Optimal sehen Sie diese Seite mit einer Auflösung von 1024 x 768 Pixel !

 

 
     
    

   
 

   Theater
Regensburg
   
   George Tabori
 'Die Goldberg-Variationen'

   Premiere 18.11.2006

 
   
         
 
 

 

 

 
   "Was für ein Lamm?"
   
 


 

Das Geheimnis dieses Stückes sei, jeden Tiefsinn zu vermeiden, so stelle sich der Tiefsinn dann ein - meinte tiefsinnig der Dramaturg der Schauspiels Regensburg am 12.11.06 anlässlich der Einführung in das Werk Taboris.

Nachdem Peter Radke 1992/93 die Goldberg-Variationen im 'Theater am Haidplatz' mit Rudolf Zollner als Mr. Jay aufführte, wagt das Theater nun, ins Große Haus mit diesem Stück zu gehen, zumal es "die Magie der großen Bühne" benötige, in der Hoffnung, man könne den Erfolg der damaligen Inszenierung wiederholen.

George Tabori, einer der wichtigsten Dramatiker des deutschsprachigen Theaters, ist nach 1992/93 nach Brecht der meistgespielte deutschsprachige Autor. Herauszuheben seine Anstöße bei der Arbeit mit Schauspielern und im Rahmen der Vergangenheitsbewältigung.
Nach seiner Rückkehr aus den USA inszenierte er 1969 gemeinsam mit Martin Fried in der Werkstatt des Berliner Schillertheaters sein Stück 'Kannibalen'.
Im Bremer Theater-Labor versuchte er mit Schauspielern neue Arbeitweisen: Nur die Idee vorzugeben und das Stück mit den Darstellern zu erarbeiten, woraus die Fassung entsteht, somit das Stück als ein Produkt aus den Proben entwickelt - das Wort Fleisch wird, indem es der Schauspieler ausspricht. Das Wort bei Tabori ist gut, wenn es mit dem Schauspieler, wenn er es spricht, identisch ist. Somit sind Tabori-Stücke mit wechselnden Schauspielern an verschiedenen Spielstätten in verschieden Städten permanent im Status des Entstehens, sind Veränderungen  ausgesetzt.
Tabori meinte, erst wenn sein Stück das letzte Mal gespielt sei, werde es die endgültige Fassung geben.
1991 wurden 'Die Goldberg-Variationen' am Akademie-Theater Wien uraufgeführt - Intendant damals Klaus Peymann, dem Tabori nach Berlin ans Deutsche Theater folgte. Immer wieder kehrte er früher an kleine Theater zurück, da er lieber in Katakomben, denn in Kathedralen arbeite.

'Die Goldberg-Variationen' - Theater auf dem Theater - in dem Mr. Jay die Entstehung der Welt aufzeigen will, in sieben Tagen soll Premiere sein wie auch die Welt nach dem Alten Testament in sieben Tagen erschaffen wurde. Probenrealität und was geprobt wird, die Erschaffung der Menschheit, überlagern sich im Laufe des Stückes, so dass die Ebene der Probe mit der des Inhalts nicht mehr auseinanderklaffen.

Leben und Leid des jüdischen Volkes werden verknüpft mit den typischen Gegebenheit in einem Theater: Schwierigkeiten im Zwischenmenschlichen, Pannen bei Proben, die Unwägbarkeiten.

"Die Erwartung einer Katastrophe ist das Wesentliche der darstellenden Kunst. Die stillschweigende Annahme, dass trotz aller unserer bestgemeinten Planungen etwas schief gehen wird, dass Othello seine Dame wirklich stranguliert. Dies scheint mir der wahre, wenn auch unbewusste Grund, warum die Menschen noch immer ins Theater gehen."

Die Einordnung des Stückes erscheine schwierig, meint Dramaturg Ronzier, ist es nun eine Komödie, eine Tragödie, ein philosophisches Drama, ein religiöses Drama - für Regisseur Zametzer ist es eine Backstage-Comedy, eine lustige Nummer.
Man erlebe ein breites Spektrum an Witz, an feiner und auch bitterer Ironie, es gehe auch bis zu sehr derben Kalauern und makabren Pointen - wobei der Spaß in Sekundenschnelle in Ernst umschlage.
Nach Tabori sei das Tragische niemals lachhaft, eher umgekehrt und "unsere besten Witze gründen sich auf's Desaster."

Die Schöpfungsgeschichte sei eine Pleite voller Pannen und dies werde auf dem Theater dargestellt, wenn eben nicht Licht wird und Kain wirklich verletzt wird - Überblendungen zwischen Probe mit dem Thema der Entstehung der Welt, der Leidensgeschichte des Jüdischen Volks und der Passion.
Taboris Gott zeige im Laufe des Stückes auf: die Schaffung der Sünde, der Gnade und auch des Antisemitismus.
Gott wolle, dass die Menschen gut sind, ohne Schweinebraten, ohne Orgien, ohne Sex.
Die Menschen wollen glücklich sein: mit Schweinebraten, mit Orgien, mit Sex.
Das Scheitern sei somit vorprogrammiert. Es gehe nur darum: scheitern, immer scheitern, wieder  scheitern, besser scheitern.

