25.11.05
  Theater Regensburg

       Hase,
   aus dem Hut gezaubert

 

 

'Mein Freund Harvey'
von Mary Chase

  

New York - Broadway - 1944 - die Welt droht im zweiten Weltkrieg unterzugehen - die Invasion der Alliierten in der Normandie steht bevor -  da rüstet sich New York und sein Broadway für die Premiere eines neuen Stückes. Mary Chase, Tochter eingewanderter Iren, schrieb 'Harvey'.
What about Harvey - eine für die Menschen unsichtbare Gestalt - bis auf einen der ihn sieht und ständig um sich hat, so wie jeder seinen 'Vogel' bei sich trägt. So war 'The white rabbit' wie das Stück ursprünglich hieß, die Bestätigung für alle, die sich gerne in Selbstgesprächen mit imaginären Partnern sehen.
1945 erhielt das Stück sogar den Pulitzer-Preis, viereinhalb Jahre lief es im 'Theater der 48. Straße' und wurde zu einer der am längsten andauernden Broadway-Shows überhaupt. Bis zum Ende der Saison 1948/49 wurde das Stück mehr als 1700 auf der New Yorker Bühne gegeben.
Die Amerikaner verdrängten mit diesem phantasievollen Stück den Krieg und die Zeit nach ihm aus ihren Köpfen und Herzen.
1950 erfolgte die deutsche Erstaufführung am Residenztheater in Berlin in der Übersetzung von Alfred Polgar. James Stewart war der 'narrische' Elwood P. Dowd in der Verfilmung von 1950.

Viele keltische Einflüsse zeigen sich in 'Harvey' und die Ratschläge der Mutter von Mary Chase, niemals 'verrückte Menschen' zu missachten, da sie eine tiefe Weisheit in sich trügen.
Seit ihrer Kindheit war sie aus Erzählungen der Onkel und Tanten vertraut mit den Geistergestalten der Heimat ihrer Vorfahren.
Da gab es Pookas und Banshees, geheimnisvolle Erscheinungen, zauberkräftige Geister, die in das Leben der Menschen eingreifen und es beeinflussen. Shakespeare übernahm einen solchen Geist in die Figur des Puck in seinen Sommernachtstraum und in unserer Zeit macht der Pumuckl Furore. Gerade der hat eine gewisse Bösartigkeit, der schlimme Streiche seinem Meister Eder und der übrigen Umwelt in der Schreinerwerkstatt spielt.

Michael Bleiziffer übernahm die Inszenierung des Stückes - nach Großproduktionen 'Orestie', den beiden Fausts, dann klein: 'Raub der Sabinerinnen' - den ja eigentlich nur einer gustierte und 'Tränen lachte' - so wie der ja dann auch an der Regensburger Bewerbung 2010 und wohl auch an  deren Durchfall seinen Spaß hatte, den wahrlich 'zerbrochnen Krug' - nun diese Komödie, die seine Fähigkeiten für Kammerspiel unter Beweis stellen sollte.

Bei Spielplanbesprechungen nimmt Michael Bleiziffer für sich in Anspruch: die Literatur und die Beschäftigung mit ihr sei für Theatermenschen eine ganz große Herausforderung eben auch unter dem Aspekt der Vielfalt für ein Theater wie das in Regensburg. Dazu gehören eben auch Texte, bei denen Worte aneinandergereiht sind, die keine literarische Qualität haben, aber als Informationsvehikel dienen.

Im Falle von 'Harvey' sei es - nach Bleiziffer - somit eben nicht die Literatur, sondern das Thema, das einen Theatermenschen reizt. Hinzu komme, dass es in dem Stück keinen Bösewicht gibt. Alle auftretenden Figuren sind nachvollziehbar, könnten heutig sein, haben einen gewissen Charme und trotzdem gibt es Probleme, weil eine eingespielte Gesellschaft mit einem Außenseiter konfrontiert wird. Szenisch ist immer eine Konfliktsituation notwendig, um eine Geschichte spannend zu machen. Wenn keine da ist, müssen Theatermacher sie erfinden - entweder formal oder inhaltlich. Konflikt bedeute ja nicht Streit, sondern dass unterschiedliche Energien aufeinanderprallen."

Hier gehe es also um den Außenseiter und das Rudel, aber im Speziellen um einen Menschen, dem es gelingt mit Phantasie etwas konkret zu machen, sich von allen Abhängigkeiten befreit. So auch in der Lage ist, keinem nachzustellen, der ihm etwas Böses tun will oder tut.
Alle anderen in dem Rudel - wie die Menschen heute - stecken in ihren Gesamt- oder individuellen Abhängigkeiten, aus denen sie sich nicht befreien können. Durch die auf Elwood P. Dowd von Harvey übertragene Unabhängigkeit ist es beiden möglich möglich, Zeit und Raum zu überwinden,  auch die Uhr anzuhalten. So fragt Bleiziffer: "Was ist verrückt und was ist normal" und als Message des Ensembles: "Wäre es nicht gut, wenn jeder seinen weißen Hasen hätte."

