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New York -
Broadway - 1944 - die Welt droht im zweiten Weltkrieg
unterzugehen - die Invasion der Alliierten in der Normandie
steht bevor - da rüstet sich New York und sein Broadway für die Premiere eines neuen Stückes. Mary Chase,
Tochter eingewanderter Iren, schrieb 'Harvey'.
What about Harvey -
eine für die Menschen unsichtbare Gestalt - bis auf einen der
ihn sieht und ständig um sich hat, so wie jeder seinen 'Vogel'
bei sich trägt. So war 'The white rabbit' wie das Stück
ursprünglich hieß, die Bestätigung für alle, die sich gerne in
Selbstgesprächen mit imaginären Partnern sehen.
1945 erhielt das Stück sogar den Pulitzer-Preis, viereinhalb Jahre
lief es im 'Theater der 48. Straße' und wurde zu einer der am
längsten andauernden Broadway-Shows überhaupt. Bis zum Ende der
Saison 1948/49 wurde das Stück mehr als 1700 auf der New Yorker
Bühne gegeben.
Die Amerikaner verdrängten mit diesem phantasievollen Stück den
Krieg und die Zeit nach ihm aus ihren Köpfen und Herzen.
1950 erfolgte die deutsche Erstaufführung am Residenztheater in
Berlin in der Übersetzung von Alfred Polgar. James Stewart war
der 'narrische' Elwood P. Dowd in der Verfilmung von 1950.
Viele keltische Einflüsse zeigen sich in 'Harvey' und die
Ratschläge der Mutter von Mary Chase, niemals 'verrückte
Menschen' zu missachten, da sie eine tiefe Weisheit in sich
trügen.
Seit ihrer Kindheit war sie aus Erzählungen der Onkel und Tanten
vertraut mit den Geistergestalten der Heimat ihrer Vorfahren.
Da gab es Pookas und
Banshees, geheimnisvolle Erscheinungen, zauberkräftige Geister,
die in das Leben der Menschen eingreifen und es beeinflussen.
Shakespeare übernahm einen solchen Geist in die Figur des Puck
in seinen Sommernachtstraum und in unserer Zeit macht der
Pumuckl Furore. Gerade der hat eine gewisse Bösartigkeit, der
schlimme Streiche seinem Meister Eder und der übrigen Umwelt in
der Schreinerwerkstatt spielt.
Michael Bleiziffer übernahm die
Inszenierung des Stückes - nach Großproduktionen 'Orestie', den
beiden Fausts, dann klein: 'Raub der Sabinerinnen' - den ja
eigentlich nur
einer gustierte und 'Tränen lachte' - so wie der ja dann auch
an der Regensburger Bewerbung 2010 und wohl auch an deren
Durchfall seinen Spaß hatte, den
wahrlich 'zerbrochnen Krug' - nun diese Komödie, die seine
Fähigkeiten für Kammerspiel unter Beweis stellen sollte.
Bei Spielplanbesprechungen nimmt Michael Bleiziffer für sich in
Anspruch: die Literatur und die Beschäftigung mit ihr sei für
Theatermenschen eine ganz große Herausforderung eben auch unter
dem Aspekt der Vielfalt für ein Theater wie das in Regensburg.
Dazu gehören eben auch Texte, bei denen Worte aneinandergereiht
sind, die keine literarische Qualität haben, aber als
Informationsvehikel dienen.
Im Falle von 'Harvey' sei es - nach Bleiziffer - somit eben
nicht die Literatur, sondern das Thema, das einen
Theatermenschen reizt. Hinzu komme, dass es in dem Stück keinen
Bösewicht gibt. Alle auftretenden Figuren sind nachvollziehbar,
könnten heutig sein, haben einen gewissen Charme und trotzdem
gibt es Probleme, weil eine eingespielte Gesellschaft mit einem
Außenseiter konfrontiert wird. Szenisch ist immer eine
Konfliktsituation notwendig, um eine Geschichte spannend zu
machen. Wenn keine da ist, müssen Theatermacher sie erfinden -
entweder formal oder inhaltlich. Konflikt bedeute ja nicht
Streit, sondern dass unterschiedliche Energien
aufeinanderprallen."
Hier gehe es also um den Außenseiter und das Rudel, aber im
Speziellen um einen Menschen, dem es gelingt mit Phantasie etwas
konkret zu machen, sich von allen Abhängigkeiten befreit. So
auch in der Lage ist, keinem nachzustellen, der ihm etwas Böses
tun will oder tut.
Alle anderen in dem Rudel - wie die Menschen heute - stecken in
ihren Gesamt- oder individuellen Abhängigkeiten, aus denen sie
sich nicht befreien können. Durch die auf Elwood P. Dowd von
Harvey übertragene Unabhängigkeit ist es beiden möglich möglich,
Zeit und Raum zu überwinden, auch die Uhr anzuhalten. So
fragt Bleiziffer: "Was ist verrückt und was ist normal" und als
Message des Ensembles: "Wäre es nicht gut, wenn jeder seinen
weißen Hasen hätte."
