Theater Regensburg 20.03.05

"
Strano figlio del caos"

 

 
         
   
     
 
 
 
Arrigo Boito

Mefistofele

Oper mit einem Prolog, in vier Akten und einem Epilog
   


Scenenbild von C- Ferrario zu 'Mefistofele'

Arrigo Boïto - auch Fachleuten hauptsächlich als Librettist für Giuseppe Verdi bekannt - war Sohn eines italienischen Malers und - durch Stipendien - Schüler des Mailänder Konservatoriums.
Die Mutter, eine Polin, war drei Jahre nach dem Vater Silvestro Boïto gestorben und hatte zwei Söhne, den 23-jährigen Camillo und den 16-jährigen Arrigo, hinterlassen.
Der ältere Bruder kümmerte sich Zeit seines Lebens um den jüngeren.

Camillo Boïto hatte Architektur studiert und war sehr früh Professor an der Accademia di Belle Arti in Venedig geworden. 1859 wechselte er an die Akademie nach Mailand, wo er 48 Jahre lehrte.
Eine Wohngemeinschaft der Brüder in Mailand und die finanzielle Absicherung durch den Bruder erlaubten Arrigo Boïto, sich seinen literarischen-musikalischen Arbeiten zu widmen. Während dreißig Jahren war er als Übersetzer für die Verlage Lucca und Ricordi tätig.
Bei Aufenthalten in Paris knüpfte er Kontakt zu Rossini, Berlioz, machte sich mit Wagners Werken bekannt und übersetze dessen 'Rienzi', 'Tristan', das 'Liebemahl der Apostel' und die 'Wesendonck-Lieder' ins Italienische wie auch schon vorher Webers 'Freischütz'.

 
1868 wurde seine einzige vollendete Oper 'Mefistofele' an der Mailänder Scala uraufgeführt - ohne Erfolg zu haben.
Eine überarbeitete Fassung, bei der er Kürzungen vornahm, kam in Bologna am 5. Oktober 1875 auf den Spielplan.
Sein 'Nerone' blieb unvollendet und wurde erst 1924 durch Toscanini dem Publikum zugängig gemacht. Sein eigenes Schaffen stellte Boïto ganz seinem verehrten Freund Giuseppe Verdi zur Verfügung. Für 'Falstaff' und 'Othello' erstellte er die Texte wie von ihm auch die Bearbeitung von 'Simone Boccanegro' stammt.
 

Der Librettist der italienischen oder auch französischen Oper hat eine besondere Stellung. Im Gegensatz zu Lortzing und Wagner, die sich nicht auf fremde Texte verließen, sondern eigene schufen, um bei Text und Musik größtmöglichen Einklang zu schaffen, haben Komponisten in der Mehrzahl Texte Anderer zur Vertonung herangezogen. Lorenzo Da Ponte und Schikaneder waren für Mozart die tätig, Tschaikowski bediente sich der Vorlagen von Alexander Puschkin, wobei sein Bruder Modest die musikgerechten Texte lieferte.

    
 
 

Rossini beschäftigte verschiedene Lohnschreiber, deren Niveau unterschiedlich beurteilt werden muss. Vincenzo Bellini benutzte meist die Worte von Felice Romani, der auch für den jungen Verdi und Donizetti tätig war. Salvatore Cammarano schuf die textlichen Vorlagen für Donizettis 'Lucia', 'Roberto Devereux' und auch den 'Troubadour' von Verdi.
Erst nach einer Schaffensperiode gemeinsam mit Franceso Maria Piave fand Verdi zu
Boïto , eine Partnerschaft, die der von Hugo von Hofmannthal mit Richard Strauss  vergleichbar ist.

Neben seinen literarischen und kompositorischen Arbeiten widmete Boïto seine Arbeitszeit der musikalischen Ausbildung in Italien. Mehrfach hatte er ehrenvolle Leitungsfunktionen von Konservatorien ausgeschlagen. 1890 übernahm er dann die Leitung der Musikhochschule in Parma und nutzte gleich die Gelegenheit, einen neuen Lehrgang für 'bel canto' einzuführen, um angehende Komponisten in der Kunst zu unterweisen, mit den Singstimmen richtig umzugehen.

