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Bayerische Staatsoper München
   
   Giacomo Puccini
 'La Bohème'

   Besuchte Vorstellung 24.11.2006
 
   
         
 
 

 

 

 
   "Die Liebe ist ein Kamin, der zuviel verschwendet "
   
 


 

Paris, Weihnachten 1830 - die Julirevolution ist verebbt - hatte sie auch Auswirkungen bis hinüber nach Deutschland. In Dresden schützte Richard Wagner mit Freunden die Druckmaschinen seines Schwagers Brockhaus vor dem Pöbel, dem es nur um Zerstörung ging.

In Deutschland: Kleinstaaterei mit den jeweils eigenen Systemen, einem großen vaterländischen Staat in geistiger Einheit der Sprache, Wissenschaft, Kunst und Geschichte entgegenstehend.
Eine Bindung von Herrscher, Beamten und Volk in einem Ganzen - im Frankreich des beginnenden 19. Jahrhunderts als zentralistischem Staatsgefüge zwar schon in Ansätzen vorhanden, aber nicht besser in seiner sozialen Ausrichtung als in deutschen ‘Ländlen’ mit ihren Landesfürsten.

Der deutsche Autor der ‘Vaterländischen Gedichte’ Ludwig Uhland wurde beispielsweise 1819 und 1832 in den württembergischen Landtag gewählt, scheiterte mit seinen Bemühungen, da die Menschen in den deutschen Ländern auch eine großartige Beförderungsmöglichkeit innerhalb der jeweiligen Staatsdienste oder bei dem entsprechend dezentralisierten Militär sahen.
Welcher Ministerpräsident eines deutschen Bundeslandes wie Bremen und Hamburg stimmt heute gern der Vereinigung mit Niedersachen zu, oder Berlin würde von Brandenburg vereinnahmt, verlören doch viele - wie er selber - ihre Posten.

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Die große Politik wie die Entwicklungsgeschichte Europas im 19. Jahrhundert durch ein Guckloch betrachtet - quasi reduziert auf die private soziale Situation mit Bezug auf Geisteswissenschaften und Kunst - in Puccinis ‘La Bohème’.
Da hausen in einem Dachgeschoss-Zimmer der französischen Hauptstadt vier junge Leute. In der Stadt kaum gepflasterte Straßen, keine sanitären Einrichtungen, kein fließend Wasser, keine Kanalisation. Damals noch unbekannt von Bakterien oder Viren ausgelöste Infektionen.
An einer solchen leidet auch Mimi, die schwindsüchtige Stickerin, mit den vier Künstlern unter einem Dach lebend.
Es beginnt ihre Amoure mit Rudolf, dem Dichter, die von diesem beendet wird, als er erfährt, dass Mimi todkrank ist. Sie stirbt in der Bodenkammer im Beisein der Freunde.

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Rudolf Heinrich gestaltete die Bühne für Otto Schenk, der vor mehr als 35 Jahren Puccinis Werk an der Bayerischen Staatsoper inszenierte und zwar so, dass bei Aufgehen des Vorhangs zum 2. Bild das Publikum an diesem 24. November 2006 spontan in Beifall ausbrach - sah es doch eine Szenerie, die - wie schon im ersten Bild - zum Stück passte.

Es war nicht die Bratpfanne als Uhr oder ein Nudelkochtopf als 'Pot de Chambre' aufgestellt, von Mimi ausgiebig benutzt. Also nicht dieses heute so beliebte Fäkalisieren und permanente Rühren in den Exkrementen zur optischen Darstellung und Deutung eines Meisterwerks.

"Was erzürn ich mich denn", die Inszenierungen von Kostky, Hilsdorf, Kuzey, Neuenfels oder sonstwem - in fünfzig Jahren spricht kein Mensch mehr drüber.
Puccinis Bohème bleibt bis zum Untergang der Welt und übersteht alle modischen Momentmätzchen.

Marco Armiliato dirigierte das Werk nun nicht zum ersten Mal und so führte er - ohne sich immer wieder durch Umblättern mit der linken Hand vom Musikmachen ablenken lassen zu müssen - sicher Orchester, Chor und Solisten durch die diffizile Kleingliedrigkeit der musikalischen Anlage des Werkes, die schnellen Wechsel der Tempi in den kurzen Abschnitten, diese beherrscht durch bestimmte Motive. Die Überblendungen im dritten Akt, die elegisch, sentimentale von Rudolf und Mimi, daneben das kecke Zetern von Musette gegenüber Marcel. Selten hörte man diese fast fortwährenden Wechsel in den typenbezogenen Veränderungen in einer Bohème so leicht erfahr- und erfassbar, da alles mit feinstem Pinsel und doch deutlich konturiert wurde.

