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Paris, Weihnachten 1830 - die Julirevolution
ist verebbt - hatte sie auch Auswirkungen bis hinüber nach
Deutschland. In Dresden schützte Richard Wagner mit Freunden die
Druckmaschinen seines Schwagers Brockhaus vor dem Pöbel, dem es nur
um Zerstörung ging.
In Deutschland: Kleinstaaterei mit den jeweils
eigenen Systemen, einem großen vaterländischen Staat in geistiger
Einheit der Sprache, Wissenschaft, Kunst und Geschichte
entgegenstehend.
Eine Bindung von Herrscher, Beamten und Volk in
einem Ganzen - im Frankreich des beginnenden 19. Jahrhunderts als
zentralistischem Staatsgefüge zwar schon in Ansätzen vorhanden, aber nicht
besser in seiner sozialen Ausrichtung als in deutschen ‘Ländlen’ mit
ihren Landesfürsten.
Der deutsche Autor der ‘Vaterländischen Gedichte’ Ludwig Uhland
wurde beispielsweise 1819 und 1832 in den württembergischen Landtag
gewählt, scheiterte mit seinen Bemühungen, da die Menschen in den
deutschen Ländern auch eine großartige Beförderungsmöglichkeit
innerhalb der jeweiligen Staatsdienste oder bei dem entsprechend
dezentralisierten Militär sahen.
Welcher Ministerpräsident eines deutschen Bundeslandes wie Bremen
und Hamburg stimmt heute gern der Vereinigung mit Niedersachen zu,
oder Berlin würde von Brandenburg vereinnahmt, verlören doch viele -
wie er selber - ihre Posten.

Die große
Politik wie die Entwicklungsgeschichte Europas im 19. Jahrhundert
durch ein Guckloch betrachtet - quasi reduziert auf die private
soziale Situation mit Bezug auf Geisteswissenschaften und Kunst - in
Puccinis ‘La Bohème’.
Da hausen in einem Dachgeschoss-Zimmer der französischen Hauptstadt
vier junge Leute. In der Stadt kaum gepflasterte Straßen, keine
sanitären Einrichtungen, kein fließend Wasser, keine Kanalisation.
Damals noch unbekannt von Bakterien oder Viren ausgelöste
Infektionen.
An einer solchen leidet auch Mimi, die schwindsüchtige Stickerin,
mit den vier Künstlern unter einem Dach lebend.
Es beginnt ihre Amoure mit Rudolf, dem Dichter, die von diesem
beendet wird, als er erfährt, dass Mimi todkrank ist. Sie stirbt in
der Bodenkammer im Beisein der Freunde.

