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1813 scheiterte Napoleon bei Leipzig, Richard Wagner
wurde zeitlich fast im gleichen Moment geboren, 1913
erstellte die Stadt Breslau zur Erinnerung an das
erstere Ereignis die Jahrhunderthalle – nun ’Hala Ludowa’ genannt.
In dieser inszenierte der ehemalige Intendant der
Niedersächsischen Staatsoper – Professor Hans-Peter
Lehmann - den ’Ring des Nibelungen’. Kann wohl sein,
dass zur Zeit Wagners Angelo Neumann so über Land zog,
um die Werke des sächsischen Meisters unter das Volk zu
bringen.
Prof. Lehmann gelingt in einem außergewöhnlichen Raum
ein außergewöhnliches Werk einer Bevölkerung
darzubieten, die seit dem Krieg kaum mit den Werken
Richard Wagners Kontakt hatte. Erst kürzlich wurde
wieder ein Richard-Wagner-Verband in Breslau gegründet –
die Stadt - früher mit großer Theater-Tradition - fand
nun zur Tetralogie – allerdings nicht im Stammhaus an
der Gleiwitzer Straße, sondern eben in dem Monumentalbau
am Rande der Stadt.
War man bisher gewohnt, ’Nabucco’ oder ’Aida’ in
derartigen Räumen wie im Olympia-Stadion München zu
sehen, so war nun ’der Ring’ einer so großen Halle
ausgesetzt.
Eine 100 Meter breite Bühne, Bühnenboden ca. 4 Meter
über dem Parkett, von da aus ca. 50 Meter in die Höhe.
Prof. Lehmann gliedert die Bühnenfläche in Podeste,
verbunden durch Treppen und Schrägen, baut am
Bühnenhintergrund vor einer die ganze Breite der Bühne
umfassende Projektionsfläche Elemente auf – Tisch, Thron
oder hockerige Sitzgelegenheit, die dann mühevoll
abtransportiert werden müssen, um im nächsten Akt nicht
im Wege oder einfach zum Inhalt der jeweiligen
Spielszene nicht passend zu sein.
Projektionen beleben das Bild, Wolken ziehen über die
Fläche, “Abendlich strahlt der Sonne Auge“, “Loge
hierher“ lodert auf, “Riesenwurm ringle dich“ - nähert
sich mit zwei Augen, die ’gluh’ den Betrachter
ihrerseits betrachten. 2000 Personen rätseln, was für
ein Ungeheuer kommt da – ist’s ein Reptil, nein eher ein
Uhu. Gleichwohl, der Zuschauer hat etwas zu überlegen.
Dagegen die Kröte in der ’kleinsten Klinze’, ein Frosch
–so ein Kinderpüppchen – Hülle gefüllt mit Sand, wird in
den Ring geworfen und am Schnürl zurückgezogen – naives
Theater. Das wollte Lehmann – die Geschichte erzählen,
nicht anfangen, zu deuten.
So erscheint Wotan auch nicht mit einem Porsche auf der
Bühne oder sitzt mit den Plänen Walhalls am Clo, wischt
sich mit diesen dann den Hintern ab wie vielleicht bei
einem Herrn aus BCN, der jetzt die Stuttgarter erfreuen
wird, er hat sie ganz gesittet vor sich auf dem
Schreibtisch neben einem Modell der Burg. Dann auch in
der Projektion auf der Opera-Folie, das Bild eines
Renaissance-Baus – der Heidelberger Schloss-Fassade
ähnlich.
Projektionen und Lichteffekte unterstützen den
magisch-monumentalen Eindruck, der von der Monsterbühne
ausgeht: Lehmann lässt die Damen Walküren aus der Kuppel
der Halle – immerhin zwanzig Meter hoch - an Seilen
herabturnen, fackelt eine Light-Show ab, die noch
opulenter sein dürfte – aber dezent ist angesagt wie
eben bei einem Hannöverschen Intendanten üblich.
Die Sängertruppe setzt sich aus Damen und Herren aus dem
ehemaligen Ostblock, eingemischte ’West-Sänger’ wie
Peter Swensson als Sigmund, Barbara Schneider-Hofstetter
als Siegfried-Brünnhilde oder Uwe Eikötter als Loge / Mime
zusammen.
