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Richard
Wagner schrieb den ‘Siegfried als Mittelteil seiner Tetralogie ‘Der
Ring des Nibelungen’ als realistisches Werk - der Junge, der das
Fürchten nie gelernt, zieht in die Welt, “ein ferner soll es mich
lehren."
In der Inszenierung von Carlus Padrissa (La fura dels Baus) und
Hans-Peter Lehmann begleiten ihn - wie ein roten Faden die
Nibelungen - eine große Gruppe von Statisten, die in grauen Overalls
einen lebendigen Boden, den Wald, die Werkstatt darstellen. Eine
wogende in sanfte Wellen verebbenden und wieder in sich
überschlagende Menschenmasse. Wie Mahnende sind die Nibelungen im
Spiel - den Raub des Rheingolds nachhaltig beklagend - der Verlust
der Macht, die in falsche Hände geriet.
Projektionen mit realen wie abstrakten Motiven - Standbilder,
Bewegtbild - Farbkombinationen auf fahrbaren Projektionsflächen,
die Bühnen-Höhe und -Breite einnehmend, unterstreichen die sich aus
den Texten ergebenden Erzählungen.
Die Handlung wird also auf Basis
- Nibelungen aus Bewegungschor und Technikern,
letztere für das Fahren der Projektionsflächen
- Projektionen selbst
- Lichtinszenierung als großflächige Farbeffekte
- beweglicher Metall-Großkonstruktionen geformtem Fabelwesen wie
Fafner, Grane
- Personen des Stückes
dargestellt.
Selbst wenn diese Idee der Projektionen nicht neu ist - schon
Wilfried Minks nutzte die Möglichkeiten dieser bildlichen
Darstellung unter Kurt Hübner in Bremen in den 60er Jahren -
verwundert es, dass man heutzutage nach Valencia reisen muss, um sie
in einer derartig überwältigenden Form dargeboten zu sehen.
Dass die darstellenden Sänger neben dieser Großoptik wenig hermachen
können und zurückgenommen sich ausmachen, liegt auch an den
Kostümen, die aus einem Fundus herausgeholt, stark an die Jahre nach
den Uraufführung des Rings von 1876 erinnern.
’Koaner richt sich so narr'sch z’sam’ -
Siegried mit Rastermähne -
ein Knicks vor einer heutigen Haarmode?
Die Sänger
bleiben dezent
fast im
Hintergrund, machen aus den Rollen und sich selbst wenig -
unterspielen eher.
Juha Uusitalo ist als
Wanderer, ein Ereignis - ein machtvoller Heldenbariton - durchgängig
gut geführte Stimme, die Höhe perfekt abgestützt - gerade da kein
Ton ‘gerufen’. Die Mittellage und Tiefe vollkommen rund und
ausgewogen kernig in den großen Resonanzräumen des mächtigen Korpus.
Absolute Textverständlichkeit - bei Wagner ein Muss.
Der ‘Bundes-Mime’ Gerhard Siegel
sahnte beim Publikum heftig ab, obwohl er sich im Spiel ungewöhnlich
zurückhielt.
Unvergessen sein Tannhäuser in Augsburg, als das Publikum ihn im
ersten Akt nicht sonderlich goutierte, nahm der die Zuhörer danach
geradezu in die Zange und zwang sie zum Mitgehen - ‘wollt’ ihr mich
wohl gut finden!?’
Stimmlich souverän, die Höhe drückt er weg - die Nase ist ein stark
verwendeter Resonanzraum - auf ‘peng’ geschultes Organ, überall
vernehmbar, mit großen Reserven, dass er bei Proben auch mal einen
überforderten Siegfried ausruhen lassen konnte und selber die
Titelrolle übernahm, während ein Kollege wiederum den Mime sang.
Gerhard Siegel als Mime an Covent Garden - in Bayreuth, ein
wichtiger weil richtiger Interpret der Rolle.
Sein Bruder Alberich mit Franz-Josef
Kapellmann besetzt - auch er absolut sicher in allen
Möglichkeiten der Rolle, darstellerisch fast zu vornehm, stimmlich
gewaltig. Er scheut nichts und keinen - dass er mit seinem Fluch die
Götterwelt aus den Angeln hebt - kaum wer schafft das hier und heute
so wie er. Gustav Neidlinger war mal.
Fafner, der Wurm mit der niedlichen Fresse -
Stephen Milling ein stimmlich ausdruckstarker
Vertreter des Fachs - darstellerisch reduziert weil auf einen
Hubwagen gezwängt, wirkte er doch so als in einen Rollen-Kokon
eingewickelter und schon so bestrafter - der Mord an dem Bruder
Fasolt rächte sich schon - er ist, des Drachen Hülle entledigt,
immer noch der starke Kern.
