Heinrich von Kleist    18.09.05
  Theater Regensburg
Einführung  
   
'Der zerbrochne Krug'  

 

"Es wird  sich alles finden"

 

Nach Rudolf Zollners 'Krug' vor Jahren mit Michael Heuberger als Dorfrichter Adam nimmt nun Michael Bleiziffer - der amtierende Oberspielleiter Schauspiel Regensburg - sich der Scherben an.

In seiner Einführung in das Werk, bei dem Adam nicht wie in der Bibel der Verführte, sondern eben der Verführer und Eve, die vom 'Zuspruch' des Dorfrichters Betroffene, die Reine ist, sprach Michael Bleiziffer von der Musik in der Sprache Kleist's beim 'Krug'. Die fünfhebigen Jamben - ähnlich dem Sprachduktus Richard Wagners im 'Lohengrin' - die besondere Herausforderung an die Darsteller bedeuten.
Die kurzen Textfragmente, die Teile einer Frage, ein Hin- und Herwerfen von Satzstücken erzeugen eine besondere Sprachmelodie. Es gäbe nicht so viele Dichter, die mit der Sprache so etwas wie Musik erzeugen könnten, die sich dann auf das Spiel - bei genügend großer Virtuosität der Darsteller - übertrage. Häufig habe er bei dieser Produktion die Worte Musik, Rhythmus, Dynamik verwendet. Gerade beim 'Krug' könne man ja wie bei Sängern beobachten, dass allein durch die Musik ein bestimmter Zustand erzeugt wird, so dass der Sänger selber gar nicht mehr hinzufügen müsse. Wenn der also den Gesang richtig hinbekomme, brauche er keine Befindlichkeit, keinen Zustand, keine Haltung zu spielen, der Gesang drücke eigentlich alles aus.
Im Schauspiel sei es ein bisschen anders. Er glaube nicht, dass die Sprache allein alles das zeigen könne.

Dieses Ensemblestück - nach 115 eigenen Inszenierungen - bot nun zum ersten Mal dem Regisseur die Mitarbeit der Darsteller, da verschiedene Versionen bei der Umsetzung des Werkes möglich. Weil alles so unendlich delikat sei, wurde sehr viel diskutiert, welches wohl die richtige Auslegung sei, um dann bei allem Überlegen endlich etwas festzulegen, da "wir auf der Bühne wissen müssen, was wir wollen und zu welchem Zeitpunkt wir was wollen." So z.B. wer erkennt wann, wer der Täter ist.
Um das Ganze in einem Spannungsbogen zu halten, brauche man Widersprüche. Oftmals sei es notwendig bei einem Stück, Widersprüche zu glätten, Linien zu verfolgen, die zu bestimmten logischen Konsequenzen führen.
Bei diesem Werk gehe es darum, die Widersprüche so zu verdeutlichen, dass der Zuschauer sich an diesem Prozess beteiligt fühlt und bei diesem Krimi sei noch die Balance zu erarbeiten und darzustellen, wie z.B. der Dorfrichter in existentielle Nöte gerät und dabei die Komik über diese Schwierigkeiten nicht verloren geht.

Wie bei jedem Krimi liegt die Tat vor dem Bericht und so ergibt sich auch hier die Frage, welche Wahrheit wird wie und wann ans Licht kommen.
Theater sei Inhalt, führt der Herr Oberspielleiter bei der Einführungsmatinee aus, das bedeute, ganz bestimmte Entscheidungen, dramaturgischer, schauspielerischer Art zu treffen und daneben gelte es, die Form zu erfüllen, womit das Phänomen Kunst eigentlich erst beginne. Man habe sich - und "was für mich in den letzten Jahren a bissl was Neues ist" für eine realistische Form entschieden.
In einem einzigen Raum spielt das ganze Stück - Gerichtssaal Wohnraum, Schlafkammer in einem.
In diesem Raum wickeln sich auch ganz persönliche Dialoge in der Öffentlichkeit ab. Ob nun Eve mit Ruprecht spricht oder der Gerichtsrat mit dem Dorfrichter - das Ensemble ist dabei, wenn auch versucht wird, durch entsprechende Anordnung der Personen auf der Bühne, einen gewissen intimen Raum für die beiden miteinander sprechenden zu finden. Und in dem Stücke wolle ja jede Hauptperson etwas retten, der Dorfrichter sein Amt und seine Unbeschädigtheit, Eve Ruprecht vor dem Militär, Frau Marte die Bestrafung des Zertrümmerers ihres Kruges und Eve vor der Heirat mit Ruprecht.
Diese Vielschichtigkeit darzustellen, mache die Arbeit an dem Stück spannend und so spielten sich auch die Proben ab.

Mit dem Bühnenbildner Konrad Kulke habe er nun schon 50 bis 60 Inszenierungen gemacht und mit ihm, der früher detailversessen gewesen sei, nun über die Jahre den "charakteristisch leeren Raum" entwickelt, nicht austauschbar oder beliebig, irgendetwas illustrierend oder vorgaukelnd.
Das Schönste am Theater sei die Wahrheit und wie die Schauspieler nicht so täten, als ob sie was darstellen, sondern einfach sind, so solle auch der Raum, in dem das Stück spiele, eine eigene Idee beinhalten - wie es auch bei 'Faust' oder 'Peer Gynt' gewesen sei - beim 'Krug' also psychologisch Realistisches brauche, in dem die Virtuosität der Schauspieler zur Geltung komme und die Einheit von Zeit, Raum und Handlung bewahrt bleibe.
Der Raum müsse über eine gewisse Wärme und Sinnlichkeit verfügen. Die Vielschichtigkeit der Figuren in diesem Raum, die eben nicht nur bös oder gut oder korrupt seien, spiegle die Natur des Menschen wieder. Beispielhaft in diesem Raum: der Dorfrichter, auf der einen Seite ein fast Vergewaltiger, aber eben auch mit sympathischen Zügen oder solle das Publikum eher den Gerichtsrat Walter als Sympathieträger sehen, der geradeaus sein Ziel der Kontrolle nach Paragraph X verfolge.

Die Kostüme habe er noch nicht gesehen (!)
Am 30.09.05 ist Premiere im Velodrom. Es gäbe noch Karten.
 

DH