus einem Fundus herausgeholt, stark an die Jahre nach den Uraufführung des Rings von 1876 erinnern.

’Koaner richt sich so narr'sch z’sam’ -
Siegried mit Rastermähne - ein Knicks vor einer heutigen Haarmode?

Die Sänger
bleiben dezent fast im Hintergrund, machen aus den Rollen und sich selbst wenig - unterspielen eher.

Juha Uusitalo ist als Wanderer, ein Ereignis - ein machtvoller Heldenbariton - durchgängig gut geführte Stimme, die Höhe perfekt abgestützt - gerade da kein Ton ‘gerufen’. Die Mittellage und Tiefe vollkommen rund und ausgewogen kernig in den großen Resonanzräumen des mächtigen Korpus. Absolute Textverständlichkeit - bei Wagner ein Muss.

Der ‘Bundes-Mime’ Gerhard Siegel sahnte beim Publikum heftig ab, obwohl er sich im Spiel ungewöhnlich zurückhielt.
Unvergessen sein Tannhäuser in Augsburg, als das Publikum ihn im ersten Akt nicht sonderlich goutierte, nahm der die Zuhörer danach geradezu in die Zange und zwang sie zum Mitgehen - ‘wollt’ ihr mich wohl gut finden!?’
Stimmlich souverän, die Höhe drückt er weg - die Nase ist ein stark verwendeter Resonanzraum - auf ‘peng’ geschultes Organ, überall vernehmbar, mit großen Reserven, dass er bei Proben auch mal einen überforderten Siegfried ausruhen lassen konnte und selber die Titelrolle übernahm, während ein Kollege wiederum den Mime sang.
Gerhard Siegel als Mime an Covent Garden - in Bayreuth, ein wichtiger weil richtiger Interpret der Rolle.

Sein Bruder Alberich mit Franz-Josef Kapellmann besetzt - auch er absolut sicher in allen Möglichkeiten der Rolle, darstellerisch fast zu vornehm, stimmlich gewaltig. Er scheut nichts und keinen - dass er mit seinem Fluch die Götterwelt aus den Angeln hebt - kaum wer schafft das hier und heute so wie er. Gustav Neidlinger war mal.

Fafner, der Wurm mit der niedlichen Fresse - Stephen Milling ein stimmlich ausdruckstarker Vertreter des Fachs - darstellerisch reduziert weil auf einen Hubwagen gezwängt, wirkte er doch so als in einen Rollen-Kokon eingewickelter und schon so bestrafter - der Mord an dem Bruder Fasolt rächte sich schon - er ist, des Drachen Hülle entledigt, immer noch der starke Kern.

Leonid Zakhozhaev sang die Titelrolle schon in Breslau in der Inszenierung von Hans-Peter Lehmann. Ein junger Heldentenor, der mit Spieltalent und nahezu mühelos ansprechender Stimme die Partie bezwingt. Seine auf die hellen Vokale geschulten Stimme, die auch die großen Orchesterwogen durchdringt, hat gerade bei den Umlauten den besonderen Klang, der an Herbert-Ernst Groh erinnert.
Der junge Wilde hier in seinem Zottelpelz lässt den gut aussehenden Siegfried im Breslauer Ring vermissen.

Catherine Wyn-Rogers singt die Erda mit einem hohen Alt - so wie im Programmheft ausgegeben, ein Mezzo, das wissende Weib. Optisch herausgehoben im technischen Inszenierungsstil bekommt sie durch die Projektionen eine besondere Wertigkeit.

Olga Peretiako mit leicht ansprechendem Sopran wird als Waldvogel in luftiger Höhe flügelschlagend über die Bühne schwebend (eher eine kesse Motte, denn ein Vöglein) - viel zugemutet, eine außerordentliche Herausforderung für die Sängerin.

Der hohe jugendlich-dramatische Sopran mit hellem Klang von Jennifer Wilson ist besonders für die Siegfied-Brünnhilde prädestiniert - hier kann sie schwingende, nicht aus Sicherheitsgründen oder Unvermögen geschrieene, Jubeltöne des “leuchteder Liebe, lachender Tod“ anstimmen.

