Theater Regensburg
25.09.04

"... ob ich sie mit Recht erschlug."

 

 
         
   
 

       

 


- Velodrom -

Aischylos
'
Die Orestie'
 
'Agamemnon'
'Die Totenspende'
'Die Eumeniden'
Als im Winter 1899 / 1900 in Berlin, Wien eine neue Bearbeitung der Orestie des Aischylos durch Enno Friedrich Wichard Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff (* 22. 12. 1848 in Markowitz/Preußen, † 25. 9. 1931) auf der Bühne erschien, waren Publikum und Kritik unfähig, den tiefen Sinn dieser Tragödie zu erfassen, sie standen ihr fremd gegenüber.
    

 

 

Göttin Artemis verlangt nach einem Orakel den Tod der Iphigenie, damit Wind die Boote der Griechen nach Troja blase, Agamemnon gehorcht - opfert Iphigenie.
Klytaimestra rächt den Mord an der Tochter, die nach Mutterrecht nicht ihrem Manne gehört, und nimmt während der Abwesenheit des Agamemnon Aigisthos, wodurch sie nach altem Recht nichts Anstößiges beging. Sie erschlägt Agamemnon im Bad.
Gott Apollon verlangt von Orest, den Tod Agamemnons zu rächen, Orest folgt dem Aufruf, erschlägt Klytaimestra und deren Liebhaber Aigisthos.
Die Erinnyen verfolgen Orest wegen des Mordes an der Mutter, sie vertreten das alte Recht.
Apollon und Athene, die von den Mythenerzählern als mutterlose Kopfgeburt erfunden wurde, wonach sie geharnischt aus dem Haupte des Zeus entspringt, verteidigen Orest, denn sie vertreten das neue Vaterrecht. Die Entscheidung kommt vor den Areopag:
Orest führt aus, Klytaimestra habe ich zweifach schuldig gemacht, sie habe ihren Mann Agamemnon und seinen - Orest's - Vater erschlagen.
Die Erinnyen sehen hierin keine Schuld, da Klytaimestra keinen Mord
an einem Blutsverwandten begangen habe.
Orest stellt die Blutsverwandtschaft zu seiner Mutter Klytaimestra in Frage. Somit sei er nicht schuldig am Tod der Mutter.
Eine Mutter sei nach Apollon’s Ansicht nicht die Erzeugerin, sondern nur die Ernährerin; Vater könne man ohne Mutter werden.

„Die Mutter bringt, was ihr uns Kind heißt, nicht hervor.
Sie ist nur frisch gesähten Keimes Nährerin,
Der sie befruchtet zeugt. Sie, wie der Wirt den Gast, (660)
Beschützt, sofern kein Gott es schädigt, nur das Gut.
Für diese Rede leg ich den Beweis euch vor.
Es gibt auch ohne Mutter Vaterschaft.“


Mit dieser Formulierung wird das überlieferte Mutterrecht ins Wanken und in der Folge zum Einsturz gebracht
In Athen, in dem das Mutterrecht am frühesten, aber anscheinend unter schroffem Widerstand der Frauen, dem Vaterrecht Platz machte.
Vor dem Gericht kommen die beiden sich feindlich gegenüberstehenden Anschauungen zum Ausdruck:

Erinnys:
Der Seher war’s, der dich zum Muttermord verführt ?
Orestes:
Ja! Bis zur Stunde schelte ich mein Schicksal nicht..
Erinnys:
Gar bald, wenn dich das Urteil trifft, wirst du es schmähn.
Orestes:
Ich hoffe! Hilfe schickt der Vater aus dem Grab.
Erinnys:
Auf Tote hoffst du, der die Mutter umgebracht?.
Orestes:
Sie trug das Schadmal eines doppelten Vergehns..
Erinnys:
was soll dies heißen? Leg es deinen Richtern dar.
Orestes:
Mir tötete den Vater sie, sich den Gemahl..
Erinnys:
Du aber lebst! Sie wurde frei durch deinen Mord.
Orestes:
Warum, da sie noch lebte, hetztest du sie nicht?
Erinnys:
Sie war dem Manne, den sie erschlug, nicht blutsverwandt.
Orestes:
Doch ich mit meiner Mutter wäre gleichen Bluts?.
Erinnys:
Hat, Mordbefleckter, untern Gürtel sie dich nicht
Getragen? Der Mutter teures Blut verleugnest du?

