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Repertoirevorstellung
‘Amadeus’ - am 5.2.06
Der Intrigant und
der Vergiftete
Litt Mozart am Tourette-Syndrom? Dass er mit Obszönitäten
nur so um sich warf, dokumentieren seine Briefe. Seine
Sprache infantil, zotig, vulgär.
Er alberte herum, wenn es denn so war, wie er sich in
seinen schriftlichen Mitteilungen gab, ist es kein Wunder,
dass ihn kaum jemand im täglichen Leben ernst nahm.
Peter Shaffer greift dies Verhalten in seinem ’Amadeus’
auf und stellt mit diesem, Mozart bloß. Ein Unterschied,
liest man das Ordinäre seiner Sprache nur oder erlebt es
im Stück auf der Bühne mit einem Darsteller, der die
Drastik des Wortes mit entsprechender Betonung deutlich
macht.
Wie im Stück Mozart vorgeworfen wird, seine Werke
beinhalteten zu viel Noten, so gibt es im ’Amadeus’ viel
Text. Die Leitung der Produktion am Stadttheater
Regensburg kürzt Shaffers Text erheblich, wie sich beim
Mitlesen während der Vorstellung herausstellt. Auch diesen
nun zusammengestrichenen über eine sprachliche
Präsentation von der Spielleitung durch die Darsteller
glaubhaft zu machen, stellt sich im Gesamtergebnis als
problematisch dar.
Ein Leichtes an sich für Regisseur Georg Mittendrein,
hat er doch nur das zu tun, was der Autor mit allen
Regieanweisungen vorgibt. Diese detaillierten Hinweise
führen dann aber zur Verselbstständigung einer
Inszenierung, ohne die individuelle Handschrift eines
nachfolgenden Regisseurs. Ohne Atmosphäre zu entwickeln,
wird der Text runtergehaspelt, die Choreographie
eingehalten und der unbedarfte Zuschauer ist beglückt,
dass alles so gut funktioniert. Ob da ein Hänger mal
hängen bleibt oder eine Öffnung sich auftut, so dass etwas
sichtbar wird, das besser bedeckt bliebe – das Stück läuft
ab, macht dabei den Eindruck einer Vorstellung einer
Wandertruppe, die sich mit den entsprechenden
Imponderabilien eines Saales wie in 'Utzbach' abfinden
muss.
Im Detail nur der Beginn der Vorstellung betrachtet:
“Die Verleumdung, sie ist ein Lüftchen [...]“ - wird
das den Figuren der Venticelli zu Grunde gelegt, erhebt sich die
Frage, warum Doris Dubiel, Silvia Rhode,
Silvia van Spronsen eben als diese Einflüsterer,
Verbreiter von Gerüchten derartig über Mikroports ihre
Texte dem Zuhörer um die Ohren schlagen - dass von ‘Geheim’-informationen,
übler Nachrede etc. hinter der vorgehaltenen Hand, nicht
die Rede sein kann. Und wenn schon Shaffers Vorgaben
gefolgt wird, sollte bei den Venticelli eben auch die
Tongebung angepasst werden.
Michael Heuberger als Salieri - Textvermittler mit
hoher Silbenfrequenz.
Es erklingt nicht die Stimme
eines Sterbenden, der mit letzter Kraft sein: „[...] Perdonami, Mozart! [...]“ von sich gibt. Mit der ihm
eigenen vollen Stimmkraft erreicht Herr Heuberger mit
“[...] Il tuo assassino ti chiede perdono.[...]“ die Reihe
16 im Velodrom mühelos. Ob er auch in der 17. Reihe zu
hören ist, kann nicht auf Anhieb festgestellt werden, da
in dieser Reihe niemand sitzt, der befragt werden könnte.
Dass hier ein kranker Mann über 70 um Verzeihung bittet,
ist nicht erkennbar - Herr Heuberger trotzt und verlangt
lauthals das Verzeihen. Ist das so gemeint ? Vom Autor,
vom Regisseur ?
Ebenso das “Vi saluto!“ hat - selbst wenn Herr Heuberger
gemäß Regieanweisung Shaffers ’ruft’, hat diese Attacke
nichts von dem das Ende voraussehenden alten Salieris im
Jahr 1823, der kraftlos zum Klavier schlurft, zu tun. Das
“[...] Es fleht euch einer an der stirbt [...]“ - ohne
Spur von demütigem Bitten oder wie er es meint,
beschwörendem Fordern.
Für das “Veroneser Biskuit!“ ist ‘schwärmerisch’ von
Shaffer vorgegeben - es klingt wenig nach dem Ausdruck von
Genuss.