Zubin Metha dirigiert in völliger Ausgeglichenheit mit der Ruhe eines erfahrenen Kapellmeisters das Riesenwerk aus den Noten - nichts ficht ihn an, Temposchwankungen der Sänger fängt er mit leichter linker Hand auf, ohne in Hektik oder eine Aufgeregheit zu geraten. Ein versierter Meister, der den großen ‘Apparat’ des Orchesters der Comunitat Valenciana stets im Griff hat und einen auf die wohl nicht so versierten Bürger der Großstadt Valencia entsprechenden Eindruck macht.

Die Stadt kann sich ein modernes Theatergebäude mit 1800 Plätzen leisten wie es so mache Stadt gerne hätte - hier wird auf Qualität geachtet, lieber weniger mit hohem Rang. Und dass Lorin Maazel der musikalische Direktor des Orchesters der Stadt Valencia ist, dokumentiert, hier ist das Teuerste gerade gut genug für die Bevölkerung und die interessierten Gäste der Stadt.

‘Der Ring des Nibelungen’ wurde in dieser optischen Opulenz noch nie geboten. Dass sich diese großformatige Einrichtung besonders für Film- und TV-Aufnahmen eignet, steht außer Frage, zumal, liest man Richard Wagners Regieanweisungen, bemerkt jeder, dass er sie wahrlich schon im 19. Jahrhundert filmisch gedacht haben muss.
So darf man gespannt sein, wie nach dem ‘Rheingold’ der ‘Siegfried’ durch das Team von ‘La Fura dels Baus’ seine Wirkung auf den Bildschirmen entfaltet und das Renommé der Gruppe noch um ein Beträchtliches gesteigert wird.

Stellt man diese Produktion neben die wenige Tage vorher gesehene Béjart-Ballett-Lösung ‘Der Ring um den Ring’ an der Deutschen Oper Berlin, so ist der Schluss nur möglich: hier wird auf neue Weise das Stück erzählt, ohne dass Soziologen-Gequatsche das Werk unterminiert und von Regisseuren dem Stück Unsinnigkeiten übergestülpt werden, wie es gerade beim ‘Holländer’ an der DOB mit Duldung von Kirsten Harms geschehen ist.
Das empörte Buh-Geschrei des Publikums beim Erscheinen der Schwarzen in Berlin zeigte, dass die ‘Blonde aus dem Norden’ auf dem Holzweg ist und die Berliner eine Verlängerung des Vertrages der Dame wohl nicht goutieren werden.

Richard Wagner hält viel aus und wird auch ‘die Neuerer’ einschließlich der Ur-Enkelin Katharina wegdrücken - Qualität wie in Valencia und bei Bejart wird die deutschen Wackel-Zeiten überdauern.
‘Der Ring um den Ring’ kam aus Lausanne - Valencia ist eine Industriestadt im Süden Spaniens mit Geld, die nicht dem Trend des deutschen Regietheaters folgt. Das Ausland kann es sich erlauben, nicht jeden Quatsch mitzumachen und jeder Mode zu folgen.
 

 
 

           

   
 

 
     
     
 

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Als Premieren-Abonnent von Theater Regensburg und Abnehmer voll bezahlter Karten aus dem freien Verkauf dieses und anderer Theater gebe ich hier meine subjektive Meinung
zu Gehörtem und Gesehenen
zur Kenntnis.
Ich
verstehe diese Besprechungen und Kommentare nicht als Kritik
um der Kritik willen,
sondern als Hinweis auf nach meiner Auffassung zu Geglücktem oder Misslungenem.
Neben Sachaussagen enthält diese private Homepage auch Überspitztes und Satire.
Für diese nehme ich den Kunstvorbehalt nach Artikel 5 Grundgesetz in Anspruch.
In die Texte baue ich gelegentlich Fehler ein, um Kommentare herauszufordern.

Dieter Hansing

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