Er habe natürlich eine Ambition, wenn es Gelänge, den Zuschauer so einzubinden, dass er frage, ist da nicht eben ein Hase herausgekommen, habe ich jetzt auch einen Hasen und wenn es nur für Bruchteile von Sekunden ist. Wenn es gelänge, hätte sich sehr viel von der Magie, die die Bühne haben kann, vermittelt. Hinzu komme, dass ein solches Fabelwesen wie der weiße Hase immerhin nicht jedem begegne, sondern hauptsächlich Träumern und Phantasten.

Rolf Wanninger - der Bühnenbilder - baute bereits die Szenerie für 'Anatevka', 'Mann von La Mancha', 'Cabaret', 'Hotel zu den zwei Welten'.
In 'Harvey' spielt das Stück inhaltlich im Heute, aber optisch in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts. Die Drehscheibe macht durch eine Vierteilung schnelle Szenenwechsel zwischen Bücherei, Taverne, Aufnahmeraum im Sanatorium und einen Raum, mit dem das Stück beginnt und die Begegnung mit Harvey, möglich.

Die Kostüme stammen von Bianca Schmid-Hedwig, die gerade im Juli des Jahres mit Michael Bleiziffer den Sommernachtstraum-Verschnitt 'Rose und Regen, 'Schwert und Wunde' ausstattete.

Dr. Chumley als Leiter des Sanatoriums hat seine Beziehungen zu seiner Frau, mit der er - nach Meinung von Herrn Regisseur Bleiziffer - wahrscheinlich nicht mehr viel zu tun hat, und zu seinen Patienten, die er wohl rücksichtslos mit seinem Medikament 977 behandelte, einem Präparat, das die Menschen im Handumdrehn 'normal' macht. Offensichtlich hat sich im Laufe der Zeit das schizophrene Umfeld auf ihn übertragen, denn er ist eigentlich der Einzige im Stück, der den weißen Hasen am Schluss auch wirklich sieht.
Eine liebenswerte Marotte des Dr. Chumley ist das Züchten von Dahlien, die er als seine Kinder sieht. Merkwürdig, dass der Oberspielleiter eine Parallele zu Kinderersatz im Zerbrochnen Krug streicht, als der Dorfrichter sagt :

"... ich bin ein Narr in solchen Dingen, seht,
Und meine Hühner nenn ich meine Kinder."


Besetzt er den Dorfrichter Adam mit Hubert Schedlbauer - im 'Harvey' nur 'Wilson', ist der doch weit vom Johannistrieb entfernt, braucht der kein Perlhuhn, das den Pips hat, um sich Eve Rull zu nähern - nur nahm der Oberspielleiter Schauspiel am Regensburger Theater dem 'Krug' ein besonderes Charakteristikum.

 


Theater Regensburg - 25.11.05 -
Premiere 'Mein Freund Harvey'

Die Schwarzen
   
Inszenierung Michael Bleiziffer
Bühne Rolf Wanniger
Kostüme Bianca Schmid-Hedwig
Licht Klaus Herbert Welz
   
Die Personen und ihre Darsteller
   
Elwood P. Dowd Peter Haake
Veta Louise Simmons Doris Dubiel
Myrtle Mae, deren Tochter Anja Carolin Pohl
Omar Gaffney, Anwalt Heinz Müller
Dr. William Chumley, Professor Peter Heeg
Betty Chumley, seine Frau Silvia van Spronsen
Dr. Lyman Sanderson, Psychiater   Stefan Gad
Ruth Kelly, Oberschwester  Barbara Schedivy
Marvin Wilson, Angestellter   Hubert Schedlbauer
Mrs. Ethel Chauvenet  Silvia van Spronsen
E. J. Lofgreen, Taxi Chauffeur 
Postbote
Mr. Cracker
 Michael Heuberger
   

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Mit einer solch schrecklichen Schwester im Haus - muss jeder einen Hasen kriegen und dass Michael Haake als Mr. Dowd lieber in die Kneipe um die Ecke geht, um dort mit Harvey einen 'zu lüpfen', ist mehr als verständlich. Er zeigte schon als 'Licht', die Figur nur über die Stimmführung zu charakterisieren. Hier auch fast fistelig, der unfertige Mitt-Vierziger im Schatten seiner Schwester.

Leider lässt Regisseur Michael Bleiziffer der Louise Simmons von Doris Dubiel kaum eine Chance, Text gelassen zu gestalten - Hysterie allerweil.
Bei dieser Frau ist auch eine natürliche Entwicklung von Anja Carolin Pohl als Myrtle Mae nicht zu erwarten. Diese, völlig verschreckt, sieht aus wie Alexandra Neldel in 'Verliebt in Berlin' und ist froh dann endlich Hubert Schedlbauer, den Wärter Wilson, mit Ei und Zwiebeln versorgen zu können, nur weg von der Louise Simmons.
Auch Stefan Gad als Dr. Sanderson kriegt einen Husch bei dem fortwährenden aufgeregten Gemache und dass Peter Heeg am Ende auch den Hasen sieht, ist nur verständlich.