Er habe natürlich eine Ambition, wenn es Gelänge, den
Zuschauer so einzubinden, dass er frage, ist da nicht eben ein
Hase herausgekommen, habe ich jetzt auch einen Hasen und wenn es
nur für Bruchteile von Sekunden ist. Wenn es gelänge, hätte
sich sehr viel von der Magie, die die Bühne haben kann,
vermittelt. Hinzu komme, dass ein solches Fabelwesen wie der
weiße Hase immerhin nicht jedem begegne, sondern hauptsächlich
Träumern und Phantasten.
Rolf Wanninger - der Bühnenbilder - baute bereits die Szenerie
für 'Anatevka', 'Mann von La Mancha', 'Cabaret', 'Hotel zu den
zwei Welten'.
In 'Harvey' spielt das Stück inhaltlich im Heute, aber optisch
in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts. Die Drehscheibe
macht durch eine Vierteilung schnelle Szenenwechsel zwischen
Bücherei, Taverne, Aufnahmeraum im Sanatorium und einen Raum,
mit dem das Stück beginnt und die Begegnung mit Harvey, möglich.
Die Kostüme stammen von Bianca Schmid-Hedwig, die gerade im Juli
des Jahres mit Michael Bleiziffer den
Sommernachtstraum-Verschnitt 'Rose und Regen, 'Schwert und
Wunde' ausstattete.
Dr. Chumley
als Leiter des Sanatoriums hat seine Beziehungen zu seiner Frau,
mit der er - nach Meinung von Herrn Regisseur Bleiziffer - wahrscheinlich nicht mehr viel zu tun hat,
und zu seinen
Patienten, die er wohl rücksichtslos mit seinem Medikament 977
behandelte, einem Präparat, das die Menschen im Handumdrehn 'normal' macht. Offensichtlich hat sich im Laufe der Zeit das
schizophrene Umfeld auf ihn übertragen, denn er ist eigentlich
der Einzige im Stück, der den weißen Hasen am Schluss auch
wirklich sieht.
Eine liebenswerte Marotte des Dr. Chumley ist das Züchten von
Dahlien, die er als seine Kinder sieht. Merkwürdig, dass der
Oberspielleiter eine Parallele zu Kinderersatz im Zerbrochnen
Krug streicht, als der Dorfrichter sagt :
"... ich bin ein Narr in solchen Dingen, seht,
Und meine Hühner nenn ich meine Kinder."
Besetzt er den Dorfrichter Adam mit Hubert Schedlbauer
- im 'Harvey' nur 'Wilson', ist der doch weit vom Johannistrieb
entfernt, braucht der kein Perlhuhn, das den Pips hat, um sich
Eve Rull zu nähern - nur nahm der Oberspielleiter Schauspiel am
Regensburger Theater dem 'Krug' ein besonderes
Charakteristikum.
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Theater Regensburg - 25.11.05 -
Premiere 'Mein Freund Harvey'
Die Schwarzen |
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Inszenierung |
Michael Bleiziffer |
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Bühne |
Rolf Wanniger |
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Kostüme |
Bianca Schmid-Hedwig |
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Licht |
Klaus Herbert Welz |
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Die Personen und
ihre Darsteller |
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Elwood P. Dowd |
Peter Haake |
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Veta Louise Simmons |
Doris Dubiel |
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Myrtle Mae, deren Tochter |
Anja Carolin Pohl |
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Omar Gaffney, Anwalt |
Heinz Müller |
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Dr. William Chumley, Professor |
Peter Heeg |
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Betty Chumley, seine Frau |
Silvia van Spronsen |
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Dr. Lyman Sanderson,
Psychiater |
Stefan Gad |
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Ruth Kelly,
Oberschwester |
Barbara Schedivy
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Marvin Wilson,
Angestellter |
Hubert Schedlbauer
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Mrs. Ethel Chauvenet |
Silvia van Spronsen |
E. J. Lofgreen, Taxi
Chauffeur
Postbote
Mr. Cracker |
Michael Heuberger
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Mit einer solch schrecklichen Schwester im Haus - muss jeder
einen Hasen kriegen und dass Michael Haake als Mr. Dowd
lieber in die Kneipe um die Ecke geht, um dort mit Harvey einen
'zu lüpfen', ist mehr als verständlich. Er zeigte schon als
'Licht', die Figur nur über die Stimmführung zu
charakterisieren. Hier auch fast fistelig, der unfertige
Mitt-Vierziger im Schatten seiner Schwester.
Leider lässt Regisseur Michael Bleiziffer der Louise Simmons von
Doris Dubiel kaum eine Chance, Text gelassen zu gestalten
- Hysterie allerweil.
Bei dieser Frau ist auch eine natürliche Entwicklung von Anja
Carolin Pohl als Myrtle Mae nicht zu erwarten. Diese, völlig
verschreckt, sieht aus wie Alexandra Neldel in 'Verliebt in
Berlin' und ist froh dann endlich Hubert Schedlbauer, den
Wärter Wilson, mit Ei und Zwiebeln versorgen zu können, nur weg
von der Louise Simmons.
