Pfalztheater Kaiserslautern
05.02.05


"
Weh mir, so nah die fürchterliche Stunde,
die all mein Glück und all mein Elend kennt!"

 

 
         
   
     
 
  Richard Wagner
 

Die Feen

Große romantische Oper in drei Akten
nach dem Theaterstück 'La donna serpente' von Carlo Gozzi
Uraufführung 29.06.1888 im München
   

Richard Wagner war Zeit seines Wirkens sein eigener Textdichter. Übernahm er anfangs Themen, die andere Poeten schon bearbeitetet hatten, fand er schon bald zum Mittelalter und zur Mythologie wie sie sich dann im 'Ring des Nibelungen' manifestierte.
Carlo Gozzi (1720-1806) stammte aus einer verarmten literarisch begabten venezianischen Familie. Sein Bruder Casparo war ein bekannter Schriftsteller.
Nach Kriegsdiensten in Dalmatien begann auch er mit literarischen Arbeiten und blieb dieser Tätigkeit bis zum Ende treu.

Eine Reihe von Schriften und Stücken hinterließ er, die zu Vertonungen führten und durch sie unsterblich wurden, wie
Die Liebe zu den drei Orangen,
König Hirsch
und Turandot.
 

In Ludwigs Tiecks und E.T.A. Hoffmanns Märchendramen finden sich deutlich Spuren von Carlo Gozzi.
Die Verbindung von märchenhaften und zeitkritischen Zügen fand den Beifall der Romantiker. Friedrich Schlegel setzte Gozzi sogar Shakespeare gleich.
Gozzi's Märchenspiel 'Die Frau als Schlange' inspirierte  den jungen Richard Wagner zu seinen 'Feen'.

 

Nahe gekommen ist er wahrscheinlich dem Stoff durch die enge Bindung an seinen Onkel, dem er die stärksten Einflüsse in die Literatur verdankt "[...] Mein Oheim gewann später einen nicht unbedeutenden Einfluß auf meine Entwicklung [...]", war Adolf Wagner doch als Privatgelehrter mit Tieck befreundet und mit einer reichhaltigen Bibliothek ausgestattet, diese "[...] hatte mich fieberhaft nach allen Seiten hin aufgeregt [...]" (Richard Wagner, Mein Leben S. 16, S. 30, Piper/Schott 1983)

    
 

Die Problematik einer Liebe und Verbindung eines überirdischen Wesens mit einem irdischen zieht sich durch die romantische Oper. Rusalka, Undine und Hans Heiling wie auch der Holländer und Lohengrin suchen nach dem Heil durch eine Verbindung zu einem Wesen der anderen Sphäre, der Unsterbliche liebt eine Sterbliche. Richard Wagner übernimmt die Prüfungen der Liebenden aus der Zauberflöte oder das Leid eines verwundeten Tieres in seinen Parsifal "[...] im Fluge treff' ich was fliegt [...]"  oder die Erweckung der Ada aus einem todesähnlichen Schlaf durch die Macht der Musik - dem Orpheus gleich. Die Urfassung Gozzi's veränderte Richard Wagner, als er Ada nicht in eine Schlange, sondern in einen Stein verwandelt.
Das später im Lohengrin ausgearbeitete Frageverbot klingt in den 'Feen' bereits an, wie auch die Vergabe von 'Waffen' - im Lohengrin: "[ ...] dies Horn, dies Schwert, den Ring sollst du ihm geben [...]" so in den Feen: Schild, Schwert und Leier - siehe hier auch Zauberflöte das Glockenspiel.

Stil und Ton der 'Feen' lassen nicht auf Wagner schließen, doch ist dieses Werk durch seine dramaturgische und kompositorische Stellung für ein Jugendwerk mit seiner schwungvollen Musik in die erste Kategorie der romantischen Oper einzureihen.
Ein Tonsymbol - anspruchsvoll aber starr - dokumentiert die Verbindung zum Überirdischen. Eine Akkordreihe schwingt nicht nach unten, sondern steigt bestimmend nach oben und gibt dem Zuhörer so die Richtung zum Überirdischen vor - Ada wird ihre Unsterblichkeit nicht verlieren und Arindal sich zu ihr in die Feenwelt emporheben wird - Erlösung durch Liebe.

