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Wie schon 20.
Oktober 1842 im 'Rienzi' als 'Adriano' war
auch Wilhelmine Schröder-Devrient am 2. Januar 1843 - hier nun als Senta - wieder im
Ensemble für die Uraufführung in der Dresdener Hofoper von Richard
Wagners 'Der fliegende Holländer'.
Sie hatte den Höhepunkt ihrer sängerischen Entwicklung bereits
überschritten und Richard Wagner kam ihr bei der Ballade entgegen,
als er diese für sie aus in g-moll herunter setzte. Erst Anja Silja
- soweit die Überlieferung stimmt - sang die Ballade wieder in der
Originalfassung in a-moll. Wie die Schröder-Devrient über das Duett mit dem Holländer
oder das Terzett - Senta, Erick, Holländer - gekommen ist, darüber gibt keine Hinweise, nur
lag die
Orchesterstimmung Mitte des 19. Jahrhunderts wenigstens eine Terz
tiefer, so dass z.B. auch die Fidelio-Leonore 'ein Spaziergang'
gegenüber einer heutigen Produktion war. Zu bedenken ist auch,
dass die Schröder-Devrient die Fidelio-Leonore bereits mit 18 Jahren
sang. Zur Zeit ihrer Senta war sie schon 40 Jahre alt und hatte eben
seit frühester Jugend in 'tragenden, tragischen Rollen' auf der Bühne gestanden.
Nach der Ouvertüre - Allegro con brio - für die Wagner später einige
Korrekturen in der Instrumentation - zunächst für die Aufführung in
Leipzig 1846 und für die Züricher Konzerte 1852 vornahm - wie den so
genannten 'Tristanschluss' für die Pariser Konzerte 1860
komponierte, der dann auch für das Ende der Oper als
'Erlösungsschluss' verwendet wurde - und dem einleitenden
Matrosenchor der Norweger kann der Steuermann mit seinem Lied
"Durch Gewitter und Sturm" Facettenreichtum und
Sensibilität aus einer Erfahrung des Operetten-, Belmonte- und
Tamino-geübten Tenors zeigen. Betörender Schmelz und mühelos
strahlende Tongebung erwartet der Zuhörer. Gibt der Dirigent die
Möglichkeit, sind sängerische Gestaltungsvariationen gerade beim
Einschlafen mit "Mein Mädel, wenn nicht Südwind wär ..."
gegeben.
Der Auftritt des Holländers in Nr. 2, Sostenuto, "Die Frist ist
um .." umspielt von einer schaudernd chromatischen Sextole,
zögernd rezitativisch, dann immer heftiger schildert dieser sein
verflucht-ruheloses Schicksal.
Intelligente Diktion, intensives Legato, besonders im c-moll-Teil,
Maestoso, satte Tiefe, kernige Mittellage und kraftvolles F als
Spitzenton, machen den Holländer zum attraktiven Beispiel der
verilsten Männerstimme.
Daland, "... nach Schätzen geizt er nur!", der für das 19.
Jahrhundert typische treusorgende Vater liegt die Verheiratung
seiner Tochter Senta am Herzen. Bei der Rolle sind seine
Bauernschläue und Gier nach Gut überzeugend darzustellen, denn nur
wenige Takte nach des Holländers "oh, so nimm meine Schätze
dahin!" wird er Senta dem Fremden überantworten.
Der Daland ist, vom Rollenschema mit einem Pogner, Fasolt oder eben
mit einem Osmin, 'Weiber'-Falstaff besetzten sonoren Bass, mit
sicheren D und Es, zu vergleichen.
Die Nr. 4 führt in die Häuslichkeit, in der die Frauen und Mädchen
ihrer geschlechterspezifischen Tätigkeit wie spinnen, nähen, kochen,
putzen, waschen nachgehen, dadurch "... will jede sich den Schatz
gewinnen."
Senta erträumt sich ein anderes Los, das sie in der g-moll-Ballade
schildert, nämlich Erlöserin des Mannes zu werden, dessen Bild sie
an der Wand immer vor Augen hat und dessen Gegenwart sie - wie Elsa
ihren Ritter - herbeizwingt.
Die Ballade zu singen ist für einen jugendlich-dramatischen Sopran
mit Agathe- oder Fidelio-Leonore-Erfahrung eine Freude, denn sie
liegt vom Cis bis zum hohen H in der besten Lage.
Die resolute Mary kann Senta nicht von ihren exzessiven Träumereien
abhalten, regiert über die muntere Mädchenschar mit deren lebhaftem
Geplapper. Für einen Spielalt ohne stimmliche Schwierigkeiten und
die Charakterstudie einer Hausfrau, die ohne geistige Ambitionen
ihren Platz im Leben ausfüllt: "Ich spinne fort!"