In seinen 'Mefistofele' übernahm Boïto Passagen aus Goethes Faust - Teil I und II - nahezu wörtlich, um möglichst am Werk des Deutschen Dichters zu bleiben. Gerade aber die Verbindung beider Teile führte zu dramaturgischen Problemen, die dann auch zum Misserfolg bei der Uraufführung beitrugen.
Unter dem Einfluss von Wagners durchkomponierten Werken, versuchte Boïto, das nummernhafte der italienischen seiner Zeit Oper zu verlassen.

Hatte Gounod sich auf die publikumswirksame Gretchen-Tragödie beschränkt, überstrapazierte Boïto die Zuhörer mit einer fünfstündigen Fassung, die er dann in der Bearbeitung auf die Situation Faust - Gretchen unter dem Einfluss Mephistos  reduzierte, ohne aber auf die Walpurgisnacht, Helena-Szenen und Prolog im Himmel und Epilog zu verzichten. Wenn auch der ganz große Erfolg dem Werk nicht beschieden war, so konnte es sich doch auf den Spielplänen halten.

In der Diskographie der Labels findet sich das Werk in verschiedenen Einspielungen, wobei noch eine aus den sechziger mit Cesare Siepi auf dem Markt ist. Die achtziger Jahre zeigen vornehmlich Aufnahmen mit Nicolai Ghiaurov in der Titelrolle neben Alfredo Kraus, Carlo Bergonizi, Plácido Domingo und Luciano Pavarotti als Faust und mit Renata Tebaldi, Mirella Freni oder Montserrat Caballé als Margherita zu finden sind. Später erschienen sind Einspielungen mit Samuel Ramey als Mefistofele und 'Marton-Eva' in der weiblichen Hauptrolle.

 Die Besetzung der Hauptrollen
 am 20.03.2005
 Theater Regensburg
 Mefistofele  Jóhann Smári Saevarsson
 Faust  Yong-Bae Shin
 Margharita  Katharina E. Leitgeb
 Wagner  Michael Suttner
 Martha  Astrid M. Hofer
 Helena  Gail Sullivan
 Pantalis  Carmela Calvano Forte
 Nerone  Karsten Münster
 
     

 

 
 'Die Schwarzen' am 20.03.05 in Regensburg
 Musikalische Leitung  Jari Hämäläinen
 Inszenierung  Heinz 
 Lukas-Kindermann
 Bühnenbild/Kostüme  Heidrun Schmelzer
 Chor  Andreas Mehling 
 Licht  Klaus Herbert Welz
 Dramaturgie  Christina Schmidt
   

 


Wie es uns gefallen hat !
Bericht von der Mefistofele-Premiere in Regensburg

Gretchen leidet. Schrecken, Einsamkeit, Wahnsinn und der Trost im Tod mischen sich in ihrer großen Arie - ganz berührend und dramatisch von Katharina E. Leitgeb gestaltet. Diese lange Szene, in der knallgelben Kerkerkiste, die mal des Teufels Revier mal den Brocken darstellt, ist eindrucksvoll - aber leider eine der wenigen, die hängen bleiben nach einem langen Opernabend. Boitos "Mefistofele" hat man sich im Theater Regensburg vorgenommen, selten gespielt, entpuppt sich die Komposition des Verdi-Librettisten als äußerst sperrig und bruchstückhaft.
Und diese Mängel konnte die Inszenierung von Heinz Lukas-Kindermann nicht ausgleichen.
Goethes "Faust" gibt es häppchenweise: Osterspaziergang - die Regie lässt den Chor als maskierte Spießer in stilisierten Posen und Bewegungen agieren. Die Studierstube kommt vor - doch die Wandlung des Bettelmönches (statt des Pudels) zum Teufel verpufft in einem putzigen Feuerwerkseffektchen. So gibt es sozusagen immer mal einen Wiedererkennungseffekt, aber eine richtige Dramaturgie, eine Entwicklung der Figuren findet nicht statt. Und so bleibt die Teufels-Geschichte, nach einem sehr langen, aber ganz beeindruckenden (Chor-)Prolog zum Lob der Harmonie und der Welt, ein Schnitzelwerk.