Die Ost-Sängerinnen behaftet mir einer stark kehligen
Technik, ergänzt durch antrainierte Lockerheit, die dann
zu einem heftigen ’Bibber’ führt. Slawisch eingefärbte
Artikulation muss Missverständnisse beim Publikum
auslösen – einzig der Walküren-Wotan weiß, mit
gespuckten Endkonsonanten auf sich und seine Text- und
Rollenwiedergabe aufmerksam zu machen.
Dass auch in Breslau SängerInnen mit Partien betraut
werden, für die sie nicht oder noch nicht oder nicht
mehr ausreichen, ist hier wie dort nichts Neues. Das “So
blühe denn Wälsungenblut“ in einen Bogen singen zu
wollen, muss zu einem Problem werden, so wie Sieglinds
“hehrstes Wunder“ im Atem stockt, zeigt, wie
Erschöpfung, junge, unerfahrene Sänger erleiden, wobei
in Breslau auch noch dazu kommt, dass riesige
Entfernungen zwischen den Partnern überwunden werden
müssen. Man renne mal, auch als Held, 80 Meter quer über
die Bühne, um dann beim “Siegmund heiß ich und Siegmund
bin ich“ punktgenau Sieglinde auf die Arme zu nehmen, um
sie über eine imaginäre Schwelle zu tragen.
Atemlosigkeit muss die Folge sein.
Auffallend das Stimmformat der ’Rheintöchter, die saft-
und kraftvoll bis zum “was da oben sich freut“ die
Zuschauer und Zuhörer ermuntern.
“Fricka naht im Wagen mit dem Widdergespann“ in einem
phantasievollen großformatigen Kostüm. Es müsste sich
bei dem Gefährt schon um einen größeren Heuwagen
handeln, wenn die Göttin sich darauf ungefährdet bewegen
will. Eine schöne Frau, die Stimme mit leichter Schärfe
behaftet, kujoniert in der üblichen Weise ihren Gatten
und fordert “der Wälsung falle“ – der Kampf Siegmund /
Hunding effektvoll choreographiert – Wotan hebt nur den
Speer und in Siegmunds Hand zerfällt der Prototyp in
zwei Teile, die Brünnhilde, auf schnellen Füßen
herbeigetrippelt, aufrafft, damit Siegried am zweiten
Tag des Werkes – nach dem Vorspiel ’Rheingold’ - daraus
nun das Schwert der Schwerter, ’Nothung’, schmieden
kann.
Die Gestaltung einer Rolle beginnt bekanntermaßen mit
den Füßen. Wenn nun Brünnhilde herbeigetrippelt kommt,
vergisst man die Götter-Tochter mit den in den Rufen
präsentierten satten Tönen und es zeigt sich ein schwer
gemachter Sopran einer soubrettig Lyrischen, der dann
beim “War es so schmählich“ langsam aber sicher an seine
Grenzen stößt.
Die Herren können sich hören und auch zum Teil sehen
lassen, Alberich erlaubt, seine Nase als vornehmlichen
Resonanzraum zu vernehmen, Rheingold-Wotan, ein junger
Gott, mit ausgewogen schöner Tongebung, Hunding = Fafner
gewohnt dunkelfarbig bös, Fasolt unbedarft bis
trottelig, mit angenehmem ’Sound’, den Rheingold-Mime
hat man sicherlich schon an besseren Tagen gehört.
“Endlich Loge“ - ein erfahrener Charaktertenor, der auch
’Siegfried-Mime’ ist und sprachlich perfekt den
Vorstellungen des Listigen gerecht wird. Hier hätte das
Kostüm deutlicher den Feuergott zeigen können, die paar
Fransen am Frack laufen optisch an den Möglichkeiten
vorbei.
Das Riesenorchester mit nahezu Bayreuth-Ausmaßen – z.B.
sechs Harfen, sieben Kontrabässe – begleitet die
SängerInnnen gemächlich gesellenstück-artig durch die
Abende, dies umsomehr als vom Pult eben keine
meisterliche Inspiration, kein Feuer, nur glimmende
Glut, ausgeht.
Alles in Allem eine interessante Darstellung wie auch
oder gerade ’der Ring’ in einer Riesenhalle nicht
verschwindet - selbst wenn jeweils seitlich
Großbildprojektionen die Protagonisten in Nahaufnahmen
zeigend, den Zuschauer ablenken und der Gesamteindruck ’zerläuft’
- so sind also ’der Ring’ in Hallenbespielungen mit
Großorchestern wie auch Produktionen im ’Kleinen Haus’
mit der ’Lessingfassung’ möglich.

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