"... keen Gööde"

 
    Theater Hof
Der Raub der Sabinerinnen   18.12.04

 

     

Das Stück ist eine Posse, aber nicht nur Blödelei. Seit der Uraufführung vor 120 Jahren soll "Der Raub der Sabinerinnen" gut tausend Mal im Lande inszeniert worden sein. Allein zur Zeit kann man den unverwüstlich-dreisten Bühnencoup der Brüder Schönthan - um einen sächsisch-vollmundigen Theaterprinzipal und seine Wandertruppe - in über zwanzig Inszenierungen zwischen Rostock und Regensburg erleben: Jetzt auch in Hof: Hier hat Ralf Hocke als Regisseur erkannt, dass das Original von 1884 kaum noch taugt.

Von der erweiternden Umarbeitung durch Curt Goetz ging er darum aus und las überdies "vielleicht ein Dutzend" weiterer Theater Hof - 'Raub der Sabinerinnen’ Fassungen gegen. Das Ergebnis: ein geschwindes Lust- und Lachspiel übers Tragödie- und Verrücktspielen, ohne viel Sinn, keineswegs ohne Verstand, gleichermaßen getragen von Spiel-, Sprach- und Dialektwitz ("Warum sprechen Sie so unnatürlich? Sind Sie vom Theater?").

Was "Schmieren"-Intendant Striese für sich und die Seinen beansprucht, pulst im überschäumend gut gelaunten Hofer Ensemble: Theaterblut unter hohem Druck und ohne Stockung. Mit der Rolle des Prinzipals nimmt Frank-Jürgen Peschke - im vogtländischen Adorf zu Hause und also sächselnder "native speaker" - prachtvoll Abschied von der Bühne; und bewährt sich dabei noch einmal Theater Hof - 'Raub der Sabinerinnen' als Charakterakteur von Format: Indem er alle Übertreibung fortlässt, quatscht und latscht er die Glanzrolle nicht breit, sondern verschafft ihr, neben schlagfertiger Breit- und Kaltschnäuzigkeit, einen bewegenden Kern.

Da behält einer seine Würde, auch wenn er, auf Katastrophen abonniert, beständig mit dem Scheitern umgeht - wie übrigens auch Gymnasialprofessor Gollwitz. Der verbrach die Römertragödie, die dem Stück den Titel gibt, während pickeliger Sturm- und Drangjahre: In Hof gibt ihn Wolfgang Kaiser, possierlich in Riesenpuschen schlurfend, als sympathischen Tölpel und Pathetiker, den die dominanten Damen seiner Familie deckeln. Nicht nur Umsturz und Peinlichkeit bringt die einbrechende Theaterwelt in sein Spießbürgertum, sondern auch Farbe:

Am Ende ist das Grau-in-Grau der Bühne bunt geworden (Szenenbild: Angela Loewen). Selbst der muppetpuppenhafte Kakadu im professoralen Salon gibt sich zufrieden, der zu Beginn das Familientheater noch buchstäblich zum Kotzen fand.

Ein Stück und eine Aufführung wie das Heldenlächeln auf der Römer-Schmiere: "ein bisschen sarkastisch vielleicht" und jedenfalls "liebenswürdig".

Fürs "Bravo" rufende Publikum ein pralles Pläsier:
Dafür braucht's, gerade vor Weihnachten, "geen Gööde".

(Michael Thumser für teleZeitung.tv / heerrufer.de)