 

 

Naturkräfte, denen in vorchristlicher Zeit in Quellen, Bäume, Felsen, Wind, Wolken, Sonne, Mond Respekt gezollt wurde, verkamen unter christlichem Einfluss zu Gespenstern. Seelenlose Wesen wie die schöne Lau, die Loreley sehnten sich nach einem in christlichem Sinne beseelten Menschen.  Es ist das Grundthema, Erlösung durch Liebe, das Richard Wagners Leben und Werk durchzieht.

 Besetzung 05.02.05  - Pfalztheater Kaiserslautern
 Die Feen  
 Feenkönig  Juri Zinovenko
 Ada  Dagmar Hesse
 Farzana  Barbara Bräckelmann
 Zemina  Anette Yasmin Glaser
   
 Die Menschen  
 Arindal, Prinz von Tramond  Alexander Fedin
 Lora, seine Schwester  Adelheid Fink
 Morald, ihr Geliebter  Peter Kovacs
 Gernot, Freund Arindals  Daniel Böhm
 Drolla, Loras Zofe  Arlette Meißner
 Gunther, ein Höfling  Steffen Schantz
 Harald, ein Feldherr  Peter Floch
 Ein Bote  Bernhard Schreurs
 
     

 

 
 'Die Schwarzen', 05.02.05, Kaiserslautern
 Musikalische Leitung  Francesco Corti
 Inszenierung  Johannes Reitmeier
 Bühnenbild  Thomas Dörfler
 Kostüme  Antje Adamson 
 Chor  Ulrich Nolte
 Dramaturgie  Andreas Bronkalla
   

 

Thomas Dörfler schafft mit seinem Bühnenbild das von Regisseur Reitmeier gewünschte Ambiente des "[...] vom Krieg nahezu gänzlich zerstörten Reichs Tramond' [...]" in dem er die eingestürzte Fassade des World Trade Centers bemüht. Hier ist nun Arindal mit den Resten seines Volkes - unbehaust (Chiffre Koffer) - in Trümmern geblieben.

Auf der anderen Bühnenseite ein Klotz, ein Kubus in dem die Feen wie in Schrankelemente gestellt, leben. So gibt es für den Zuschauer den Abend über die zerstörte Fassade eines Bürogebäudes und dieser gegenüber der Block, den die Feen in ihren weißen Brautkleidern mit gealterten Gesichtern über eine herunter zu lassende Zugbrücke, wie bei einem Landungsboot, verlassen dürfen. Kein erhellendes Element.

Es wäre wohl angebracht gewesen, z.B. durch Flächen aus Folie,  Räume für den Feenbereich zuschaffen, damit den realen Trümmern, irreale Bilder durch Projektionen, Schattenwürfe gegenübergestellt werden können, wie dies auch zum Schluss der Aufführung auf der Rückseite des Kubus - leider spät - geschieht.

 

 
Regisseur-Intendant Reitmeier führt Chor, Extrachor, Statisterie und Solisten überzeugend durch die Handlung. Hier werden Einzelschicksale der Irdischen oder Gruppenprobleme der überirdischen Feen herausgehoben. So gelingt es ihm, die verschiedenen Situationen des Geschehens plausibel darzustellen.
Unterstützt wird diese Wirkung durch die Kostüme von Antje Adamson. Die real existierenden Menschen in ihren Schutzanzügen nach der Katastrophe oder die Feen in ihren weißen Hochzeitskleidern, mit Feenhaarperücken. Gestützt auf Krückstöcken geistern sie durch das Werk. Ein starker Kontrast.
 
