21.09.05
   

    'Daland heißt der Wirt'

 
Der fliegende Holländer Eine Betrachtung
nach der Einführungsmatinee am 18.9.05
 

Wie schon 20. Oktober 1842 im 'Rienzi' als 'Adriano' war auch Wilhelmine Schröder-Devrient am 2. Januar 1843 - hier nun als Senta - wieder im Ensemble für die Uraufführung in der Dresdener Hofoper von Richard Wagners 'Der fliegende Holländer'.
Sie hatte den Höhepunkt ihrer sängerischen Entwicklung bereits überschritten und Richard Wagner kam ihr bei der Ballade entgegen, als er diese für sie aus in g-moll herunter setzte. Erst Anja Silja - soweit die Überlieferung stimmt - sang die Ballade wieder in der Originalfassung in a-moll. Wie die Schröder-Devrient über das Duett mit dem Holländer oder das Terzett - Senta, Erick, Holländer - gekommen ist, darüber gibt keine Hinweise, nur lag die Orchesterstimmung Mitte des 19. Jahrhunderts wenigstens eine Terz tiefer, so dass z.B. auch die Fidelio-Leonore 'ein Spaziergang' gegenüber einer heutigen Produktion war. Zu bedenken ist auch, dass die Schröder-Devrient die Fidelio-Leonore bereits mit 18 Jahren sang. Zur Zeit ihrer Senta war sie schon 40 Jahre alt und hatte eben seit frühester Jugend in 'tragenden, tragischen Rollen' auf der Bühne gestanden.

Nach der Ouvertüre - Allegro con brio - für die Wagner später einige Korrekturen in der Instrumentation - zunächst für die Aufführung in Leipzig 1846 und für die Züricher Konzerte 1852 vornahm - wie den so genannten 'Tristanschluss' für die Pariser Konzerte 1860 komponierte, der dann auch für das Ende der Oper als 'Erlösungsschluss' verwendet wurde - und dem einleitenden Matrosenchor der Norweger kann der Steuermann mit seinem Lied "Durch Gewitter und Sturm"  Facettenreichtum und Sensibilität aus einer Erfahrung des Operetten-, Belmonte- und Tamino-geübten Tenors zeigen. Betörender Schmelz und mühelos strahlende Tongebung erwartet der Zuhörer. Gibt der Dirigent die Möglichkeit, sind sängerische Gestaltungsvariationen gerade beim Einschlafen mit "Mein Mädel, wenn nicht Südwind wär ..." gegeben.

Der Auftritt des Holländers in Nr. 2, Sostenuto, "Die Frist ist um .." umspielt von einer schaudernd chromatischen Sextole,  zögernd rezitativisch, dann immer heftiger schildert dieser sein verflucht-ruheloses Schicksal.
Intelligente Diktion, intensives Legato, besonders im c-moll-Teil, Maestoso, satte Tiefe, kernige Mittellage und kraftvolles F als Spitzenton, machen den Holländer zum attraktiven Beispiel der verilsten Männerstimme.

Daland, "... nach Schätzen geizt er nur!", der für das 19. Jahrhundert typische treusorgende Vater liegt die Verheiratung seiner Tochter Senta am Herzen. Bei der Rolle sind seine Bauernschläue und Gier nach Gut überzeugend darzustellen, denn nur wenige Takte nach des Holländers "oh, so nimm meine Schätze dahin!" wird er Senta dem Fremden überantworten.
Der Daland ist, vom Rollenschema mit einem Pogner, Fasolt oder eben mit einem Osmin, 'Weiber'-Falstaff besetzten sonoren Bass, mit sicheren D und Es, zu vergleichen.

Die Nr. 4 führt in die Häuslichkeit, in der die Frauen und Mädchen ihrer geschlechterspezifischen Tätigkeit wie spinnen, nähen, kochen, putzen, waschen nachgehen, dadurch "... will jede sich den Schatz gewinnen."
Senta erträumt sich ein anderes Los, das sie in der g-moll-Ballade schildert, nämlich Erlöserin des Mannes zu werden, dessen Bild sie an der Wand immer vor Augen hat und dessen Gegenwart sie - wie Elsa ihren Ritter - herbeizwingt.
Die Ballade zu singen ist für einen jugendlich-dramatischen Sopran mit Agathe- oder Fidelio-Leonore-Erfahrung eine Freude, denn sie liegt vom Cis bis zum hohen H in der besten Lage.

