"Et déjà nous voyons Carthage s'élever,
Ses campagnes fleurir, sa flotte s'achever!
"
 
Oper Leipzig
05.05.05
 

Hector Berlioz
'Die Trojaner'

  Cornelia Helfricht als Dido
   

Das Volk ist Spiegel, Zeuge und Akteur zugleich. Auf den grauen Stufen eines Amphitheaters sitzen die Menschen, verfolgen, wie die Seherin Kassandra vor der Zukunft warnt, die, die Menschen, in ihrer elegischen Schicksalsklage ein unglückliches Volk nennt. Dieses Volk verbirgt die Gesichter hinter Entsetzens-Masken, stimmen einen aufrüttelnden Chor des Entsetzens an – doch die Prophezeiungen Kassandras bleiben dennoch ungehört. Sie ist eine der beiden bestimmenden Frauenfiguren in Hector Berlioz‘ Opern-Hauptwerk „Les Troyes“ (Die Trojaner), das die Oper Leipzig seit dem letzten Jahr im Repertoire hat.

Nach Vergils zweitem und viertem Buch der Aeneis schrieb Berlioz das Libretto um den Fall Trojas und das Schicksal des trojanischen Helden Aeneas selbst. Die groß dimensionierte Oper entstand zwischen 1856 und 1858, wurde in einer fragmentarischen Fassung 1863 in Paris uraufgeführt, vollständig zum erstenmal 1890 in Karlsruhe gezeigt, auf deutsch.    

Nun hat sich Regisseur Guy Joosten an dieses Riesenwerk gewagt und er nimmt sich in einer immerhin viereinhalbstündigen Aufführung die Zeit und die Ruhe, Tableaus zu zeichnen, Stimmungen, Atmosphäre zu zeichnen, Charaktere herauszuarbeiten. Ein dominantes und markantes  Motiv bleibt dabei immer das der Frau in einer Männerwelt, die  Krieg, Zerstörung, Flucht bedeutet. Das ist so bei Kassandra (Nadja Michael) im ersten Teil, der von der Zerstörung Trojas handelt. Die Liebe zu Choroebis ist von Unglück gezeichnet  („Der Tod bereitet unser Hochzeitlager“), Andromache und ihr Sohn schreiten in Trauer um den Mann und Vater stumm um den Orchestergraben. Der blutüberströmte Hektor wird auf einem Rollwagen in eine Szenerie aus Kriegern und flackernden Feuern gezogen – derweil aus dem Orchestergraben schon der Weckruf zu neuerlichen Schlachten ertönt.

Mit prächtigen Kostümen (Jorge Jara) und großen Bildern entwirft Joosten so die beklemmende Szenerie eines Volkes und seiner Herrscher in ständiger Furcht und Flucht vor dem Unheil, das ihnen prophezeit wurde, das aber niemand hören wollte.

Der Kontrast zum zweiten Teil könnte dann kaum größer sein in diesem Werk, das als französisches Gegenstück zu Wagners „Ring“ gesehen wird. So wie bei Wagners Nibelungen-Saga sind die „Trojaner“ bei Berlioz das mythische und mythologische Werk, das als lyrisches Gedicht mit großem Atem und weitem Bogen ein Zeitalter einfängt. Das scheint im zweiten Teil ein frohes, ein glückliches zu sein. Aeneas ist auf seiner Flucht aus Troja bei Königin Dido angekommen. An ihrem Hof steht ein riesiger, roter Apfel im Zentrum, um den sich Fabelwesen tummeln. Sie ziehen Dido auf einem Holzschiff in dieses blühende Karthago, in dem bunte Feen tanzen und Dido (Cornelia Helfricht) eine (lebens)frohe Herrscherin ist. Das Orchester begleitet diesen Einzug zunächst mit Triumph, dann mit ganz zarten Tönen – erzählt Dido ihrer Schwester doch in einem wunderbaren, langen lyrischen Zwiegespräch von ihrer unbestimmten Sehnsucht, dem Schwanken zwischen Pflicht und Hoffnung. Die scheint sich zunächst zu erfüllen, als Aeneas erscheint und die beiden in barocken, goldblitzenden Kostümen als glücklich Liebende herausgehoben werden. Da ist die Oper ganz Schwelgen in Tönen und Stimmen, ganz Glück und Seligkeit: Robert Reimer am Pult des Gewandhausorchesters hält hier wunderbar die Schwebe, so wie er sonst das Orchester ganz Aufregung, ganz kriegslärmend sein läßt oder aber nur ganz sachte, behutsam die Begleitung zu den Sängerstimmen hintupfen läßt.

Die Aufführung am Himmelsfahrtstag hatte ein große Klippe zu meistern. Der Darsteller des Aeneas, Robert Chafin, war so erkältet, dass er zwar agieren, nicht aber singen konnte. Diesen Part übernahm Michail Agafonov vom Staatstheater Mannheim aus der Gasse – so bravourös, so ganz strahlender Held und kummervoller Krieger, dass Chafin ihm auf offener Bühne applaudierte. Das war schon im dritten Teil, als Aeneas von den Göttern nach Italien gerufen wird, ein neues Troja (Rom) zu begründen, also Dido und sein Glück zu verlassen. Szenerie und Kostüme haben sich bis dahin immer weiter der Moderne angewandelt, ein Marketenderwagen und Soldaten in grauen Decken signalisieren ganz ohne Zeigefinger den ewigen, wiederkehrenden Krieg. Mit Aeneas‘ eindringlichem, berührenden Trauerlied um die zornige, verlassene, verstummte Dido und deren langer, von Schmerz über Verzweiflung zu Zorn sich wandelnden Klage stehen diese Liebenden in den Zeiten des Krieges ganz im Mittelpunkt. Den Effekt, Dido per Kamera in ihrem Leid und ihrem Freitod auf eine Leinwand zu holen, diesen Bruch hätte Joostens beeindruckende Inszenierung nicht nötig gehabt. Den Schlusspunkt setzen die von Anton Tremmel bestens präparierten Sänger der Chöre der Oper und der Musikalischen Komödie mit der Verfluchung des Aeneas. Langer Beifall im vollbesetzten Leipziger Opernhaus.
(UG)

(Ute Grundmann schreibt u.a. für den 'Mannheimer Morgen', 'Die Deutsche Bühne' - dem Organ des Deutschen Bühnenvereins - und für teleZeitung.tv und heerrufer.de.)