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Das Stück ist
eine Posse, aber nicht nur Blödelei. Seit der Uraufführung vor 120
Jahren soll "Der Raub der Sabinerinnen" gut tausend Mal im Lande
inszeniert worden sein. Allein zur Zeit kann man den
unverwüstlich-dreisten Bühnencoup der Brüder Schönthan - um einen
sächsisch-vollmundigen Theaterprinzipal und seine Wandertruppe - in
über zwanzig Inszenierungen zwischen Rostock und Regensburg erleben:
Jetzt auch in Hof: Hier hat Ralf Hocke als Regisseur erkannt, dass
das Original von 1884 kaum noch taugt.
Von der erweiternden Umarbeitung durch Curt Goetz ging er darum aus
und las überdies "vielleicht ein Dutzend" weiterer Theater Hof -
'Raub der Sabinerinnen’ Fassungen gegen. Das Ergebnis: ein
geschwindes Lust- und Lachspiel übers Tragödie- und Verrücktspielen,
ohne viel Sinn, keineswegs ohne Verstand, gleichermaßen getragen von
Spiel-, Sprach- und Dialektwitz ("Warum sprechen Sie so unnatürlich?
Sind Sie vom Theater?").
Was "Schmieren"-Intendant Striese für sich und die Seinen
beansprucht, pulst im überschäumend gut gelaunten Hofer Ensemble:
Theaterblut unter hohem Druck und ohne Stockung. Mit der Rolle des
Prinzipals nimmt Frank-Jürgen Peschke - im vogtländischen Adorf zu
Hause und also sächselnder "native speaker" - prachtvoll Abschied
von der Bühne; und bewährt sich dabei noch einmal Theater Hof -
'Raub der Sabinerinnen' als Charakterakteur von Format: Indem er
alle Übertreibung fortlässt, quatscht und latscht er die Glanzrolle
nicht breit, sondern verschafft ihr, neben schlagfertiger Breit- und
Kaltschnäuzigkeit, einen bewegenden Kern.
Da behält einer seine Würde, auch wenn er, auf Katastrophen
abonniert, beständig mit dem Scheitern umgeht - wie übrigens auch
Gymnasialprofessor Gollwitz. Der verbrach die Römertragödie, die dem
Stück den Titel gibt, während pickeliger Sturm- und Drangjahre: In
Hof gibt ihn Wolfgang Kaiser, possierlich in Riesenpuschen
schlurfend, als sympathischen Tölpel und Pathetiker, den die
dominanten Damen seiner Familie deckeln. Nicht nur Umsturz und
Peinlichkeit bringt die einbrechende Theaterwelt in sein
Spießbürgertum, sondern auch Farbe:
Am Ende ist das Grau-in-Grau der Bühne bunt geworden (Szenenbild:
Angela Loewen). Selbst der muppetpuppenhafte Kakadu im professoralen
Salon gibt sich zufrieden, der zu Beginn das Familientheater noch
buchstäblich zum Kotzen fand.
Ein Stück und eine Aufführung wie das Heldenlächeln auf der
Römer-Schmiere: "ein bisschen sarkastisch vielleicht" und jedenfalls
"liebenswürdig".
Fürs "Bravo" rufende Publikum ein pralles Pläsier:
Dafür braucht's, gerade vor Weihnachten, "geen Gööde".
(Michael
Thumser für teleZeitung.tv / heerrufer.de) |