Die resolute Mary kann Senta nicht von ihren exzessiven Träumereien abhalten, regiert über die muntere Mädchenschar mit deren lebhaftem Geplapper. Für einen Spielalt ohne stimmliche Schwierigkeiten und die Charakterstudie einer Hausfrau, die ohne geistige Ambitionen ihren Platz im Leben ausfüllt: "Ich spinne fort!"
Kurz nach Sentas Schlusskadez "Durch mich sollst du das Heil erreichen!", während die Frauen noch Sentas Verwirrtheit beklagen, betritt Erik mit einem Schreckensruf auf dem hohen A die Szene.

Im Duett Nr. 5, Allegro appassionato, kämpft er verzweifelt um Sentas Liebe, stimmlich permanent in einer im passagio unbequemen Lage, zweimal mit akzentuierten acuto-Tönen mit heftigsten Ausdruck, mit Recht von Tenören eine gefürchtete Partie des unglücklichen Verlierers.
Im Halbschlaf hat er das Erscheinen des Holländers und dessen Gespräch mit Daland, wie auch Sentas Hingabe und deren Flucht mit dem Phantom vorausgesehen.
Als er voll Entsetzen davonstürzt, singt Senta wie in Trance den Refrain der Ballade im pianissimo, sie bricht das "Betet zum Himmel, dass bald / ein Weib Treue ihm...." ab, es erscheint der gespenstische Mann in der Tür, Sentas Schrei, eine lange Generalpause, die Pauke signalisiert den stolpernden Herzschlag der beiden ineinander Versunkenen.
Das Finale mit Dalands "Mein Kind, du siehst mich auf der Schwelle" von gemütlich bürgerlicher Melodik ist das peinliche Anpreisen der Tochter wie Ware, ähnlich Kezal die Bräute weiterreicht. Das "Mögst Du mein Kind ..." ist wie "muss, teures Kind, dich's nicht verlangen? / Dein ist es, wechselst du den Ring!" nur eine Höflichkeitsfloskel. Und doch weiß er sich als überflüssig einzuschätzen, da der Holländer und Senta auf seine Einlassungen nicht reagieren, "Doch ... keines spricht! Sollt ich hier lästig sein? / So ist's - am besten lass' ich sie allein" setzt aber doch im Abgehen dem Holländer gegenüber noch eins drauf "Glaubt mir, wie schön, so ist sie treu!"
Aus der langen Pause nach Abgang Dalands singt der Holländer die ersten Takte a capella "Wie aus der Ferne längst vergang'ner Zeiten", con molto portamento seine Vision vom Weib, das er als erlösenden Engel sich erträumt hat.
Dies ist Richard Wagners Generalthema: Erlösung des Mannes durch Liebe auf Kosten der sich opfernden Frau. Der Holländer singt von der Sehnsucht nach dem Heil, Tannhäusers 'Heil ruht in Maria / Elisabeth', Lohengrin braucht Elsa, um ein heiler Mensch zu werden, dafür müssen die Frauen sterben. Eine höchst irritierende Lösung für männliche Probleme.
Im Duett Senta / Holländer - eigentlich zwei Monologe - äußert sie ihre Opferbereitschaft und der Holländer spricht über seine Hoffnung auf wahre Liebe. Sentas melodische Linie schwingt sich bis zum hohen H, danach nähern sich die Linien, um a cappella sich im Pianissimo auf einem Ton dem mittleren E zu vereinen.
Aus der Erstarrung erwacht, beginnt der Holländer nach un poco meno sostenuto mit einem galant tänzerischen Motiv eine kurze Konversation, ob sie sich, ihrem Vater gehorsam, an ihn binden wolle. Das Tempo wird beschleunigt, der Holländer drängt, das Versprechen der Treue zu hören.
Im anschließenden Duett Senta / Holländer und Terzett Senta / Holländer / Daland in heroischem E-Dur wird leidenschaftlich das Bündnis beschworen, aber es herrscht nicht die Freude auf eine glückliche Zukunft. "..Euch soll das Bündnis nicht gereu'n" ist Dalands vorsichtiger Kommentar.
Der Holländer fordert mit Sentas Treue die Hölle heraus und Senta erwartet jubelnd ihren Märtyrertod - "Hier meine Hand! Und ohne Reu / bis in den Tod gelob ich Reu!". Sie krönt das Terzett mit hohen Hs - und Richard Wagner, der so gerne lebte, schließt den Akt über den Todgeweihten mit einem rasanten Finale.