Das hat Lukas-Kindermann in einem abstrakt-kühlen Bühnenbild (Heidrun Schmelzer, die auch die zeitgenössischen Kostüme entworfen hat), in Szene gesetzt. Da stehen sich in der Studierstube zwei Herren mit Halbglatze und Anzug gegenüber, Mefistofele der eine und Faust der andere, der bald mit (wieder) Feuerwerk verjüngt erscheinen darf. Und dann entführt eine rote Zeigefinger-Hand die beiden zu Gretchen in den Garten, wo aber ziemlich uninspiriert auf dem sich drehenden Bodenkeil spaziert  wird; von Verführung keine Spur.

Schließlich geht es noch auf den Brocken, zu Hexen im Abendkleid, von denen eine als gewagtestes Utensil Strapse trägt; ein Hexensabbat so sündig wie ein Nachmittagstee. Dass dieser Sabbat trotzdem einigermaßen zündet, liegt am wunderbaren Mefistofele von Johan Smari Saevarsson. Der singt mit ausdrucksvoller Tiefe, ist dämonisch und listig, sehr präsent und agil und singt auch mal das Augenzwinkern mit. Das ist über die ganzen drei Stunden eine Freude zu sehen und zu hören. Leider fehlt ihm der Gegenpart, denn auch eine Oper, die Mefistofele heißt, braucht einen Faust. Doch Yong-Bae Shin bleibt stimmlich wie spielerisch blass, ist weder grübelnder Gelehrter noch leidenschaftlich Liebender; er liefert Tenor-Standard-Gesten zu wenig eindrücklichem Gesang.

Nach der Pause geschieht dann in dieser Oper, die so vieles einfach auf die Bühne stellt, die, ebenso wenig wie die Regie, Figuren und Handlung glaubhaft und begründet macht, Erstaunliches. Denn eigentlich gibt es nur drei Szenen, die überhaupt nicht zueinander passen. Da ist Gretchens Kerkerszene, sehr eindrucksvoll. Da ist die Szene in Griechenland bei der schönen Helena, der Faust verfällt. Eine Verknüpfung oder Begründung, warum man plötzlich in Griechenland ist, gibt es nicht - aber die Szenerie mit idyllischem Statuenhain und einer erstaunlichen Helena (Gail Sullivan) funktioniert einfach und klingt gut. Und dann noch der lange Abschied des Faust von seinen Träumen, seinen Idealen, vom Leben in seiner Studierstube. Dafür schickt Lukas-Kindermann den Chor noch mal in den dritten Rang hinauf.

Auch musikalisch ist dieser Mefistofele durchaus unterschiedlich. Da wird viel wie bei Verdi gedräut, Gefahr signalisiert, Aufregung in Noten gesetzt - doch die Eleganz Giuseppe Verdis fehlt. Boito hat eine funktionierende Theatermusik geschrieben, teils sehr weitschweifig, aber mehr nicht. Kaum etwas bleibt hängen, keine der Arien beeindruckt wirklich, auch die Chöre (Einstudierung Karl Andres Mehling) haben schön, aber nicht besonders eindrucksvoll zu singen. Das Orchester unter Jari Hämäläinen malt ordentlich die Farben aus, die Boito ihm zuschreibt, macht die Walpurgisnacht aufregender als sie auf der Bühne ist und ist in der Kerkerszene ein ganz sanfter Partner der Sängerin.

Allerdings: Eine "ungewisse Schlacht zwischen Satan und Gott" sind an diesem Abend weder Stück noch Inszenierung.
Und trotzdem: die Regensburger jubelten ausgiebig.
(UG)

(Ute Grundmann schreibt u.a. für den 'Mannheimer Morgen' und
'Die Deutsche Bühne'.)

 

Das Theater Regensburg leidet unter mangelnder Aufmerksamkeit außerhalb Ostbayerns. Daher haben wir uns entschlossen, Kritiker einzuladen, die dann die Produktionen des ersten Regensburger Kulturinstituts beurteilen und Ihre Meinung hier zur Kenntnis geben,

DH

 



 

 


 

 


 

 



 

 

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