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Werkeinführung
Theater Regensburg
‘Don Giovanni’ - 5.2.06
Was wird hier gespielt ?
Oder: der reinste Wahnsinn
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Regisseurin Angela Brandt
stellte "ruhig und besonnen" ihr Konzept der Neuproduktion
des 'Don Giovanni' vor. Die Kardinalfrage, die bei
Werkeinführungen immer gestellt werde, das sei ja "alles
schön und gut, was Sie da erzählen, aber wie sieht denn
das dann auf der Bühne aus. Wie modern wird es denn?"
(Gelächter im Publikum).
Hier habe Sie immer etwas Bauchschmerzen. Es komme auf das
Stück an. Es gebe Stoffe, die über die Jahrhunderte immer
aktuell geblieben seien, egal aus welcher Sicht man sie
betrachtet, von welcher Gesellschaftsschicht, aus welcher
politischen Sicht, aus welcher moralischen Sicht - man
fände immer interessante Punkte, die auf die momentane,
aktuelle Zeit zuträfen. "Sonst wäre das Stück schon längst
in die Vergessenheit gerutscht."
Man habe sich beim Theater Regensburg "lange damit
abgequält wie wir es spielen werden". Dann sei man zu der
Entscheidung gekommen, man wolle die Allgemeingültigkeit
erhalten und versuchen, einen relativ zeitneutralen Raum
zu finden. Dieser sei die relativ nackte Bühne dieses
Theaters, schwarz ausgehängt, mit einem großen roten
Feuerring dazu.
Da in diesem Hause eine wunderbare Technik funktioniere -
"da kommen wir an einen neuralgischen Punkt, die aber
nicht immer funktioniert - haben wir uns entschlossen, mit
dieser wunderbaren Technik zu spielen." Es werden also die
Hubpodeste benutzt, um mit diesen die schnellen
Verwandlungen, Auftritte und Abgänge zu ermöglichen
und um die vom Stück her vorgegebenen "unnatürlichen
Räumlichkeiten" in diesem variablen Bühnenbild
darzustellen. Umbauten gäbe es kaum, der Vorhang müsse für
Szenenwechsel nicht fallen, was sonst ca. 30 Wartezeiten
hervorriefe und was für das Stück tödlich sei.
Das Rot des Feuerrings kehre in den Kostümen wieder, bei
den Damen rot/weiß/schwarz - Don Giovanni in weiß "nicht
als die Unschuld". Die Kostüme als solche seien schick und
an 'heute' orientiert, was sich in der Vermeidung von
Kosten niederschlage, da historische Gewänder pro Person
bis zu 3000 Euro kosteten, bei 24 Personen Chor sowie acht
Solisten, wobei jeder zwei Kostüme brauche, hochgerechnet
seien das 40 Kostüme - dies sei bei der schlechten
finanziellen Ausstattung des Theaters Regensburg nicht
darstellbar.
Die vom Publikum nicht gestellte Frage nach dem
'Steinernen Gast' wollte Frau Brandt auch gar nicht
beantworten, denn es solle eine Überraschung sein, wie
dies szenisch lösbar sei.
Gespielt werden solle zwar die Prager Urfassung, aber man
habe sich entschlossen mit dem "Dalla sua pace" - obwohl
die Arie ja Teil der Wiener Fassung sei, "wenn der Tenor
gesund wird." Frage eines Abonnenten: "und wenn nicht?" -
Antwort der Regisseurin, dann falle die Arie heraus.
Sie selber sei wie die Sänger erkältet und das Wetter tue
das Übrige dazu - der eine Tenor - Herr Damkier - könne
zur Zeit überhaupt nicht singen "wir wissen nicht, ob er
gesund wird zur Premiere, das ist momentan die große
Frage".
"Wir haben einen neuen finnischen Kollegen engagiert, der
jetzt in Windeseile den Ottavio nachlernt, aber auch
erkältet ist."
(Gelächter im Publikum. Offensichtlich sind die
Herrschaften sich nicht im Klaren darüber, dass sich eine
Erkältung für einen Sänger existenzbedrohend auswirken
kann oder lacht man darüber, dass der Tenor jetzt erst die
Rolle 'in Windeseile' lernt.)
Es stellt sich allerdings die Frage: Welche Arie meint die
Regisseurin: Wenn die Nr. 10 a - 'Nur ihrem Frieden' (Dalla
sua pace) schon ein Problem darstellt, was ist dann mit
der 21 ?
Weiter führt die die Frau Regisseurin aus: "Und wenn beide Sänger krank sind, werden wir
diese Arie nicht bringen, weil die wirklich stimmlich so
eine Herausforderung ist, dass man sie in dem kranken
Zustand nicht singen kann." Man könne die Vorstellung
wegen Krankheit nicht absagen, dann verzichte man auf die
Arie, spiele die Prager Urfassung ohne die Arie.
Und der Abonnent fragt sich: Kommt aber die 21 b, dann
spielt das Theater Regensburg doch nicht die Prager
Ur-Fassung, denn die 21 b - 'Elvira-Rezitativ und Arie' -
komponierte Mozart am 30. April 1788 bei der Wiener
Aufführung für die Sängerin Caterina Cavalieri hinzu.