Eingebettet in die Gruppe der Irdischen ist Arindal, der Prinz von Tramond. Alexander Fedin singt ihn mit einem auf hell trainiertenTenor, dem leider ein Körpervolumen weitgehend fehlt. Den Gedanken Wagners als dem über allem stehende Künstler bringt Intendant Reitmeier in Spiel, als er Arindal an einem Klavier sitzend und mit Notenblättern sich beschäftigend zeigt.
Neben ihm Daniel Böhm als sein Freund Gernot. Es ist bedauerlich, dass, mit oder ohne Vorgabe des Regisseurs, sich die Rollengestaltung zu der eines Buffos entwickelt, wobei Herr Böhm es nicht unterlassen kann, durch Wedeln mit den Armen und sonstigem aufdringlichem Gehabe, der Figur und seinem eigenen Tun den Beigeschmack einer Knallcharge zu geben. Der Klang seiner Stimme ist weich, warm, leicht wattig und könnte so eine Fokussierung vertragen.
 
Adelheid Fink als Lora, der Schwester Arindals, bewährt als Violetta, Pamina hatte nach anfänglichen spitzigen Tönen, später einen bemerkenswert üppigen Stimmklang in großen Ausbrüchen und hohen Lagen zu bieten, der bei ihr so bisher und in er Vergangenheit nicht festzustellen war.
 

 
Bei den im überirdischen Bereich lebenden Feen überzeugen Barbara Bräckelmann als Farzana und Anette Yasmin Glaser als Zemina.
Im Gegensatz zu dem vom Regisseur vorgegebenen und im Programmheft veröffentlichten Auffassung, die Feen wären gefühlskalt, agieren die beiden Damen sehr emotional, in dem Vorhaben, Verbindungen von überirdischer Welt mit Menschen zu verhindern und somit Arindal und Ada trotz der beiden bereits vorhandenen gemeinsamen Kinder wieder auseinanderzubringen.
 
Aus dem Ensemble hervorzuheben ist Dagmar Hesse als Ada - halb Mensch, halb Fee. Jugendlich dramatisch agiert sie als Wesen zwischen Welt und Überwelt. Die Tongebung durchgängig in jeder Lage mit einem kernigen Timbre, jede Schärfe kann vermieden werden, jeder Ton sitzt einheitlich in einem kraftvollen Klang.
Interessant ist diese Situation insofern, als Dagmar Hesse in einem life-Rundfunkkonzert des NDR während des Studium die Klage des Gluck'schen Orpheus ein wenig abstinent und mit Textirrungen darbrachte.
"Der Wecker kam .... "
Wer war es, der sie an die Höhe heranführte und zu einer klugen, gewinnenden Darstellung von dramatischen Rollen auf der Bühne brachte ?
Wenn sie jetzt schon Senta singt, dürfte eine Sieglinde nicht weit sein und wenn sie es sich einteilt, kann dann später und langfristig mehr noch werden. Hoffentlich ist sie klug genug, sich nicht wie viele andere, schnell ruinieren zu lassen.
 
Ein B-Haus war's, das diesen herausragenden Abend vorstellte, weil die Stimmung im Pfalztheater Kaiserslautern - geprägt durch den Intendanten Reitmeier gut und kollegial zu sein scheint.
Nicht jedes B-Haus in nächster oder weiterer Umgebung kann dies von sich behaupten und einen solchen Abend 'stemmen'.
Kaiserslautern hat es mit seinem Orchester unter Francesco Corti geschafft, ein weitgehend unbekanntes Werk Richard Wagners musikalisch auf eindeutige Weise dem überraschten Publikum näherzubringen. Ein zahlenmäßig großer Klangkörper, wie auch ein solcher Chor mit bemerkenswerten Solisten sicher durch das Werk geführt - dafür wird ein überzeugend agierender musikalischer Leiter und ein mit Menschen gut umgehen könnender Intendant gebraucht.

Das Pfalztheater Kaiserslautern hat beide. - Gratulation.

DH           
                                            
Fotos: Thomas M. Jauk

 



 

 




 

 



 

 




 

 


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