|
|
 |
 |
 |
|
|
 |
Göttin Artemis verlangt nach einem Orakel den Tod der
Iphigenie, damit Wind die Boote der Griechen nach Troja
blase, Agamemnon gehorcht - opfert Iphigenie.
Klytaimestra rächt den Mord an der Tochter, die nach
Mutterrecht nicht ihrem Manne gehört, und nimmt während der
Abwesenheit des Agamemnon Aigisthos, wodurch
sie nach altem Recht nichts Anstößiges beging. Sie
erschlägt Agamemnon im Bad.
Gott Apollon verlangt von Orest, den Tod Agamemnons zu
rächen, Orest folgt dem Aufruf, erschlägt Klytaimestra und
deren Liebhaber Aigisthos.
Die Erinnyen verfolgen Orest wegen des Mordes an der
Mutter, sie vertreten das alte Recht.
Apollon und Athene, die von den Mythenerzählern als
mutterlose Kopfgeburt erfunden wurde, wonach sie geharnischt
aus dem Haupte des Zeus entspringt, verteidigen Orest,
denn sie vertreten das neue Vaterrecht. Die Entscheidung
kommt vor den Areopag:
Orest führt aus, Klytaimestra habe ich zweifach schuldig
gemacht, sie habe ihren Mann Agamemnon und seinen -
Orest's - Vater erschlagen.
Die Erinnyen sehen hierin keine Schuld, da Klytaimestra
keinen Mord
an einem Blutsverwandten begangen habe.
Orest stellt die Blutsverwandtschaft zu seiner Mutter
Klytaimestra in Frage. Somit sei er nicht schuldig am Tod
der Mutter.
Eine Mutter sei nach Apollon’s Ansicht nicht die
Erzeugerin, sondern nur die Ernährerin; Vater könne man ohne
Mutter werden. |
 |
|
 |
 |
„Die Mutter bringt, was ihr uns Kind heißt, nicht hervor.
Sie ist nur frisch gesähten Keimes Nährerin,
Der sie befruchtet zeugt. Sie, wie der Wirt den Gast, (660)
Beschützt, sofern kein Gott es schädigt, nur das Gut.
Für diese Rede leg ich den Beweis euch vor.
Es gibt auch ohne Mutter Vaterschaft.“
Mit dieser Formulierung wird das überlieferte Mutterrecht
ins Wanken und in der Folge zum Einsturz gebracht
In Athen, in dem das Mutterrecht am frühesten, aber
anscheinend unter schroffem Widerstand der Frauen, dem
Vaterrecht Platz machte.
Vor dem Gericht kommen die beiden sich feindlich
gegenüberstehenden Anschauungen zum Ausdruck:
Erinnys:
Der Seher war’s, der dich zum Muttermord verführt ?
Orestes:
Ja! Bis zur Stunde schelte ich mein Schicksal nicht..
Erinnys:
Gar bald, wenn dich das Urteil trifft, wirst du es schmähn.
Orestes:
Ich hoffe! Hilfe schickt der Vater aus dem Grab.
Erinnys:
Auf Tote hoffst du, der die Mutter umgebracht?.
Orestes:
Sie trug das Schadmal eines doppelten Vergehns..
Erinnys:
was soll dies heißen? Leg es deinen Richtern dar.
Orestes:
Mir tötete den Vater sie, sich den Gemahl..
Erinnys:
Du aber lebst! Sie wurde frei durch deinen Mord.
Orestes:
Warum, da sie noch lebte, hetztest du sie nicht?
Erinnys:
Sie war dem Manne, den sie erschlug, nicht blutsverwandt.
Orestes:
Doch ich mit meiner Mutter wäre gleichen Bluts?.
Erinnys:
Hat, Mordbefleckter, untern Gürtel sie dich nicht
Getragen? Der Mutter teures Blut verleugnest du?
|
 |
|
Die Erinnyen erkennen also kein Recht des Vaters und des
Ehemannes an, für sie besteht das Recht der Mutter. Dass
Klytaimestra den Gatten erschlagen ließ, erscheint ihnen
gleichgültig, denn er war ein Fremder kein Blutsverwandter; dagegen fordern sie
des Muttermörders Bestrafung,
denn Orest beging, indem er
die Mutter tötete, das schwerste Verbrechen, das unter der
alten Ordnung begangen werden konnte. Apollon hingegen
steht auf dem entgegen gesetzten Standpunkt, er hat im
Auftrag des Zeus Orest zum Mord an der eigenen Mutter zur
Rächung des Vatermordes veranlasst, und er verteidigt vor
den Richtern dessen Handlung.