Einzig vernünftig bleibt Michael Heuberger als Postbote, er händigt ohne nach einer Legitimation zu fragen, einem Wildfremden einen 'registered letter' aus, putzt überzeugend die Gläser in seiner Kneipe "dann klappt's auch mit dem Nachbarn" oder blättert unberührt vom Hektischen in seiner Zeitung. Ungerührt klärt er am Ende auf, wie das Mittel 977 wirkt und bringt alle auf den Teppich zurück.
Er überzeugte auch als Mönch im 'Galilei', als 'Dorfrichter Adam' - der 'Franz Moor' war nicht so gelungen. Nun ist er unkündbar durch Frau List's Gnaden und spielt die Wurzen, aber eben unbelastet von der Verantwortung einer großen Rolle gegenüber, überzeugend.

Silvia van Spronsen wie sie war als 'Daja' oder hier ist als Betty Chumley oder als Mrs. Chauvenet - nun geht sie ja wohl in Pension.

Interessant wird sein, die Entwicklung von Barbara Schedivy am Theater Regensburg zu beobachten - eine Fesche, die mit der Rolle der Krankenschwester problemlos umgeht, sie wirft sich dem IArzt an den Hals - fast wie im wirklichen Leben. Was kommt für sie dann?

Heinz Müller
war als Anwalt kaum gefordert.

Hübsche Kostüme von Bianca Schmid-Hedwig, die Hütchen, Käppchen der Damen - die Schlabberhosen bei Michael Haake - das Kleid von Frau Dubiel mit dem eleganten Mantel.
Warum man bei ihr keine Korsage von Triumph verwendete, lag wohl am schmalen Budget. So rutschte der Hüfthalter immer wieder hoch und Frau Dubiel war damit beschäftigt, ihn wieder zurecht zu rücken.

Die Drehbühne hier von Wolf Wanninger mit vier Räumen bestückt, die ein zügiges Spiel ermöglichen und durch die offene Drehung noch zusätzlich das karussellartig Aus-der-ruhigen-Mitte-tragen der Handlung zu unterstreichen.

Regisseur Michael Bleiziffer bemüht, die Zügel nicht schießen zu lassen und nicht zur Hysterie der Louise Simmons noch Exaltation durch überbordende artistische Künststückchen - bis auf ein Umfallen des Bürostuhles mitsamt dem Irrenarzt - einzubauen, wie im 'Krug'. Hier war 'weight and balance' angesagt, denn durch Ungleichgewicht kippende Bänke macht auch ein Oberspielleiter nur einmal pro Saison.
Bestens die Situation dokumentierend: die Einspielung von Foster Jenkins mit ihren Staccati der Königin der Nacht.

Das Publikum freute sich besonders als Dr. Chumley etwas ankündigte, was seit 15 Jahren bei einigen nicht mehr stattgefunden hat.

Sonst gingen die Zuschauer pfleglich mit den Darstellern um - staunten, wie ein imaginärer weißer Hase die Welt einer Familie verändern kann.

Und im Zuschauerraum:
Frau und Herr v. M. schlängelten sich von links nach rechts durch die voll besetzte sechste Reihe, das kommt davon, wenn man links und rechts verwechselt, aber in der Politik sind ja auch die Linken jetzt rechts.
Herr Z. aus R. gähnte lauthals in der zehnten Reihe. Frau Stadträtin war in Begleitung - wohl der Gatte - Frau Ks. G. im kleinen Schwarzen, Herr Direktor W. ohne Krawatte mit offenem Hemd.

Beim Applaus plötzlich die oberste Öffentlichkeitsarbeiterin auf der Bühne, bloß weil sie ein paar Sätze aus dem Harvey-Film in die Regensburger Inszenierung 'übernommen' hat?
Zuviel der Ehre.
Der Auftritt erinnerte stark an 'Die Hugenotten', anlässlich derer sie den Sachverhalt vorlas und mit überschlagenen Beinen am Podium saß. Oder seinerzeit mit dem Oberspielleiter in der Proszeniumloge mit den Knien auf der Balustrade.
Zustände !
Wenn schon, dann muss unbedingt auch Klaus Herbert Welz als Lichtdesigner auf die Bühne und Peter Schütz als Werkstättenleiter.

Quintessenz des Abends: in dieser Welt muss man besonders schlau oder außergewöhnlich freundlich sein. Wer unfreundlich, unwirsch reagiert, den dicken Micki mimt, unterstreicht ein Manko.

Nur gut, dass diese Bemerkungen niemand liest.
Es verwundert aber, dass die Statistik etwas anderes aussagt, denn die Zugriffe auf diese Seite mehren sich.
 

 

DH