Auch Stefan Gad als Dr. Sanderson kriegt einen Husch bei
dem fortwährenden aufgeregten Gemache und dass Peter Heeg
am Ende auch den Hasen sieht, ist nur verständlich.
Einzig vernünftig bleibt Michael Heuberger als Postbote,
er händigt ohne nach einer Legitimation zu fragen, einem
Wildfremden einen 'registered letter' aus, putzt überzeugend die
Gläser in seiner Kneipe "dann klappt's auch mit dem Nachbarn"
oder blättert unberührt vom Hektischen in seiner Zeitung.
Ungerührt klärt er am Ende auf, wie das Mittel 977 wirkt und
bringt alle auf den Teppich zurück.
Er überzeugte auch als Mönch im 'Galilei', als 'Dorfrichter
Adam' - der 'Franz Moor' war nicht so gelungen. Nun ist er
unkündbar durch Frau List's Gnaden und spielt die Wurzen, aber
eben unbelastet von der Verantwortung einer großen Rolle
gegenüber, überzeugend.
Silvia van Spronsen wie sie war als 'Daja' oder hier ist
als Betty Chumley oder als Mrs. Chauvenet - nun geht sie ja wohl
in Pension.
Interessant wird sein, die Entwicklung von Barbara Schedivy
am Theater Regensburg zu beobachten - eine Fesche, die mit der
Rolle der Krankenschwester problemlos umgeht, sie wirft sich dem
IArzt an den Hals - fast wie im wirklichen Leben. Was kommt für
sie dann?
Heinz Müller war als Anwalt kaum gefordert.
Hübsche Kostüme von Bianca Schmid-Hedwig, die Hütchen,
Käppchen der Damen - die Schlabberhosen bei Michael Haake - das
Kleid von Frau Dubiel mit dem eleganten Mantel.
Warum man bei ihr keine Korsage von Triumph verwendete, lag wohl
am schmalen Budget. So rutschte der Hüfthalter immer wieder hoch
und Frau Dubiel war damit beschäftigt, ihn wieder zurecht zu
rücken.
Die Drehbühne hier von Wolf Wanninger mit vier Räumen
bestückt, die ein zügiges Spiel ermöglichen und durch die offene
Drehung noch zusätzlich das karussellartig
Aus-der-ruhigen-Mitte-tragen der Handlung zu unterstreichen.
Regisseur Michael Bleiziffer bemüht, die Zügel nicht
schießen zu lassen und nicht zur Hysterie der Louise Simmons
noch Exaltation durch überbordende artistische Künststückchen -
bis auf ein Umfallen des Bürostuhles mitsamt dem Irrenarzt -
einzubauen, wie im 'Krug'. Hier war 'weight and balance'
angesagt, denn durch Ungleichgewicht kippende Bänke macht auch
ein Oberspielleiter nur einmal pro Saison.
Bestens die Situation dokumentierend: die Einspielung von Foster
Jenkins mit ihren Staccati der Königin der Nacht.
Das Publikum freute sich besonders als Dr. Chumley etwas
ankündigte, was seit 15 Jahren bei einigen nicht mehr
stattgefunden hat.
Sonst gingen die Zuschauer pfleglich mit den Darstellern um -
staunten, wie ein imaginärer weißer Hase die Welt einer Familie
verändern kann.
Und im Zuschauerraum:
Frau und Herr v. M. schlängelten sich von links nach rechts
durch die voll besetzte sechste Reihe, das kommt davon, wenn man
links und rechts verwechselt, aber in der Politik sind ja auch
die Linken jetzt rechts.
Herr Z. aus R. gähnte lauthals in der zehnten Reihe. Frau
Stadträtin war in Begleitung - wohl der Gatte - Frau Ks. G. im
kleinen Schwarzen, Herr Direktor W. ohne Krawatte mit offenem
Hemd.
Beim Applaus plötzlich die oberste Öffentlichkeitsarbeiterin auf
der Bühne, bloß weil sie ein paar Sätze aus dem Harvey-Film in
die Regensburger Inszenierung 'übernommen' hat?
Zuviel der Ehre.
Der Auftritt erinnerte stark an 'Die Hugenotten', anlässlich
derer sie den Sachverhalt vorlas und mit überschlagenen Beinen
am Podium saß. Oder seinerzeit mit dem Oberspielleiter in der
Proszeniumloge mit den Knien auf der Balustrade.
Zustände !
Wenn schon, dann muss unbedingt auch Klaus Herbert Welz als
Lichtdesigner auf die Bühne und Peter Schütz als
Werkstättenleiter.
Quintessenz des Abends: in dieser Welt muss man besonders schlau
oder außergewöhnlich freundlich sein. Wer unfreundlich, unwirsch
reagiert, den dicken Micki mimt, unterstreicht ein Manko.
Nur gut, dass diese Bemerkungen niemand liest.
Es verwundert aber, dass die Statistik etwas anderes aussagt,
denn die Zugriffe auf diese Seite mehren sich.
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