Der Anfang des dritten Aktes zitiert einige Motive und leitet über zu einer der großartigsten Chorszenen der romantischen Musikliteratur.
Die norwegischen Matrosen singen, tanzen und stampfen voller Lebensfreude, Dorfmädchen gesellen sich dazu, dann hebt der Spuk auf dem Gespensterschiff an, das Orchester schildert einen Sturm mit chromatischen Läufen und schrillen Tönen der Piccoloflöten. Ein gellendes Lachen des Holländer-Chores und ein fff-Schlag beenden das Geschehen, nachdem die norwegischen Matrosen mit dem Schlagen des Kreuzes dem Auftritt ein Ende gesetzt haben.

In Nr. 8, Allegro agitato, stellt Erik Senta zur Rede "Was muss ich hören! Gott, was musst ich sehn!" und klagt in seiner Cavatina - Andante - "Willst jedes Tags du nicht dich mehr entsinnen" - erinnert sehr an Webers Freischütz - die nach Richard Wagners Vorgaben nicht 'süßlich' vorgetragen werden darf, dass er sich für sie als Verlobten sieht. Ein heikles Gesangsstück, bei dem sich ein leichter Tenor, wegen der auffallenden Verzierungen und der schluchzenden Kadenz jämmerlich wirkt, ein schwerer Tenor sich in der starren hohen Lage meist quält.
Im Finale - Feroce - tritt der Holländer, der das Gespräch belauscht hat, mit Kraft dazwischen - "Verloren! Ach! Verloren! Ewig verlor'nes Heil!" Überempfindlich deutet er das Gespräch Senta / Erik als Treuebruch und nur die Tatsache, dass ihr Bund noch nicht vor Gott geschlossen ist, rettet Senta vor dem ewigen Verderben.
Mit wuchtigem accompagnato unterstützt das Orchester die Klage um das wieder verlorene Heil, mit der schrillen Bootspfeife ruft er seine Mannschaft.
In einem kurzen Terzett in f-moll bekräftigt Senta ihren Willen, ihn zu retten - "Halt ein! Von dannen sollst du nimmer fliehn ... was ich gelobte, halte ich." Doch der Holländer sieht für sich keine Rettung und muss wieder auf See.
Im Rezitativ des Holländers zeigt sich Wagners frühe Meisterschaft in der dramatischen Behandlung der Sprache. Mit heldenbaritonaler Kraft gibt sich der Holländer zu erkennen, mit bis zum ausgesungenen hohem H bestätigt Senta mit "Ich bin's durch deren Treu' den Heil du finden sollst!" ihren Opferwillen "Preis deinen Engel und sein Gebot! Hier steh' ich, treu dir bis zum Tod", das Geisterschiff zerfällt, das Erlösungswerk ist vollbracht.
Im Nachspiel erklingt der lyrische Refrain der Ballade, der Friede senkt sich in D-Dur über die Bucht von Sandwike.
 

Nach dem Einführungsvortrag am 18.09.05 wird von all' dem in der Inszenierung von Jiri Nekvasil wenig zu sehen sein. Bei ihm spielt das Ganze in einer Innenstadt, auf einem Hotel, Daland ist der Besitzer dieses Etablissements, Senta ist die ewige Braut, die sich mit Comics einen Prinz Eisenherz, einen Superman herbeisehnt. Letzteres nachvollziehbar, wenn sich Mädchen in der Pubertät beim Wallen der Hormone einen Übermann wünschen.
Dieser Gedanke ähnelt Sentas Traum in der Kupfer-Inszenierung in Bayreuth.
Dass aber z.B. der Spinnerinnen-Chor in eine singende Putztruppe mit den Chordamen als ATA- oder IMI-Girls umgewandelt wird, ist nicht einsehbar.
Richard Wagner hat ganz klar das Schwungrad eines Spinnrades in Musik umgesetzt, ob die Damen des Chores im Rundschwung putzen, wird sich bei der Premiere am 23.9.05 zeigen.

Wie schon bei der 'Mutter Courage' darf in Regensburg ein Regisseur eine Inszenierung ausprobieren, machte der eine hier seinen ersten Brecht, darf hier jemand den ersten Wagner bewerkstelligen.
Diesen auch noch unter dem Aspekt, dass der Ostblock - abgesehen von der DDR, die hatten schon eine Frau Berghaus, einen Joachim Herz - Nachholbedarf hat, im Ausleben der Neurosen und Psychosen wie auch meist sexuellen Verkrampfungen der Regisseure.
Eigentlich ist diese Zeit vorbei, sieht man die 'Traviata' von Willy Decker in diesem Jahr in Salzburg.
Aber Regensburgs Theaterdirektor meint ja, längst Vergangenem nachlaufen zu müssen.

Und: "Morgen Augsburg" ?
 

DH