Bei dem “Meine Eltern waren kleine Untertanen ....“ ergibt
sich in Regensburg zwangsläufig eine andere Tongebung,
denn Herr Heuberger hat den Mund voll mit einer von der
Requisite präsentierten Essensgabe, so dass nur gedämpfte
Aussprache möglich ist. Hat er das ‘Schaumbällchen mit
Pistazienguss’ runtergeschluckt, kehrt er wieder zum
eiligen Vortragen des Textes zurück. Einzig das Wort
‘Musik’ hebt er mit einer gewissen schwärmerischen Note
heraus.
Wie Dramaturg Ronzier bei der Einführung am 15.01.06
richtigerweise betonte, dieses Stück auf verschiedenen
zeitlichen Ebenen spielt, so eben ein Unterschied zwischen
einem 30-Jährigen und einem demenzkranken, bettlägerigen
70-Jährigen besteht und der Kommentator Salieri sich einer
anderen Tongebung in seiner Sprache befleißigen müsste,
die Möglichkeit der Differenzierung wird nicht genutzt.
Und wenn Salieri nach der Ansprache als kranker Mann in
seiner ‘letzten Lebensnacht’ sich vom Publikum abwendet,
sich wieder aufrichtet, ist er, nach Shaffers Vorgabe, ein junger Mann in der
Blüte seines Lebens “[...] mit der energischen,
selbstbewussten Stimme eines jungen Mannes.[...]“. Von diesen Unterschieden
ist bei Herrn
Heuberger auch im weiteren Verlauf der Vorstellung nichts
zu sehen und zu hören.
Spielt er wie im ‘Harvey’ kleine Rollen, fällt die
Einheitlichkeit seiner Sprache und ihrer Tongebung
zwangsläufig nicht weiter auf, aber bei dieser großen und
durchgängigen Rolle des Salieri nervt das weitestgehende
monotone Geplapper. Er haspelt die Texte
herunter, grenzt sich im Tempo kaum ein,
Pausen sind nicht zu bemerken und über die Geschwindigkeit
wird eine völlig
inakzeptable Hektik in das Stück gebracht. Beispielhaft
erwähnt die Schnelligkeit in der Sprache bei “[...] Es
begann ziemlich simpel ...[...]“ - soll das eine
Aufgeregtheit ‘rüberbringen’ ? Wo doch vom Autor
vorgegeben ist: “[...] Salieri spricht ruhig und ziemlich
langsam, in seinem Ohrenbackensessel sitzend, über die
Musik hinweg.[...]“
Kommt fast alles mit gleich erhobener Stimme, ist hier für das
vorgegebene “[...] Schreit gequält Was?! Was ist das? Sag
es mir, Signore! [...]“ kaum eine
Steigerungsmöglichkeit mehr gegeben.
Das dies über die Musik hinweg sprechen nicht gelingt,
liegt an der Lautstärke der über das Auditorium kommenden
Musikbeispiele. Dann ist selbst von Herrn Heuberger nichts
mehr zu hören.
Auf der andren Seite gibt es, auch ohne Musikeinspielung,
Passagen, die so zurückgenommen werden, dass sie wohl in
der 10. Reihe noch kaum vernehmbar sind.
Salieri war ein
Intrigant, der um seine Mittelmäßigkeit
wusste, Genialität und daraus resultierendes Können
anderen nicht gönnte.
Michael Heuberger gelingt es, auch in der Körperhaltung,
in den schnellen Gängen, er selbst zu bleiben. Wandel vom
kraftlosen, sterbenden Salieri zum Kommentator oder zum
Hofkomponisten in der Zeit von 1781 bis 1823 werden nur
gelegentlich z.B. in den Rollstuhlszenen deutlich, so kann
sich das Publikum am Darsteller des Salieri mit exakt
aufgesagtem Text erfreuen.
Dagegen versuchen Strack/Heinz Müller, Rosenberg/Peter
Heeg und van Swieten/Martin Hofer einen Rollencharakter
vorzustellen: Heinz Müller einen kecken
Kammerherrn, Peter Heeg einen in sich ruhenden
Direktor der Nationaloper mit dem hübschen Versprecher,
dass im kaiserlichen Ballett kein Ballett sein dürfe, Martin Hofer einen, wohl
wegen einer nicht genehmigten Gehaltsaufbesserung, resignierten
Nationalbibliothekar. Alle in ihrer Art Originale.
Sie verbinden die Szenen und geben trotz der Mini-Texte
den Figuren ein eigenes Profil.