Nach Apollon gibt also die Zeugung dem Vater das erste
Recht, wohingegen nach der bis dahin geltenden Anschauung
die Mutter, die dem Kinde ihr Blut und das Leben gibt, die
alleinige Besitzerin des Kindes ist und der Vater ihres
Kindes für sie ein Fremder bleibt.
Daher antworten die Erinnyen auf die Anschauung Apollons:
Danieder stürzest du die Mächte grauer Zeit...
Du, der junge Gott, willst uns, die Greisen, nieder rennen.
|
 |
|
 |
 |
Die Richter rüsten sich zum Spruche, halb stehen sie zum
alten, halb zum neuen Rechte, so dass Stimmengleichheit
droht. Da ergreift Athene den Stimmstein vom Altar, und
indem sie denselben der Urne übergibt, spricht sie:
Mein ist es, abzugeben einen letzten Spruch,
Und für Orestes leg' ich diesen Stein hinein;
Denn keine Mutter wurde mir, die mich gebar,
Nein, vollen Herzens lob' ich alles Männliche,
Bis auf die Ehe, denn des Vaters bin ich ganz.
Drum acht' ich minder sträflich jetzt den Mord der Frau,
Die umgebracht hat ihren Mann, des Hauses Hort.
Es sieg' Orestes auch bei stimmengleichem Spruch.
|
 |
So siegte das neue Recht.
Die Ehe, die den Vater zum Haupte der Familie macht, das
Vaterrecht besiegte das Mutterrecht.
Und Friedrich Engels führt in ’Der Ursprung der Familie, des
Privateigentums und des Staates’ aus:
Der Umsturz des Mutterrechts war die weltgeschichtliche
Niederlage des weiblichen Geschlechts. Der Mann ergriff das
Steuer auch im Hause, die Frau wurde entwürdigt, geknechtet,
Sklavin seiner Lust und bloßes Werkzeug der Kindererzeugung.
Diese erniedrigte Stellung der Frau, wie sie namentlich bei
den Griechen der heroischen und noch mehr der klassischen
Zeit offen hervortritt, ist allmählich beschönigt und
verheuchelt, auch stellenweise in mildere Formen gekleidet
worden, beseitigt ist sie keineswegs..
|
 |
|
|
|
|
|
|
Die Orestie 25.09.04 |
|
Regie |
Michael Bleiziffer |
|
Bühne |
Jochen Diederichs |
|
Kostüme |
Uschi Haug |
|
Musik |
Heinz Grobmeier |
|
Licht |
Klaus Herbert Welz |
|
Dramaturgie |
Rolf Ronzier |
|
|
Wer darf sein Kind töten, um
bessere Wetterbedingungen von den Göttern zu erlangen? Wer
soll das in einer heutigen Kostü- mierung erfassen? Warum wählt der
Regisseur nicht eine abstra- hierte, neutrale Darstellung?
|
|
|
 |
|
 |
 |
|
 |
 |
 |
|
Michael Bleiziffer wird mit seinem
Team einem unlauteren Vergleich ausgesetzt. Starkes und Prägendes
seit Aischylos durch Reduzierung des Stoffes entstand. Wie soll
dieses Sprechstück an drei Abenden neben der 'Elektra' von
Hofmannsthal und gar in der Vertonung von Richard Strauß Bestand
haben.
Wie will sich eine Schauspielerin einer Astrid Varnay oder Anny
Schlemm oder Martha Mödl als Klytemnestra entgegenstellen, selbst
wenn diese keinen Ton von sich gäben.
|
|
|
|
Und doch, es gelang, sich zu
behaupten. Das Theater Regensburg hat eine Heroine zur Verfügung,
die als Klytaimestra der Maxime der Heldenspielerin gerecht wird.
Simone Haering ist die den Agamemnon und die Cassandra mordende
und vom eigenen Sohn gemordete Königin von Argos. Sie beherrscht
andere und sich selber, gibt in der Erkennungszene mit Orest nur
einen Moment nach, fragt, schämst du dich nicht, Kind, um die
Ehrfurcht vor den Flüchen der Mutter einzufordern, herrscht bis in
den eigenen Tod. |
|
|
|
Neben Ihr ein schnoddriger Martin
Hofer als Agamemnon. Kein Herrscher, kein Feldherr, der nach
gewonnenem Krieg, der ganz selbstverständlich die Geliebte mit ins
Haus bringt. So eine Art Gerhard Schröder, der den Kanzler spielt,
von damals. Leider führt Martin Hofer dies auch in den Apollon.