So wie es sich jetzt in Erwartung der Regensburger
Premiere am 10.2.06 darstellt, wird es mit der 21 b und
ohne den Tenören, somit ohne der 21, auf eine
'Regensburger Fassung' hinauslaufen.
Auf die Übertitelung habe Regisseurin Angela Brandt keinen
Einfluss genommen, sie vertraue da ganz auf die
Dramaturgin. Auf den Hinweis des Abonnenten, dass in
Regensburg z.B. bei der 'Carmen' auf der Bühne etwas
anderes ablaufe, als die Übertitelung anzeige, meinte Frau
Schmidt als verantwortliche Dramaturgin, es werde wohl
beim 'Don Giovanni' nicht solche Diskrepanzen zwischen dem
Geschehen auf der Bühne und der Übertitelung geben wie bei
der 'Carmen'.
Fazit: Regensburg und seine Bürger wie die im kulturellen
Einzugsgebiet haben ein besseres Theater verdient, als das
Theaterdirektor Ernö Weil auch wegen des kümmerlichen
Etats zu bieten im Stande ist.
Es nicht zu fassen:
Er engagiert einen Tenor, der den Ottavio - nach Aussage
der Regisseurin - zur Zeit - acht Tage vor der Premiere -
'nachlernt'.
Dass diese Partie nicht nur notenmäßig erfasst werden,
sondern - gerade in Bezug auf die Arie Nr. 21 "Folget der
Heißgeliebten" - 'in den Hals geübt werden muss', möge ihm
doch vielleicht die erfahrene Mechthild Gessendorf - die
Gattin - verdeutlichen.
Der neue Ottavio - bedauernswerter Kalle Koiso-Kanttila -
"da, spring und sing.
Wenn's nicht geht - dann eben ex und hopp".
DH |
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Eigene Betrachtungen zum
'Don Giovanni'
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Don Giovanni - 29. Oktober 1787 die Uraufführung in Prag,
7. Mai 1788 die erste Aufführung in Wien - und bereits am
15. Juni 1788 spielt Leipzig das Stück, noch in
italienischer Sprache, nach.
Bereits die Wiener Aufführung unterscheidet sich durch die
musikalischen Einschübe von der Uraufführung. Nichts im Gegensatz zu dem, was Christian
Gottlob Neefe (Singspielkomponist, Hofkapellmeister in
Bonn und Lehrer Beethovens, später Theaterkapellmeister in
Dessau) mit seiner deutschen Fassung im gleichen Jahr -
1788 - aus Mozarts /Da Pontes ‘Don Giovanni’ macht.
‘Don Juan, der bestrafte Wüstling oder
Der Krug geht solange zu Wasser bis er bricht’
Eyn Singspiel in zwey Aufzügen
Personen:
- Hans von Schwänkereich, ein reicher Edelmann
- Fräulein Marianne, Geliebte des Herrn von Fischblut
- Der Stadtgouverneur, Vater des Fräulein Marianne
- Fräulein Elvire aus Burgos, ein von Herrn von
Schwänkereich verlassenes Frauenzimmer
- Fickfack, Bedienter des Herrn von Schwänkereich
- Gürge, ein Bauer, Liebhaber von
- Röschen, einer Bäuerin
Wichtig an diesem Theaterzettel ist die
Bezeichnung ‘Eyn Singspiel’.
Im 18. Jahrhundert entsteht das Singspiel aus der Vorlage
der englischen Beggars Opera, beeinflusst durch die
französische Opéra Comique. Das Schauspiel mit
Musikeinlage, gelungen oder nicht, hing ab von den
stimmlichen Möglichkeiten der Schauspieler.
Die Tugend der
Bürger wurde thematisiert, die ländliche Unschuld
gegenüber der Dekadenz der Höfe.
Am 13. März 1789 lässt der Intendant des Mainzer
Nationaltheaters Friedrich Karl von Dahlberg den 'Don
Giovanni' aufführen, am 3. Mai 1789 in Frankfurt in einer
deutschen Übersetzung nachspielen.
Diese stammt von Heinrich Gottlob Schmieder, er übernimmt
stellenweise die Vorlage von Neefe, mildert den Text ins
Sentimentale, und moralisiert erheblich. Aus Molières ‘Don
Juan’ übernimmt Schmieder die Schauspiel-Szene mit dem
Gerichtsdiener und die mit dem Juwelier, dem Don Juan Geld
schuldet.
In Mannheim wird am 27. September 1789 eine drastischere
Fassung von Neefe gespielt, zwischen beiden liegt die
Revolution in Frankreich, die sich z.B. darin
dokumentiert, Don Juan “[...] droht mit dem Stock [...]“ -
also nicht mehr der herrschaftliche Degen, sondern ein
profaner Stecken.