 

Antikes Theater

Die Erinnyen erkennen also kein Recht des Vaters und des Ehemannes an, für sie besteht das Recht der Mutter. Dass Klytaimestra den Gatten erschlagen ließ, erscheint ihnen gleichgültig, denn er war ein Fremder kein Blutsverwandter; dagegen fordern sie des Muttermörders Bestrafung,
denn Orest beging, indem er die Mutter tötete, das schwerste Verbrechen, das unter der alten Ordnung begangen werden konnte. Apollon hingegen steht auf dem entgegen gesetzten Standpunkt, er hat im Auftrag des Zeus Orest zum Mord an der eigenen Mutter zur Rächung des Vatermordes veranlasst, und er verteidigt vor den Richtern dessen Handlung.

Nach Apollon gibt also die Zeugung dem Vater das erste Recht, wohingegen nach der bis dahin geltenden Anschauung die Mutter, die dem Kinde ihr Blut und das Leben gibt, die alleinige Besitzerin des Kindes ist und der Vater ihres Kindes für sie ein Fremder bleibt.

Daher antworten die Erinnyen auf die Anschauung Apollons:

Danieder stürzest du die Mächte grauer Zeit...
Du, der junge Gott, willst uns, die Greisen, nieder rennen.

Die Richter rüsten sich zum Spruche, halb stehen sie zum alten, halb zum neuen Rechte, so dass Stimmengleichheit droht. Da ergreift Athene den Stimmstein vom Altar, und indem sie denselben der Urne übergibt, spricht sie:

Mein ist es, abzugeben einen letzten Spruch,
Und für Orestes leg' ich diesen Stein hinein;
Denn keine Mutter wurde mir, die mich gebar,
Nein, vollen Herzens lob' ich alles Männliche,
Bis auf die Ehe, denn des Vaters bin ich ganz.
Drum acht' ich minder sträflich jetzt den Mord der Frau,
Die umgebracht hat ihren Mann, des Hauses Hort.
Es sieg' Orestes auch bei stimmengleichem Spruch.

 
So siegte das neue Recht.
Die Ehe, die den Vater zum Haupte der Familie macht, das Vaterrecht besiegte das Mutterrecht.

Und Friedrich Engels führt in ’Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates’ aus:
Der Umsturz des Mutterrechts war die weltgeschichtliche Niederlage des weiblichen Geschlechts. Der Mann ergriff das Steuer auch im Hause, die Frau wurde entwürdigt, geknechtet, Sklavin seiner Lust und bloßes Werkzeug der Kindererzeugung. Diese erniedrigte Stellung der Frau, wie sie namentlich bei den Griechen der heroischen und noch mehr der klassischen Zeit offen hervortritt, ist allmählich beschönigt und verheuchelt, auch stellenweise in mildere Formen gekleidet worden, beseitigt ist sie keineswegs.
.

Antikes Theater

 Michael Bleiziffer wollte mit seiner Inszenierung 'Die Orestie'
somit über die Atridentragödie die Einführung des Rechtsstaates und den Versuch, die Spirale der Rache zu durchbrechen, darstellen.
Die gewählte Stein'sche Prosafassung ist auf 3 1/2 Stunden gekürzt, so dass sie an einem normalen Theaterabend dem Regensburger Publikum vorgestellt werden kann. Die Dichtheit der Stein'schen Sprache macht eine Textentschlüsselung überflüssig.
Der Chor ist der Mensch, reduziert auf eine Darstellerin, von der die Handlungsstränge aufgezeigt werden.