Nicht einmal eine Schattierung anders angelegt. Wie immer - e
i n Typ. |
|
|
|
Michael Haake, den
Regensburgern als Hamlet bekannt, hier nun als ein zarter Orest,
empfängt - immer noch Kind - von Klytaimestra die Maulschelle. Mit
Valentin Stroh als seinem Pylades zur Seite, nimmt er zögerlich wie
der Dänenprinz den Kampf gegen Mutter und den Ehebrecher an ihrer
Seite auf, "die Toten töten die Lebenden", erkennt die Schwere der
von Apollon aufgegebenen Tat und stellt sich dem Gericht, "solange
ich noch bei Sinnen bin." |
|
|
|
Karolina Thorwarth als
Cassandra, eine junge Frau, ungeplagt, unter ihren Fähigkeiten als
"wilde Seherin" nicht leidend. Die Botschaften ohne verhaltenem Atem
oder zwingend durch Geheimnisvolles. Sie schreit die Weissagung
heraus, ungestüm auch in den eigenen Tod gehend. |
|
|
|
Michael
Heuberger als "jenes andre Weib, die Memme, ei Ägisth, der
tapfre Meuchelmörder, er, der Heldentaten nur im Bett vollführt."
Gerade die schnellen Gänge erinnern an seinen Franz Moor, dort der
Zyniker, hier der Intrigant mit dem klaren Verstand, der das
Einleiten der Mordtat Klytaimestra überlässt. |
|
|
Anja Carolin
Pohl, die
ins Schicksal der Familie verstrickte, aber zupackende und nicht
jammervolle - "ich habe ihm das Beil nicht
geben können" - Elektra. Schnell ist sie mit Blut für Blut bei der
Hand, tanzt mit Orest in die Rache hinein. Alter Mord schafft neuen
Mord. |
|
|
Ulrike Lodwig
trägt den Abend als Chor, führt durch das Stück, leitet die
Darsteller an, ist spiritus rector. Verzweifelt aber doch an dem,
was ihr entgleitet oder unbeeinflussbar ist und bleibt. Große Szenen
wie die Helena-Anklage. Gegen ihre Gertrude ein Schritt voraus.
Bestimmt, unbeeinflussbar, aufrecht in den nachfolgenden
Athene-Auftritten. Hier ist Potential vorhanden, das unter sorgsamer
Führung und eigener Kontrolle etwas erwarten lässt. |
|
|
Bestimmt wird die
Produktion durch das Zusammenspiel von Michael Bleiziffers
Personenführung, die Bühne von Jochen Diederichs, die Kostüme
- selbst mit den beschriebenen Ausfällen - von Uschi Haug,
das Licht von Klaus Herbert Welz und die Musik - kein
befürchtetes Eigenleben - von Heinz Grobmeier. Sie wird -
Übertreibung macht anschaulich - zu einem Gesamtkunstwerk.
Alles im Gleichklang, mitten drin die Darsteller - ob Solisten oder
Statisten - in einer überzeugenden Choreographie, hier seien nur die
"Hunde der Mutter" erwähnt, die eleganten, schwarz uniformierten,
mit schwarzen Perücken, schwarzen Sonnenbrillen, farbigen high heels
beeindruckenden, Rache fordernden und die Mutterherrschaft
verlierenden Geister.
Eine Mutter "sie nimmt den Spross in Verwahrung." Das von da an
alles umspannende - den Samen spendende - Patriarchat bestimmt die
Welt.
Unerwähnt bleiben müssen die vielen übrigen Mitwirkenden auf und
hinter der Bühne. Sie sind nicht vergessen, denn sie haben zu einem
seltenen Erfolg beigetragen.
Michael Bleiziffer hat als Oberspielleiter - nach einigen Schwächen
durch das Engagement fremder Regisseure und eine mitunter
unglückliche Stückauswahl - wieder ein Zeichen gesetzt, wie auch ein
antikes Werk - durch Kürzungen - einen großen Abend in einer kleinen
Stadt hervorbringen kann.
Diese Produktion sollte eigentlich nur an Wochenende gezeigt werden,
um sie nicht in der Woche zu 'verramschen'. |
|
|
|
Den viel
beschworenen Bildungsbürgern Regensburgs sei geraten:
eilig, eilig ins Velodrom, um eine selten gelungene und kompakte
Aufführung der Orestie zu sehen.
Und passend beim Schauspiel, oder nicht, die Theaterfreunde e.V.
verteilten an die Mitwirkenden am Ende der Premiere
wieder das übliche 'Triumphgemüse'. Dank auf besondere Weise.
DH |
|
|
 |
|
 |
|
 |

|
|
 |
 |
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|