Eine weitere Bearbeitung wird von Friedrich Ludwig
Schröder für den 27. Oktober 1789 für Hamburg mit
singenden Schauspielern vorgenommen. Aus dem 2-aktigen
Singspiel wird eine 4-Aktige Schauspielfassung, die
Figuren hervorhebend. So also im 1. Akt die Donna Anna,
Zerlina betritt erst im 2. Akt die Bühne, der 3. Akt
entspricht dem üblichen Ablauf, da hier alle Personen
auftreten, der 4. Akt beinhaltet die Friedhofszene.
Schröder schließt also jede ’Story’ personenbezogen ab,
ehe er eine neue beginnt - im Gegensatz zu Da Ponte /
Mozart, die Handlungsstränge miteinander verweben. Auch
bei Schröder wird der moralische Zeigefinder - wie im
Singspiel - erhoben. Das Schlusssextett erhält als Mahnung
die Übersetzung:
“Lebenslust fährt schnell
dahin
Ewig währt der Tugend Gewinn.“
Das Publikum erhält so 'Don Giovanni's'
lasterhafte Züge noch einmal deutlich vor Augen geführt.
Schröders Fassung hält sich lange auf den Bühnen, während
die reinen Sängerfassungen Neefes und Schmieders sehr bald
in Vergessenheit geraten. Das straff geführte Drama
interessiert und packt die Menschen, die Musik ist nur
noch Beiwerk, dies um so mehr als nur wenige Theater
Sänger mit entsprechender Ausbildung und Orchester zur
Verfügung haben.
Auch Berlin spielt kurz darauf die Schröder’sche Fassung,
bei der noch eine Eremiten-Szene aus dem Schauspiel
eingefügt wird - Don Giovanni wird zum Mörder, da er den
ihn suchenden Don Ottavio ersticht.
Die Zuschauer erleben das Ende eines Verbrechers - Furien
peinigen ihn, ehe er zur Hölle fährt.
Mit diesem Finale entfällt das Schlusssextett.
Die Oper endet dramatisch und nicht mit dem einem
Herrscherhaus zur Besänftigung vorgeführten ’lieto fine’ -
die Auflösung des Dramas ins Heitere.
Breitkopf und Haertel bringen 1801 eine neue deutsche
Fassung von Johann Friedrich Rochlitz heraus, die weiter
einen gefühlsbetonten, bürgerlichen Gedanken in den
Vordergrund stellt, wonach diese Fassung als lyrisches
Drama bzw. - wird die Musik hinzugenommen - als Singdrama
bezeichnet werden könnte. Die Aktion aus der
Schauspielfassung wird wieder zurückgedrängt und in den
Vordergrund tritt die Gefühlsbewegung aus der Musik, die
eine Tätigkeit auslöst.
Entscheidend für die Aufführungspraxis des 'Don Giovanni'
wird die Bearbeitung vornehmlich der Rezitative durch
Richard Wagner für eine Aufführung 1850 in Zürich.
Waren unter Meyerbeer in Berlin am 19. November 1845 die
übliche Begleitung des Sprechgesangs durch Mozart-Flügel
oder Klavier durch ein Streichquartett - eine Bearbeitung
durch Samuel Schmidt - das Novum, so kehrt diese
Aufführung im Schweizer Exil zum accompagnierten Rezitativ
zurück.
Eine weitere entscheidende Veränderung in die Richtung zum
musikalischen Drama beginnt schon früher mit der Übernahme
der Rolle der Donna Anna durch die große
Sängerdarstellerin Wilhelmine Schröder-Devrient. Sie macht
aus der Figur die Rächerin, sie übt Vergeltung am Tod des
Vaters und ihrer eigenen Schändung durch Don Giovanni -
wie sie E.T.A. Hoffmann 1814 in seine Novelle ‘Don Juan’
einbrachte.
In der Erzählung der nächtlichen Begebenheit in Nr. 10
verschweigt sie diesen Tatbestand und hält somit Ottavio
uninformiert. Da oftmals die zweite Arie Ottavios, die Nr.
21, nicht gesungen wurde, Ottavio also nicht mehr auftritt, bestand die Möglichkeit, die
Figur der Donna Anna weiter zu verändern, in dem die Nr.
23 als Briefszene gespielt wurde - Donna Anna teilt sich
Don Ottavio schriftlich mit.
Die Romantik und Richard Wagner führen die Entwicklung der
Rächerin weiter und bringen den Gedanken der Erlöserin ins
Spiel - hier den Gegenpol zum ‘Verbrecher’ Giovanni - in
der Figur der Donna Anna.
Für die Nr. 23 erhält sie auf der Bühne einen
Herrgottswinkel mit Betstuhl und ewiger Lampe - eine
Entsprechung zur Arie der Elisabeth im 3. Akt 'Tannhäuser'.
Das Böse im Männlichen bedingt durch Sinnlichkeit bei 'Don
Giovanni' und 'Tannhäuser' wird aufgelöst durch das Gute im
Weiblichen der Donna Anna und Elisabeth.
Die Überwindung der Körperlichkeit durch das Geistige -
Wolfram / Elisabeth gegen Venus und Tannhäuser, der
Holländer erlöst durch Senta, die Welt erlöst durch
Brünnhilde: „[...]So werf ich den Brand in Walhalls
prangende Burg.[...]“
DH
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