Marina Mescherikova tupfte feinste Diminuendi, Piani und Pianissimi, die einer Mimi nur zu Geboten stehen können. Beim Mezzoforte und Forte waren insofern Abstriche am guten Gesamteindruck notwendig, als hier doch deutlich, ein Tremolo den häufigen Einsatz in dramatischen Partien erkennbar machte. Auch war die hohe Lage teilweise zu tief intoniert.
Eine Lyrische, die ihre Grenzen überschreitet, wohl weil sie meint, eine Jugendlich-dramatische zu sein. Gestalterisch, die an Krankheit und spätem Liebeskummer leidende junge Frau, überzeugend dargestellt.

Margarita De Arellano gab eine figürlich und stimmlich sehr schlanke Musette, die so kaum Möglichkeiten hatte, ihrer Stimme ein großes Volumen zu verleihen, das aus diesem Model-Körperchen kommen konnte.
Die Kesse und dann doch am Leid der Mimi intensiv teilhabende eher Koloratur-Soubrette, denn ein dramatischer Koloratursopran.

Roberto Aronica hatte mit dem Rudolf keine Mühe, die hohe Lage mit den Spitzentönen - besonders gerade im dritten Akt - keine Schwierigkeiten und Italianità gab der gesanglichen Gestaltung den erforderlichen Klang.
Der glaubhaft, zögerliche Liebhaber, der, wenn es schwierig wird, zwar lieber aus einem Verhältnis aussteigt, im Notfall aber seinen Mann steht.

Christoper Maltman tat sich mit dem Marcel nicht gerade schwer, wohl nimmt er sich für seinen Körper zu große Rollen vor, die dann auch ihren Tribut fordern. Ein Kavalierbariton ist er weniger, eher ein geforderter lyrischer Bariton, der seine Stimme recht grob behandelt und damit an Charme verliert, von der Rolle her unter seiner Musette und ihren Auftritten leidet, sie aber durch emotionale Bindung nicht lassen kann.

Schaunard durch Christian Rieger - der typische lyrische Bariton mit einem außergewöhnlich schönen Timbre - der Einfühlsame und am Elend sich beteiliegende - einer der wenigen Deutschen im Ensemble und auch noch aus Neumarkt in der Oberpfalz.

Steven Humes hat auch mit der Mantel-Arie keine Schwierigkeiten, ein seriöser Bass mit leichtem Knödel, aber schönen Legati, der seinen Coline rollengemäß verständnisvoll einbringt.

Der Chor von Andrés Máspero studiert, präzise im großen zweiten Bild, für den 'Conducteur' eine Herausforderung alle zusammenzuhalten - Solisten und die Menge der Menschen sängerisch am Gesamtbild beteiligt.

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Eine Vorstellung nach 35 Jahren, frisch wie am ersten Tag, stimmungsvolle Bilder, besonders die Eiseskälte im Dritten, förmlich zu spüren.

Regie und Bühnenbild gelingen, die soziale Situation der wirtschaftlich Minderbemittelten dem heutigen Publikum zu verdeutlichen. Menschen, denen Talent nicht abgesprochen werden darf, die aber durch die Umstände des Hineingeborenwerdens in eine Welt der Reduzierung nicht in die Lage versetzt werden, eine Plattform für sich selber und die Menschen im engen Umfeld zu finden.
Gerade das dritte Bild überträgt durch seine Lichtgestaltung das Einfrieren der Gefühle und des Miteinander.

Mit dieser Aufführung stellt die Bayerische Staatsoper dem Publikum eine Diskussionsmöglichkeit zur Verfügung, wobei sie fragt: Was soll Regietheater mit der Spirale von Sex and Crime ?
Wollen wir ‘Aida’ als Putzfrau und mit den weniger werdenden Mitteln Puhlmann’sche Experimente in Hannover oder jetzt in Stuttgart oder Kostky’s an den Haaren herbeigezogene Verdrehtheiten beim ‘Holländer’ in Essen oder sollen die Werke in der von den Autoren gedachten Weise präsentiert werden.
Möglichkeiten der Gestaltung liegen in jedem Werk - das Überstrapazieren vertreibt die Vollzahler.
An der Berliner Lindenoper wurde ‘die Witwe’ in der Regie von Hausherr Mussbach jetzt abgesetzt. Kolportierter Grund für die Spielplanänderung: 'mangelndes Publikumsinteresse.'
So kam man dort schon mal zu der Einsicht, dass eben nicht ‘anything goes.’

 

     

 

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Als Premieren-Abonnent und Abnehmer von voll bezahlten Karten aus dem freien Verkauf gebe ich hier meine subjektive Meinung zu dem Gehörten und Gesehenen zur Kenntnis.

Ich
verstehe diese Besprechungen und Kommentare nicht als Kritik um der Kritik willen,
sondern als Hinweis auf - nach meiner Auffassung - Geglücktes oder Misslungenes.
Neben Sachaussagen enthält diese private Homepage auch Überspitztes und Satire.
Für diese nehme ich den Kunstvorbehalt nach Artikel 5 Grundgesetz in Anspruch.
In die Texte baue ich gelegentlich Fehler ein, um Kommentare herauszufordern.
Dieter Hansing

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