Tabori sei sehr kenntnisreich mit der jüdischen Geschichte umgegangen, habe ein komplexes System von textlichen Quer-Verweisung geschaffen, die aber das Stück nicht erschlügen.

Zur Not könne ja wie in der Oper mit Übertiteln gearbeitet werden, meinte der Regisseur:

Er weiß nicht, wovon er redet, denn es ist ihm offensichtlich verborgen geblieben und damit nicht bekannt, welch Unheil im Musiktheater der 'Metropole der Oberpfalz' die Göhring'sche Übertitelungsanlage, gesteuert durch die Dramaturgie, ob nun z.B. im 'Otello' oder im 'Ballo' anrichtet.
     

to top

 

 

 

 

 

  Theater Regensburg

'Die Goldberg-Variationen'
 

Die Schwarzen
   
Inszenierung Johannes Zametzer
Bühne / Kostüme Rainer Sellmaier

Die Personen und ihre Darsteller, der am 18.11. 2006 besuchten Vorstellung
gemäß Besetzungszettel
 
   
Dr. Jay, Regisseur Martin Hofer
Goldberg, sein Assistent Hubert Schedlbauer
Mrs. Mopp, Putzfrau Martina Mann
Terese Tormentina, Superstar Silke Heise
Ernestina van Veen Anna Dörnte
Japhet Stefan Bräuler
Masch Stefan Casimir Roczek
Raamah Horst Kiss
Die Hells Angels Stefan Bräuler / Horst Kiss / Stefan Casimir Roszek
Das goldene Kalb Anna Dörnte
   
 

 
   

to top

     
    "Das Theater der Grausamkeiten"
     
   
Der Abend leidet unter der Distanz, die durch die große Bühne und den Abstand der Darsteller zum Publikum entsteht. Selbst wenn sich einzelne Szenen auf der Vorderbühne am Bismarckplatz abspielen, bleibt der Abstand erhalten, zumal wenn der Hintergrund bespielt wird und sei es nur, dass Figuren - z.B. in der Kreuzigungs-Szene diesen statisch bevölkern.
Die Nuancen des Textes zerfallen im Raum, ohne die Zuschauer zu treffen.
Hinzu kommt der Hall, entstanden durch ein schwach besetztes Haus. Von den ausgezählten 94 Plätzen im dritten Rang waren eben mal 8 besetzt - wobei sich noch die Frage stellt, waren es alles Vollzahler, was allerdings keinen Einfluss auf die Verständlichkeit des Textes hat.

Dieser litt auch noch unter Marotten.
Warum muss Martin Hofer als 'Aaron' nun unbedingt auf Minetti machen oder im dritten Teil einen plötzlich in der Pause zahnlos gewordenen Alten im Rollstuhl spielen?
Die Tongebung sowieso bei ihm schon so halsig, auf diese Weise so ohne Kern, so ohne Konsonanten, dass nur mit Mühe der spannende Tabori-Text zu verstehen ist.

"Ich will nur zwei Kreuze haben, der Junge bringt sein eigenes mit."
"Er erfindet Sünden, damit er sie auf sich nehmen kann."
"Es gibt nur einen Gott, sein Name sei gepriesen, aber der Junge macht gleich eine ganze  Mischpoke daraus."
"Bei Noah hat es nicht getröpfelt, die Sintflut kam."
"Kennt sich hier im Saal jemand mit Kreuzigen aus?"

Im ersten Teil der tobende wichtigtuerische Regisseur Mr. Jay, die Darsteller peinigend, 'bietet an' - weil er wie die meisten nichts vorbereitet hat und sich im Stück nicht auskennt: "Wo sind wir?"
Hier wenigstens so gesprochen, dass auch im hinteren Teil des Hauses noch etwas zu hören ist - man stelle sich vor, das Stück werde in einem halbleeren Velodrom dargeboten.

Warum Herr Hofer in dieser Produktion wie in den 'Physikern' mit dem Knickbein des 'Richard Voß' auftreten darf, fragt sich - Mätzchen, die sich doch wohl nicht durch andere Stücke und den Rest der Spielzeit ziehen.

Hubert Schedlbauer - das Stolpern und Hinfallen hat er aus dem 'Krug' übernommen - merkwürdig unbeteiligt, sein 'Goldberg' steht da und wartet. Selbst ein durch KZ gegangener, gepeinigter Jude hätte doch im Stück als Regieassistent an der Arbeit, dem Entstehen einer Inszenierung, Anteil zu nehmen.
Er leidet vor sich hin und hätte mit passenderem Outfit und entsprechender Maske eher den Anschein des Jesus von Nazareth gegeben. Die Kreuzigung wird runtergehaspelt - selbst wenn es sich nur um eine kalte Probe handelt, um die Technik auszuprobieren, "sicher willst du nicht, dass das Publikum zwei Tage lang rumsitzt und Kreuzschmerzen bekommt", auch wenn die Szene eben nicht endlos dauert.