Der Mozart von Valentin Stroh - ordinär, derb,
ungezogen und infantil - wohl den Drill der frühen Jahre,
das höfische Zeremoniell auf diese grobe Art
kompensierend, auch für ihn gibt es Vorgaben des Autors
z.B. für das “Ich glaube dass du dich gleich vollscheißen
wirst !“ - Shaffer sagt: ‘flüstert’ - warum flüstert Herr
Stroh dieses “Ich glaube dass du dich gleich vollscheißen
wirst !“ nicht. Er stuft in der Sprache wenigstens etwas
ab, zeigt den rüpelnden, sich übel aufführenden
Kotzbrocken Mozart – die Demontage des göttlichen
Komponisten gelingt trotzdem nicht ganz - Valentin Stroh hat
offensichtlich Hemmungen, sich so brutal vulgär zu geben,
er bleibt der nette Kerl -
in den Szenen mit dem Kaiser auftrumpfend, als Komponist mit Salieri
plaudernd, noch als
Kranker mit Konstanze tändelnd.
Die Darstellung des freundlichen Genies kann Valentin
Stroh gerade in
diesen Lebensmomenten einfach abgenommen werden.
Barbara Schedivy als Konstanze meint, das
Sprachtempo Salieris mithalten zu müssen, erst spät, so in der
Salieri-Verführungsszene ein Einschränken, ein Verhallen
der Stimme: “[...] Bringen wir's hinter uns! [...]“. Da
wirkt sie wie aus einer anderen Welt, die Grobheiten ihres
Amadeus mitzumachen, fällt Konstanze - in der Darstellung
von Barbara Schedivy - nicht leicht.
So zaubert hauptsächlich sie Atmosphäre in die
Vorstellung.
Oliver Severin müht sich mit seinem Kaiser Joseph
II. mit einer Art Österreichischen und seinem “Spektakel
müssen sein“ - er vermittelt den
Eindruck als sei der Zuhörer auf der Promenade von Bad
Ischl und gleich wird der Kaiser vorbeiraunzen: “Es war
sehr schön, es hat mich sehr gefreut !“ Herr Severin glaubt,
auf diese Weise einen habsburgischen Herrscher 'rüberbringen' zu können – war’n sie alle so, die Monarchen,
war’s wohl besser, das Gottesgnadentum 1918 in der
Versenke verschwinden zu lassen. “Macht’ euern Dreck
allene!“ - meinte der sächsische König damals.
Strebte Alfred Roller, der Bühnenbildner Gustav Mahlers
1905, eine Einheit aus Dichtung, Musik und Bühne an, so
wurde dieser Gedanke bereits 1896 von Ernst von Possart
ausgelöst, der sogar Wert darauf legte, das Werk insgesamt
im der Zeit ansprechenden Rahmen vorzustellen. Er verlegte
als Generalintendant des Münchner Hoftheaters die
Aufführung des 'Don Giovanni' in das intime Residenztheater.
Das heutige
Cuvillies-Theater
schafft die Atmosphäre, der Zeit 1781 bis 1823 gemäß.
Regensburgs Theaterdirektor Ernö Weil sieht es ganz
anders, er lässt Shaffers ‘Amadus’ im kahlen Velodrom
spielen, lässt die Portale mit hellgrauen Hüllen
verkleiden, um das Irritierende eines technischen Raumes
zu verbrämen und das Auge des Zuschauers auf die
Bühnenausstattung zu mühen. Erfüllt seinen Zweck, sieht
aber schauerlich aus.
Bernhard Kilchmann als Bühnenschmücker wiederum
versucht, das Manko des nichtzurverfügungstehenden
Schnürbodenes und eines effektvollen Zuschauerraumes
mittels Wechselszenerien zu kompensieren, durch auf- und
abgezogene Bildbahnen, Räume zu schaffen.
Theater à la Shaffer bzw. John Bury, der Ausstatter der
Uraufführung, soll es wohl sein, denn der gibt nach der
Inszenierung von Peter Hall vor, wie sein Stück am Besten,
am Dekorativsten darzustellen sei.
Mit dem Licht von
Klaus Herbert Welz gelingt es Bernhard Kilchmann, doch
Räume unter schwierigen Bedingungen zu präsentieren und
Eindrücke von fürstlichen Behausungen in Wien im Übergang
vom 18. zum 19. Jahrhundert zu vermitteln.
Das Theater der Metropole der Oberpfalz entspricht mit
diesem Warmup von Shaffers ’Amadeus’ den Zeichen der Zeit
im Jahr 2006. Mozart hier, Mozart da, Mozart oben, Mozart
unten – das Faktotum der musikalischen Welt. Das Genie
gegen die Mittelmäßigkeit – gestern wie heute.
Der Zuspruch der Bewohner der Stadt hielt sich in Grenzen.
Die besetzten Plätze, in den Reihen 12 bis 17 gezählt,
brachten an diesem 5.2.06 eine Auslastung von gerade mal
31 Prozent.
Warten wir auf den ’Giovanni’ in Regensburg.
Hoffentlich findet der nicht nur statt.
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