Kurz nach Sentas Schlusskadez "Durch mich sollst du das Heil
erreichen!", während die Frauen noch Sentas Verwirrtheit
beklagen, betritt Erik mit einem Schreckensruf auf dem hohen A die
Szene.
Im Duett Nr. 5, Allegro appassionato, kämpft er verzweifelt um
Sentas Liebe, stimmlich permanent in einer im passagio unbequemen
Lage, zweimal mit akzentuierten acuto-Tönen mit heftigsten Ausdruck,
mit Recht von Tenören eine gefürchtete Partie des unglücklichen
Verlierers.
Im Halbschlaf hat er das Erscheinen des Holländers und dessen
Gespräch mit Daland, wie auch Sentas Hingabe und deren Flucht mit
dem Phantom vorausgesehen.
Als er voll Entsetzen davonstürzt, singt Senta wie in Trance den
Refrain der Ballade im pianissimo, sie bricht das "Betet zum
Himmel, dass bald / ein Weib Treue ihm...." ab, es erscheint der
gespenstische Mann in der Tür, Sentas Schrei, eine lange
Generalpause, die Pauke signalisiert den stolpernden Herzschlag der
beiden ineinander Versunkenen.
Das Finale mit Dalands "Mein Kind, du siehst mich auf der
Schwelle" von gemütlich bürgerlicher Melodik ist das peinliche
Anpreisen der Tochter wie Ware, ähnlich Kezal die Bräute
weiterreicht. Das "Mögst Du mein Kind ..." ist wie "muss,
teures Kind, dich's nicht verlangen? / Dein ist es, wechselst du den
Ring!" nur eine Höflichkeitsfloskel. Und doch weiß er sich als
überflüssig einzuschätzen, da der Holländer und Senta auf seine
Einlassungen nicht reagieren, "Doch ... keines spricht! Sollt ich
hier lästig sein? / So ist's - am besten lass' ich sie allein"
setzt aber doch im Abgehen dem Holländer gegenüber noch eins drauf
"Glaubt mir, wie schön, so ist sie treu!"
Aus der langen Pause nach Abgang Dalands singt der Holländer die
ersten Takte a capella "Wie aus der Ferne längst vergang'ner
Zeiten", con molto portamento seine Vision vom Weib, das er als
erlösenden Engel sich erträumt hat.
Dies ist Richard Wagners Generalthema: Erlösung des Mannes durch
Liebe auf Kosten der sich opfernden Frau. Der Holländer singt von
der Sehnsucht nach dem Heil, Tannhäusers 'Heil ruht in Maria /
Elisabeth', Lohengrin braucht Elsa, um ein heiler Mensch zu werden,
dafür müssen die Frauen sterben. Eine höchst irritierende Lösung für
männliche Probleme.
Im Duett Senta / Holländer - eigentlich zwei Monologe - äußert sie
ihre Opferbereitschaft und der Holländer spricht über seine Hoffnung
auf wahre Liebe. Sentas melodische Linie schwingt sich bis zum hohen
H, danach nähern sich die Linien, um a cappella sich im Pianissimo
auf einem Ton dem mittleren E zu vereinen.
Aus der Erstarrung erwacht, beginnt der Holländer nach un poco meno
sostenuto mit einem galant tänzerischen Motiv eine kurze
Konversation, ob sie sich, ihrem Vater gehorsam, an ihn binden
wolle. Das Tempo wird beschleunigt, der Holländer drängt, das
Versprechen der Treue zu hören.
Im anschließenden Duett Senta / Holländer und Terzett Senta /
Holländer / Daland in heroischem E-Dur wird leidenschaftlich das
Bündnis beschworen, aber es herrscht nicht die Freude auf eine
glückliche Zukunft. "..Euch soll das Bündnis nicht gereu'n"
ist Dalands vorsichtiger Kommentar.
Der Holländer fordert mit Sentas Treue die Hölle heraus und Senta
erwartet jubelnd ihren Märtyrertod - "Hier meine Hand! Und ohne
Reu / bis in den Tod gelob ich Reu!". Sie krönt das Terzett mit
hohen Hs - und Richard Wagner, der so gerne lebte, schließt den Akt
über den Todgeweihten mit einem rasanten Finale.
Der Anfang des dritten Aktes zitiert einige Motive und leitet über
zu einer der großartigsten Chorszenen der romantischen
Musikliteratur.