Leonid Zakhozhaev sang die
Titelrolle schon in Breslau in der Inszenierung von Hans-Peter
Lehmann. Ein junger Heldentenor, der mit Spieltalent und nahezu
mühelos ansprechender Stimme die Partie bezwingt. Seine auf die
hellen Vokale geschulten Stimme, die auch die großen Orchesterwogen
durchdringt, hat gerade bei den Umlauten den besonderen Klang, der
an Herbert-Ernst Groh erinnert.
Der junge Wilde hier in seinem Zottelpelz lässt den gut aussehenden
Siegfried im Breslauer Ring vermissen.
Catherine Wyn-Rogers
singt die Erda mit einem hohen Alt - so wie im Programmheft
ausgegeben, ein Mezzo, das wissende Weib. Optisch herausgehoben im
technischen Inszenierungsstil bekommt sie durch die Projektionen
eine besondere Wertigkeit.
Olga Peretiako mit leicht ansprechendem Sopran wird
als Waldvogel in luftiger Höhe flügelschlagend über die Bühne
schwebend (eher eine kesse Motte, denn ein Vöglein) - viel
zugemutet, eine außerordentliche Herausforderung für die Sängerin.
Der hohe jugendlich-dramatische Sopran mit hellem Klang von
Jennifer Wilson ist
besonders für die Siegfied-Brünnhilde prädestiniert - hier kann sie
schwingende, nicht aus Sicherheitsgründen oder Unvermögen
geschrieene, Jubeltöne des “leuchteder Liebe, lachender Tod“
anstimmen.
Zubin Metha dirigiert in
völliger Ausgeglichenheit mit der Ruhe eines erfahrenen
Kapellmeisters das Riesenwerk aus den Noten - nichts ficht ihn an,
Temposchwankungen der Sänger fängt er mit leichter linker Hand auf,
ohne in Hektik oder eine Aufgeregheit zu geraten. Ein versierter
Meister, der den großen ‘Apparat’ des Orchesters der Comunitat
Valenciana stets im Griff hat und einen auf die wohl nicht so
versierten Bürger der Großstadt Valencia entsprechenden Eindruck
macht.
Die Stadt kann sich ein modernes Theatergebäude mit 1800 Plätzen
leisten wie es so mache Stadt gerne hätte - hier wird auf Qualität
geachtet, lieber weniger mit hohem Rang. Und dass
Lorin Maazel der
musikalische Direktor des Orchesters der Stadt Valencia ist,
dokumentiert, hier ist das Teuerste gerade gut genug für die
Bevölkerung und die interessierten Gäste der Stadt.
‘Der Ring des Nibelungen’ wurde in dieser optischen Opulenz noch nie
geboten. Dass sich diese großformatige Einrichtung besonders für
Film- und TV-Aufnahmen eignet, steht außer Frage, zumal, liest man
Richard Wagners Regieanweisungen, bemerkt jeder, dass er sie
wahrlich schon im 19. Jahrhundert filmisch gedacht haben muss.
So darf man gespannt sein, wie nach dem ‘Rheingold’ der ‘Siegfried’
durch das Team von ‘La Fura dels Baus’ seine Wirkung auf den
Bildschirmen entfaltet und das Renommé der Gruppe noch um ein
Beträchtliches gesteigert wird.
Stellt man diese Produktion neben die wenige Tage vorher gesehene
Béjart-Ballett-Lösung ‘Der Ring um den Ring’ an der Deutschen Oper
Berlin, so ist der Schluss nur möglich: hier wird auf neue Weise das
Stück erzählt, ohne dass Soziologen-Gequatsche das Werk unterminiert
und von Regisseuren dem Stück Unsinnigkeiten übergestülpt werden,
wie es gerade beim ‘Holländer’ an der DOB mit Duldung von Kirsten
Harms geschehen ist.
Das empörte Buh-Geschrei des Publikums beim Erscheinen der Schwarzen
in Berlin zeigte, dass die ‘Blonde aus dem Norden’ auf dem Holzweg
ist und die Berliner eine Verlängerung des Vertrages der Dame wohl
nicht goutieren werden.
Richard Wagner hält viel aus und wird auch ‘die Neuerer’
einschließlich der Ur-Enkelin Katharina wegdrücken - Qualität wie in
Valencia und bei Bejart wird die deutschen Wackel-Zeiten überdauern.
‘Der Ring um den Ring’ kam aus Lausanne - Valencia ist eine
Industriestadt im Süden Spaniens mit Geld, die nicht dem Trend des
deutschen Regietheaters folgt. Das Ausland kann es sich erlauben,
nicht jeden Quatsch mitzumachen und jeder Mode zu folgen.
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