Rudolf
Heinrich gestaltete die Bühne für Otto Schenk, der vor mehr als 35
Jahren Puccinis Werk an der Bayerischen Staatsoper inszenierte und
zwar so, dass bei Aufgehen des Vorhangs zum 2. Bild das Publikum an
diesem 24. November 2006 spontan in Beifall ausbrach - sah es doch
eine Szenerie, die - wie schon im ersten Bild - zum Stück passte.
Es war nicht die Bratpfanne als Uhr oder ein Nudelkochtopf als 'Pot
de Chambre' aufgestellt, von Mimi ausgiebig benutzt. Also nicht
dieses heute so beliebte Fäkalisieren und permanente Rühren in den
Exkrementen zur optischen Darstellung und Deutung eines
Meisterwerks.
"Was erzürn ich mich denn", die Inszenierungen von Kostky, Hilsdorf,
Kuzey, Neuenfels oder sonstwem - in fünfzig Jahren spricht kein
Mensch mehr drüber.
Puccinis Bohème bleibt bis zum Untergang der Welt und übersteht alle
modischen Momentmätzchen.
Marco Armiliato dirigierte das Werk nun nicht zum ersten Mal
und so führte er - ohne sich immer wieder durch Umblättern mit der
linken Hand vom Musikmachen ablenken lassen zu müssen - sicher
Orchester, Chor und Solisten durch die diffizile Kleingliedrigkeit
der musikalischen Anlage des Werkes, die schnellen Wechsel der Tempi
in den kurzen Abschnitten, diese beherrscht durch bestimmte Motive.
Die Überblendungen im dritten Akt, die elegisch, sentimentale von
Rudolf und Mimi, daneben das kecke Zetern von Musette gegenüber
Marcel. Selten hörte man diese fast fortwährenden Wechsel in den
typenbezogenen Veränderungen in einer Bohème so leicht erfahr- und
erfassbar, da alles mit feinstem Pinsel und doch deutlich konturiert
wurde.
Marina Mescherikova tupfte feinste Diminuendi, Piani und
Pianissimi, die einer Mimi nur zu Geboten stehen können. Beim
Mezzoforte und Forte waren insofern Abstriche am guten
Gesamteindruck notwendig, als hier doch deutlich, ein Tremolo den
häufigen Einsatz in dramatischen Partien erkennbar machte. Auch war
die hohe Lage teilweise zu tief intoniert.
Eine Lyrische, die ihre Grenzen überschreitet, wohl weil sie meint,
eine Jugendlich-dramatische zu sein. Gestalterisch, die an Krankheit
und spätem Liebeskummer leidende junge Frau, überzeugend
dargestellt.
Margarita De Arellano gab eine figürlich und stimmlich sehr
schlanke Musette, die so kaum Möglichkeiten hatte, ihrer Stimme ein
großes Volumen zu verleihen, das aus diesem Model-Körperchen kommen
konnte.
Die Kesse und dann doch am Leid der Mimi intensiv teilhabende eher
Koloratur-Soubrette, denn ein dramatischer Koloratursopran.
Roberto Aronica hatte mit dem Rudolf keine Mühe, die hohe
Lage mit den Spitzentönen - besonders gerade im dritten Akt - keine
Schwierigkeiten und Italianità gab der gesanglichen Gestaltung den
erforderlichen Klang.
Der glaubhaft, zögerliche Liebhaber, der, wenn es schwierig wird,
zwar lieber aus einem Verhältnis aussteigt, im Notfall aber seinen
Mann steht.
Christoper Maltman tat sich mit dem Marcel nicht gerade
schwer, wohl nimmt er sich für seinen Körper zu große Rollen vor,
die dann auch ihren Tribut fordern. Ein Kavalierbariton ist er
weniger, eher ein geforderter lyrischer Bariton, der seine Stimme
recht grob behandelt und damit an Charme verliert, von der Rolle her
unter seiner Musette und ihren Auftritten leidet, sie aber durch
emotionale Bindung nicht lassen kann.
Schaunard durch Christian Rieger - der typische lyrische
Bariton mit einem außergewöhnlich schönen Timbre - der Einfühlsame
und am Elend sich beteiliegende - einer der wenigen Deutschen im
Ensemble und auch noch aus Neumarkt in der Oberpfalz.
Steven Humes hat auch mit der Mantel-Arie keine
Schwierigkeiten, ein seriöser Bass mit leichtem Knödel, aber schönen
Legati, der seinen Coline rollengemäß verständnisvoll einbringt.
Der Chor von Andrés Máspero studiert, präzise im großen
zweiten Bild, für den 'Conducteur' eine Herausforderung alle
zusammenzuhalten - Solisten und die Menge der Menschen sängerisch am
Gesamtbild beteiligt.

Eine
Vorstellung nach 35 Jahren, frisch wie am ersten Tag, stimmungsvolle
Bilder, besonders die Eiseskälte im Dritten, förmlich zu spüren.
Regie und Bühnenbild gelingen, die soziale Situation der
wirtschaftlich Minderbemittelten dem heutigen Publikum zu
verdeutlichen. Menschen, denen Talent nicht abgesprochen werden
darf, die aber durch die Umstände des Hineingeborenwerdens in eine
Welt der Reduzierung nicht in die Lage versetzt werden, eine
Plattform für sich selber und die Menschen im engen Umfeld zu
finden.
Gerade das dritte Bild überträgt durch seine Lichtgestaltung das
Einfrieren der Gefühle und des Miteinander.
Mit dieser Aufführung stellt die Bayerische Staatsoper dem Publikum
eine Diskussionsmöglichkeit zur Verfügung, wobei sie fragt: Was soll
Regietheater mit der Spirale von Sex and Crime ?
Wollen wir ‘Aida’ als Putzfrau und mit den weniger werdenden Mitteln Puhlmann’sche Experimente in Hannover oder jetzt in Stuttgart oder
Kostky’s an den Haaren herbeigezogene Verdrehtheiten beim
‘Holländer’ in Essen oder sollen die Werke in der von den Autoren
gedachten Weise präsentiert werden.
Möglichkeiten der Gestaltung liegen in jedem Werk - das
Überstrapazieren vertreibt die Vollzahler.
An der Berliner Lindenoper wurde ‘die Witwe’ in der Regie von
Hausherr Mussbach jetzt abgesetzt. Kolportierter Grund für die
Spielplanänderung: 'mangelndes Publikumsinteresse.'
So kam man dort schon mal zu der Einsicht, dass eben nicht ‘anything
goes.’
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