Die norwegischen Matrosen singen, tanzen und stampfen voller
Lebensfreude, Dorfmädchen gesellen sich dazu, dann hebt der Spuk auf
dem Gespensterschiff an, das Orchester schildert einen Sturm mit
chromatischen Läufen und schrillen Tönen der Piccoloflöten. Ein
gellendes Lachen des Holländer-Chores und ein fff-Schlag beenden das
Geschehen, nachdem die norwegischen Matrosen mit dem Schlagen des
Kreuzes dem Auftritt ein Ende gesetzt haben.
In Nr. 8, Allegro agitato, stellt Erik Senta zur Rede "Was muss
ich hören! Gott, was musst ich sehn!" und klagt in seiner
Cavatina - Andante - "Willst jedes Tags du nicht dich mehr
entsinnen" - erinnert sehr an Webers Freischütz - die nach
Richard Wagners Vorgaben nicht 'süßlich' vorgetragen werden darf,
dass er sich für sie als Verlobten sieht. Ein heikles Gesangsstück,
bei dem sich ein leichter Tenor, wegen der auffallenden Verzierungen
und der schluchzenden Kadenz jämmerlich wirkt, ein schwerer Tenor
sich in der starren hohen Lage meist quält.
Im Finale - Feroce - tritt der Holländer, der das Gespräch belauscht
hat, mit Kraft dazwischen - "Verloren! Ach! Verloren! Ewig
verlor'nes Heil!" Überempfindlich deutet er das Gespräch Senta /
Erik als Treuebruch und nur die Tatsache, dass ihr Bund noch nicht
vor Gott geschlossen ist, rettet Senta vor dem ewigen Verderben.
Mit wuchtigem accompagnato unterstützt das Orchester die Klage um
das wieder verlorene Heil, mit der schrillen Bootspfeife ruft er
seine Mannschaft.
In einem kurzen Terzett in f-moll bekräftigt Senta ihren Willen, ihn
zu retten - "Halt ein! Von dannen sollst du nimmer fliehn ... was
ich gelobte, halte ich." Doch der Holländer sieht für sich keine
Rettung und muss wieder auf See.
Im Rezitativ des Holländers zeigt sich Wagners frühe Meisterschaft
in der dramatischen Behandlung der Sprache. Mit heldenbaritonaler
Kraft gibt sich der Holländer zu erkennen, mit bis zum ausgesungenen
hohem H bestätigt Senta mit "Ich bin's durch deren Treu' den Heil
du finden sollst!" ihren Opferwillen "Preis deinen Engel und
sein Gebot! Hier steh' ich, treu dir bis zum Tod", das
Geisterschiff zerfällt, das Erlösungswerk ist vollbracht.
Im Nachspiel erklingt der lyrische Refrain der Ballade, der Friede
senkt sich in D-Dur über die Bucht von Sandwike.
Nach dem
Einführungsvortrag am 18.09.05 wird von all' dem in der Inszenierung
von Jiri Nekvasil wenig zu sehen sein. Bei ihm spielt das Ganze in
einer Innenstadt, auf einem Hotel, Daland ist der Besitzer dieses
Etablissements, Senta ist die ewige Braut, die sich mit Comics einen
Prinz Eisenherz, einen Superman herbeisehnt. Letzteres
nachvollziehbar, wenn sich Mädchen in der Pubertät beim Wallen der
Hormone einen Übermann wünschen.
Dieser Gedanke ähnelt Sentas Traum in der Kupfer-Inszenierung in
Bayreuth.
Dass aber z.B. der Spinnerinnen-Chor in eine singende Putztruppe mit
den Chordamen als ATA- oder IMI-Girls umgewandelt wird, ist nicht
einsehbar.
Richard Wagner hat ganz klar das Schwungrad eines Spinnrades in
Musik umgesetzt, ob die Damen des Chores im Rundschwung putzen, wird
sich bei der Premiere am 23.9.05 zeigen.
Wie schon bei der 'Mutter Courage' darf in Regensburg ein Regisseur
eine Inszenierung ausprobieren, machte der eine hier seinen ersten
Brecht, darf hier jemand den ersten Wagner bewerkstelligen.
Diesen auch noch unter dem Aspekt, dass der Ostblock - abgesehen von
der DDR, die hatten schon eine Frau Berghaus, einen Joachim Herz -
Nachholbedarf hat, im Ausleben der Neurosen und Psychosen wie auch
meist sexuellen Verkrampfungen der Regisseure.
Eigentlich ist diese Zeit vorbei, sieht man die 'Traviata' von Willy
Decker in diesem Jahr in Salzburg.
Aber Regensburgs Theaterdirektor meint ja, längst Vergangenem
nachlaufen zu müssen.
Und: "Morgen Augsburg" ?
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