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Das Volk ist
Spiegel, Zeuge und Akteur zugleich. Auf den grauen Stufen eines
Amphitheaters sitzen die Menschen, verfolgen, wie die Seherin
Kassandra vor der Zukunft warnt, die, die Menschen, in ihrer
elegischen Schicksalsklage ein unglückliches Volk nennt. Dieses Volk
verbirgt die Gesichter hinter Entsetzens-Masken, stimmen einen
aufrüttelnden Chor des Entsetzens an – doch die Prophezeiungen
Kassandras bleiben dennoch ungehört. Sie ist eine der beiden
bestimmenden Frauenfiguren in Hector Berlioz‘ Opern-Hauptwerk „Les
Troyes“ (Die Trojaner), das die Oper Leipzig seit dem letzten Jahr
im Repertoire hat.
Nach Vergils
zweitem und viertem Buch der Aeneis schrieb Berlioz das Libretto um
den Fall Trojas und das Schicksal des trojanischen Helden Aeneas
selbst. Die groß dimensionierte Oper entstand zwischen 1856 und
1858, wurde in einer fragmentarischen Fassung 1863 in Paris
uraufgeführt, vollständig zum erstenmal 1890 in Karlsruhe gezeigt,
auf deutsch.
Nun hat sich
Regisseur Guy Joosten an dieses Riesenwerk gewagt und er nimmt sich
in einer immerhin viereinhalbstündigen Aufführung die Zeit und die
Ruhe, Tableaus zu zeichnen, Stimmungen, Atmosphäre zu zeichnen,
Charaktere herauszuarbeiten. Ein dominantes und markantes Motiv
bleibt dabei immer das der Frau in einer Männerwelt, die Krieg,
Zerstörung, Flucht bedeutet. Das ist so bei Kassandra (Nadja
Michael) im ersten Teil, der von der Zerstörung Trojas handelt. Die
Liebe zu Choroebis ist von Unglück gezeichnet („Der Tod bereitet
unser Hochzeitlager“), Andromache und ihr Sohn schreiten in Trauer
um den Mann und Vater stumm um den Orchestergraben. Der
blutüberströmte Hektor wird auf einem Rollwagen in eine Szenerie aus
Kriegern und flackernden Feuern gezogen – derweil aus dem
Orchestergraben schon der Weckruf zu neuerlichen Schlachten ertönt.
Mit prächtigen
Kostümen (Jorge Jara) und großen Bildern entwirft Joosten so die
beklemmende Szenerie eines Volkes und seiner Herrscher in ständiger
Furcht und Flucht vor dem Unheil, das ihnen prophezeit wurde, das
aber niemand hören wollte.
Der Kontrast zum
zweiten Teil könnte dann kaum größer sein in diesem Werk, das als
französisches Gegenstück zu Wagners „Ring“ gesehen wird. So wie bei
Wagners Nibelungen-Saga sind die „Trojaner“ bei Berlioz das
mythische und mythologische Werk, das als lyrisches Gedicht mit
großem Atem und weitem Bogen ein Zeitalter einfängt. Das scheint im
zweiten Teil ein frohes, ein glückliches zu sein. Aeneas ist auf
seiner Flucht aus Troja bei Königin Dido angekommen. An ihrem Hof
steht ein riesiger, roter Apfel im Zentrum, um den sich Fabelwesen
tummeln. Sie ziehen Dido auf einem Holzschiff in dieses blühende
Karthago, in dem bunte Feen tanzen und Dido (Cornelia Helfricht)
eine (lebens)frohe Herrscherin ist. Das Orchester begleitet diesen
Einzug zunächst mit Triumph, dann mit ganz zarten Tönen – erzählt
Dido ihrer Schwester doch in einem wunderbaren, langen lyrischen
Zwiegespräch von ihrer unbestimmten Sehnsucht, dem Schwanken
zwischen Pflicht und Hoffnung. Die scheint sich zunächst zu
erfüllen, als Aeneas erscheint und die beiden in barocken,
goldblitzenden Kostümen als glücklich Liebende herausgehoben werden.
Da ist die Oper ganz Schwelgen in Tönen und Stimmen, ganz Glück und
Seligkeit: Robert Reimer am Pult des Gewandhausorchesters hält hier
wunderbar die Schwebe, so wie er sonst das Orchester ganz Aufregung,
ganz kriegslärmend sein läßt oder aber nur ganz sachte, behutsam die
Begleitung zu den Sängerstimmen hintupfen läßt.
Die Aufführung am
Himmelsfahrtstag hatte ein große Klippe zu meistern. Der Darsteller
des Aeneas, Robert Chafin, war so erkältet, dass er zwar agieren,
nicht aber singen konnte. Diesen Part übernahm Michail Agafonov vom
Staatstheater Mannheim aus der Gasse – so bravourös, so ganz
strahlender Held und kummervoller Krieger, dass Chafin ihm auf
offener Bühne applaudierte. Das war schon im dritten Teil, als
Aeneas von den Göttern nach Italien gerufen wird, ein neues Troja
(Rom) zu begründen, also Dido und sein Glück zu verlassen. Szenerie
und Kostüme haben sich bis dahin immer weiter der Moderne
angewandelt, ein Marketenderwagen und Soldaten in grauen Decken
signalisieren ganz ohne Zeigefinger den ewigen, wiederkehrenden
Krieg. Mit Aeneas‘ eindringlichem, berührenden Trauerlied um die
zornige, verlassene, verstummte Dido und deren langer, von Schmerz
über Verzweiflung zu Zorn sich wandelnden Klage stehen diese
Liebenden in den Zeiten des Krieges ganz im Mittelpunkt. Den Effekt,
Dido per Kamera in ihrem Leid und ihrem Freitod auf eine Leinwand zu
holen, diesen Bruch hätte Joostens beeindruckende Inszenierung nicht
nötig gehabt. Den Schlusspunkt setzen die von Anton Tremmel bestens
präparierten Sänger der Chöre der Oper und der Musikalischen Komödie
mit der Verfluchung des Aeneas. Langer Beifall im vollbesetzten
Leipziger Opernhaus.
(UG)
(Ute Grundmann schreibt u.a. für den 'Mannheimer Morgen', 'Die
Deutsche Bühne' - dem Organ des Deutschen Bühnenvereins - und für
teleZeitung.tv und heerrufer.de.) |