Anna Dörnte mit ihrer kecken 'Ernestina' in der Beschreibung der Kreuzigungs-Technik den Zynismus in den Text bringend, die dem Auftreten eines SS-Obersturmbandführers entlehnt sein kann. "Wenn du unbedingt die reizenden Einzelheiten hören willst. Wenn man an den Händen aufgehängt wird, sackt das Blut langsam in den Unterleib. Nach etwa sechs Minuten sinkt der Puls um rund fünfzig Prozent .... und man kratzt an Coronar-Insuffizienz ab." Geradezu begeistert schildert sie die Vorzüge der Hinrichtungstechnik durch Kreuzigung.

Völlig unverständlich die 'Terese Tormetina' von Silke Heise. Was für eine Sprache, ein Dialekt, ein Akzent, was immer das sein soll - es ist ein Kauderwelsch, das Gezerre mit dem Fummel von Stola: albern, als liefe ein Superstar so herum, doch nicht in der Negev nach einem Sandsturm.
Wieso gelang ihr die 'Lina Rose' so gut - ist sie eher die Schrullige und kann die Verquertheit eines Stars - selbst wenn er nur Verschnitt ist - nicht nachempfinden?

Martina Mann putzt und verteilt als 'Mrs. Mopp' gekonnt den Dreck gleichmäßig, ist bedacht Schmutz von der Bühne zu bringen, weil sie den da nicht leiden kann. Ihr Gekicher im falschen Moment, ihr Arschwackeln beim Aufwischen im Bücken, ihr unmotiviertes Klaviergeklimper gibt ihr die Möglichkeit bei aller Theatralik um sie herum, 'die Normale' zu bleiben.

Stefan Bräuler - kraftvoll / Steffen Casimir Roczek - niedlich / Horst Kiss mit zweifellos zu kleinem Feigenblatt - füllen auf, sind aber irgendwie unterbeschäftigt - ist dem Regisseur für diese Drei nicht genug eingefallen?

Rainer Sellmaier gelingt es nur unzulänglich, zu fokussieren. Der Zuschauer wird abgelenkt durch die offenen Seiten, die Gänge in dem Bühnenbild werden zu lang, die Spannung des Textes verläuft sich.
Das Licht von Klaus Herbert Welz beschränkt sich auf gelegentliches An/Aus - selbst die Kreuzigungs-Szene ist stimmungslos, liegt dies auch an der Schnelligkeit des Runterspielens.

Johannes Zametzer kann im Haus am Bismarckplatz mit dieser seiner Regie die Atmosphäre seines 'Mein Kampf' im Theater am Haidplatz nicht wiederholen. Ein falscher Ehrgeiz, mit diesem Stück, dass die Enge, den direkten Kontakt zum Publikum braucht, ins 'große Haus' zu gehen - wenn die Produktion dann auch noch nicht angenommen wird. So schlecht war das Wetter nicht, Fußball war auch nicht, außer Bundesliga - also, warum geht da keiner hin. Sadisten kommen allerdings nicht auf ihre Kosten, die Inszenierung bleibt trocken in der Sprache, der Mimik, der Gestik, den Gängen - alles unaufregend. Nur die drei Motorräder mit den bulligen Drivern lassen manche Herzen höher schlagen, die drei Darsteller auf dem Sozius hatten eher das Herz in der Hose. Sie saßen drauf wie geborgt.

Wenn an dem Abend nicht Tabori-Text und -Story als solche absolut überzeugten .......

'Hermann kommt' hatte vor zehn Jahren in Bezug auf die zu erzählende Geschichte einen ähnlichen Ansatz, die Inszenierung war Fehler behaftet und fand sich im Sand wieder.
Auch in Taboris 'Goldberg' denkt jemand an das Streichen des Namens im Programmheft - in 'Hermann kommt' fand es statt.
Regensburger Theatergeschichte.
 
   

 

 

      to top


Als Premieren-Abonnent und Abnehmer von voll bezahlten Karten aus dem freien Verkauf gebe ich hier meine subjektive Meinung zu dem Gehörten und Gesehenen zur Kenntnis.

Ich
verstehe diese Besprechungen und Kommentare nicht als Kritik
um der Kritik willen,
sondern als Hinweis auf - nach meiner Auffassung - Geglücktes oder Misslungenes.
Neben Sachaussagen enthält diese private Homepage auch Überspitztes und Satire.
Für diese nehme ich den Kunstvorbehalt nach Artikel 5 Grundgesetz in Anspruch.
In die Texte baue ich gelegentlich Fehler ein, um Kommentare herauszufordern.
Dieter Hansing

       to top

 


 

 

 

 


 

 



 

 



 

 

Zur Startseite...
 

 


 

Werbung


 

Werbung


 

Werbung


 

Werbung


 

Werbung



 

Werbung



 

 

Werbung


 

Werbung



 

Werbung



 

Werbung



 

Werbung



 

Werbung

 


 

Werbung