 
Die Orestie 25.09.04
Regie Michael Bleiziffer
Bühne Jochen Diederichs
Kostüme Uschi Haug
Musik Heinz Grobmeier
Licht Klaus Herbert Welz
Dramaturgie Rolf Ronzier
 

Wer darf sein Kind töten, um bessere Wetterbedingungen von den Göttern zu erlangen? Wer
soll das in einer heutigen Kostü- mierung erfassen? Warum wählt der Regisseur nicht eine abstra- hierte, neutrale Darstellung?

         Antikes Theater

Gerade weil in der Orestie der Rechts- staat berufen wird, das Gericht, das im Zweifel für den Angeklagten spricht und alles von hier seinen Ausgang zu unse- rem Rechtsverständnis führte, stellt sich die Frage nach der Notwendigkeit einer Aktualisierung des Werkes. Wie soll heute die antike Götterabhängigkeit verstanden werden? 

Der Einfluss bis in die Entscheidung über Tod oder Leben den Menschen von den Göttern aufgegeben, wenn heute sich auf eine solche Botschaft vor Gericht niemand mehr stützen darf. Ist es nicht für den heutigen Zuschauer eher nachvollziehbar, die Darsteller in neutralen, wenn denn nicht antikisierten Gewändern spielen zu lassen, als Athene in ein schickes Straßenkostüm zu kleiden, in dem sie shoppen geht oder auf der Kö ihren Nachmittagstee nimmt? Muss die Darstellerin vorher als Vertreterin des Chores wie eine Buschmuhme aussehen? Den Apollon einzukleiden, als sei er aus 'Kasimir und Karoline' übrig geblieben. Oder als gealterter 'Liliom'?
Was geht da beim Regisseur und den Ausstattern vor? Ist es nicht wichtig, das Konzept plausibel und somit nachvollziehbar darzustellen, als jeder spontanen Idee nachzugeben?

 

Michael Bleiziffer wird mit seinem Team einem unlauteren Vergleich ausgesetzt. Starkes und Prägendes seit Aischylos durch Reduzierung des Stoffes entstand. Wie soll dieses Sprechstück an drei Abenden neben der 'Elektra' von Hofmannsthal und gar in der Vertonung von Richard Strauß Bestand haben.
Wie will sich eine Schauspielerin einer Astrid Varnay oder Anny Schlemm oder Martha Mödl als Klytemnestra entgegenstellen, selbst wenn diese keinen Ton von sich gäben.

 
Und doch, es gelang, sich zu behaupten. Das Theater Regensburg hat eine Heroine zur Verfügung, die als Klytaimestra der Maxime der Heldenspielerin gerecht wird. Simone Haering ist die den Agamemnon und die Cassandra mordende und vom eigenen Sohn gemordete Königin von Argos. Sie beherrscht andere und sich selber, gibt in der Erkennungszene mit Orest nur einen Moment nach, fragt, schämst du dich nicht, Kind, um die Ehrfurcht vor den Flüchen der Mutter einzufordern, herrscht bis in den eigenen Tod.
 
Neben Ihr ein schnoddriger Martin Hofer als Agamemnon. Kein Herrscher, kein Feldherr, der nach gewonnenem Krieg, der ganz selbstverständlich die Geliebte mit ins Haus bringt. So eine Art Gerhard Schröder, der den Kanzler spielt, von damals. Leider führt Martin Hofer dies auch in den Apollon. Nicht einmal eine Schattierung anders angelegt. Wie immer -  e i n  Typ.
 
Michael Haake, den Regensburgern als Hamlet bekannt, hier nun als ein zarter Orest, empfängt - immer noch Kind - von Klytaimestra die Maulschelle. Mit Valentin Stroh als seinem Pylades zur Seite, nimmt er zögerlich wie der Dänenprinz den Kampf gegen Mutter und den Ehebrecher an ihrer Seite auf, "die Toten töten die Lebenden", erkennt die Schwere der von Apollon aufgegebenen Tat und stellt sich dem Gericht, "solange ich noch bei Sinnen bin."
 
Karolina Thorwarth als Cassandra, eine junge Frau, ungeplagt, unter ihren Fähigkeiten als "wilde Seherin" nicht leidend. Die Botschaften ohne verhaltenem Atem oder zwingend durch Geheimnisvolles. Sie schreit die Weissagung heraus, ungestüm auch in den eigenen Tod gehend.
 

Michael Heuberger als "jenes andre Weib, die Memme, ei Ägisth, der tapfre Meuchelmörder, er, der Heldentaten nur im Bett vollführt." Gerade die schnellen Gänge erinnern an seinen Franz Moor, dort der Zyniker, hier der Intrigant mit dem klaren Verstand, der das Einleiten der Mordtat Klytaimestra überlässt.

 
Anja Carolin Pohl, die ins Schicksal der Familie verstrickte, aber zupackende und nicht jammervolle - "ich habe ihm das Beil nicht
geben können" - Elektra. Schnell ist sie mit Blut für Blut bei der Hand, tanzt mit Orest in die Rache hinein. Alter Mord schafft neuen Mord.
 
Ulrike Lodwig trägt den Abend als Chor, führt durch das Stück, leitet die Darsteller an, ist spiritus rector. Verzweifelt aber doch an dem, was ihr entgleitet oder unbeeinflussbar ist und bleibt. Große Szenen wie die Helena-Anklage. Gegen ihre Gertrude ein Schritt voraus.
Bestimmt, unbeeinflussbar, aufrecht in den nachfolgenden Athene-Auftritten. Hier ist Potential vorhanden, das unter sorgsamer Führung und eigener Kontrolle etwas erwarten lässt.
 
Bestimmt wird die Produktion durch das Zusammenspiel von Michael Bleiziffers Personenführung, die Bühne von Jochen Diederichs, die Kostüme - selbst mit den beschriebenen Ausfällen - von Uschi Haug, das Licht von Klaus Herbert Welz und die Musik - kein befürchtetes Eigenleben - von Heinz Grobmeier. Sie wird - Übertreibung macht anschaulich - zu einem Gesamtkunstwerk.
Alles im Gleichklang, mitten drin die Darsteller - ob Solisten oder Statisten - in einer überzeugenden Choreographie, hier seien nur die "Hunde der Mutter" erwähnt, die eleganten, schwarz uniformierten,
mit schwarzen Perücken, schwarzen Sonnenbrillen, farbigen high heels beeindruckenden, Rache fordernden und die Mutterherrschaft verlierenden Geister.
Eine Mutter "sie nimmt den Spross in Verwahrung." Das von da an alles umspannende - den Samen spendende - Patriarchat bestimmt die Welt.
Unerwähnt bleiben müssen die vielen übrigen Mitwirkenden auf und hinter der Bühne. Sie sind nicht vergessen, denn sie haben zu einem seltenen Erfolg beigetragen.
Michael Bleiziffer hat als Oberspielleiter - nach einigen Schwächen durch das Engagement fremder Regisseure und eine mitunter unglückliche Stückauswahl - wieder ein Zeichen gesetzt, wie auch ein antikes Werk - durch Kürzungen - einen großen Abend in einer kleinen Stadt hervorbringen kann.
Diese Produktion sollte eigentlich nur an Wochenende gezeigt werden, um sie nicht in der Woche zu 'verramschen'.
 

Den viel beschworenen Bildungsbürgern Regensburgs sei geraten:
eilig, eilig ins Velodrom, um eine selten gelungene und kompakte Aufführung der Orestie zu sehen.
Und passend beim Schauspiel, oder nicht, die Theaterfreunde e.V. verteilten an die Mitwirkenden am Ende der Pre
miere wieder das übliche 'Triumphgemüse'. Dank auf besondere Weise.
 
DH

 

 






Theaternachrichten