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Oper Chemnitz  - Premiere
25. Juni 2006
   
Richard Wagner
'Lohengrin'
  
'Die Meistersinger von Chemnitz'
 
   
         
 
 

 

 


Hat die Kunst nicht doch in Deutschlands Osten überdauert? Regisseurin Angela Brandt war anlässlich der Einführung zu ihrem 'Don Giovanni' in Regensburg anderer Meinung.
Gut, Schlingensief ist an der Volksbühne allerdings kein Maßstab.
Fest steht:
Jedes Werk bietet genügend Möglichkeiten, immer wieder Alternativen zu entwickeln und neue Fassungen zu präsentieren, ohne dem Dichter, Komponisten und seinem Produkt Gewalt anzutun.
Chemnitz bot jedenfalls einen 'Lohengrin', bei dem nicht die Uhr als Bratpfanne von der Wand geholt oder der Kampf um die Kloschüssel ausgetragen wurde.

Der Erfolg? Ein stürmischer, denn gilt doch Chemnitz inzwischen als das Mekka für Produktionen der Werke von Richard Wagner.
Und die RW-Verbände hatten zu diesem Lohengrin ihre Delegierten entsandt. Alle diese jedenfalls waren happy, über das Gesehene und Gehörte.
Die Bühne mit späten Speer-Bauten, Emporen, Stahlgerüsten, Zuschauertribünen auf Hubpodien und zusätzlich auf der Drehbühne bestückt. Archaisch die aufragenden Klinkerwände an deren Fuß, Eingänge zu Kasematten. Alles sehr eindrucksvoll, drohend - dann das Brautgemach, Kitsch pur und dass Elsa dem Ambiente mitsamt Lohengrin im letzten Moment entfliehen will, ist verständlich.

Regisseur Michael Heinicke führte die SängerInnen höchst einfallsreich und auf eine besondere Art - mit einem Schuss Ironie.
Besonders die kraftvoll ihre Stimmen präsentierenden Choristen - auf dem Besetzungszettel werden nur Brabanter und Sachsen aufgeführt, wo sind die Thüringer - reicht die Animosität zwischen den beiden Volksstämmen noch heute bis in die Oper - wurden wie die Chorsolisten an der Komischen Oper als Einzeldarsteller geführt, jeder zeigte sich selbst. So entstand aus der Menge an Details - gemessen an einem 'normalen sonst üblichen statischen Lohengrin' - ein äußerst lebendiges individuelles Ganzes.

to top

Die 'Ortrud' von Yumi Koyama - eine leichtfüßige, elegante Circe - mehr 'kesse Kundry' als eine heidnische, unbeeinflusst vom christ-katholisch kirchlichen Ballast, naturweise, unbelastet wissende Frau  - mit völlig überraschend großen, kraftvollen, runden Tönen, ohne dass diese in der Höhe ins Kreischen geraten oder scharf werden.
Fulminant das "Entweihte Götter", das "Zurück, Elsa!" und der Kaltstart nach 1 1/2 Stunden Pause zum "Fahr' heim!"

'Ortrud' lässt ihn nicht aus, sie betört ihren 'Telramund', Hannu Niemela, einen groß-gewachsenen Kerl mit Seele, was völlig nachvollziehbar ist.
Er ist ihr verfallen, reagiert auf kleinste Nuancen ihrer Vorgaben, sich zu bewegen und zu sprechen. Seine Texte sind mit ihr abgestimmt, singt er sie laut, spricht sie die Worte lautlos mit. Mit leichter Hand führt sie ihn am Nassenring - gesanglich Hannu Niemela mit großem Ausdruck, problemlos über die ganze Skala der vorgegebenen Töne - ein leichter Schlacker ist vernehmbar - sang er ja bisher nicht nur den 'Beppo' im 'Bajazzo'.

'Elsa', "die Tugendreiche - wie ist ihr Antlitz licht und bleiche" - mit rot-blonder langmähniger Wuschelperücke, sieht aus und ähnelt ihr im Typus - Gertraud Jesserer - der melancholisch Elenden. Astrid Weber überzeugt genau da und genau das ist die Krux. Denn sie legt ihre 'Senta' in Essen so an wie die 'Elsa' in Chemnitz.
Führte sie die 'Senta' ins endgültige geistige Abseits und zum Mord am Holländer - angeblich - laut der vom Theater Essen übersandten Mitteilung - in eine Befreiung, ist es mit ihrer 'Elsa' sehr ähnlich und die 'Sieglinde' wird nicht anders gewesen sein. Die 'Marschallin' kann doch nicht etwa auch im Irrsinn enden? 
Die Gefahr besteht, Frau Weber wird mit einem Hang zur Entrückung 'schubladiert'.
Es wäre gut, sie bekäme bald eine 'Hanna Glawari' oder ähnliche zur Darstellung. Stimmlich läge ihr das genauso.
Alles ist perfekt geführt, nichts wird scharf, alles bleibt 'im Bett', aber es fehlt "von jener Süße", berückt nicht so, wie das bei einer Sabine Paßow als 'Elsa' in Erfurt.
Vergliche man ihr Singen mit Kunsteislauf, so wäre dies alles eine perfekte Pflicht mit der Traumnote 6 - für die Kür mit einer solch hohen Bewertung fehlt Seele in der Tongebung.

'Der König' von Gudjon Oskarsson kommt ganz populär daher, ist eben vom Pferd abgestiegen, hat die Vogelfallen geleert und erzählt nun etwas vom 9-jährigen Waffenstillstand.
Kein König mit königlicher Würde wie Manfred Schenk oder Karl Ridderbusch. Dafür aber die Stimme königlich, das Timbre bis in die hohe Bass-Lage, ohne dass gerade diese Töne - wie sonst so oft üblich bei Bässen - in Not 'gerufen' werden.

Dietrich Grewe als 'Heerrufer' ist kein Roman Trekel, aber ein junger Aufschneider, der sich richtig ins Zeug legt, sich auch kräftigt mit häufigem Schluck, aus einem Flachmann, stärkt, mit dem Erfolg: er muss beim Aufstieg zu seinem Podest gestützt und vor Absturz durch Chormannen bewahrt werden. Da er des Textes wohl nicht mehr sicher ist, hält ihm einer der Kollegen eine entrollte Folie vor, damit das Anouncement pünktlich und stimmig erschallen kann.

Der Träger der Titelrolle - ein Riese aus Illinois - wurde etwas fragwürdig gewandet, dass ihm eine hehre Gestalt - trotz körperlicher Stattlichkeit - kaum abgenommen werden kann. Die Auftritte werden so - die Haartracht unterstreicht das noch - zur Vorführung eines Mummenschanzes.
Leider, denn stimmlich ist für die Rolle vieles vorhanden, die Tessitura der Partie scheint John Charles Pierce aber nicht so zu liegen. Er 'mogelte' sich durch die Rolle, Legato war passagenweise ein Fremdwort für ihn - dies vornehmlich im Brautgemach.  Da stützte er nach allen drei Töne ab.
Kommt er dann mit dem kleinen Gottfried vor den Vorhang - kann er des Applauses sicher sein. Die Kenner sehen die Ähnlichkeit mit einem Foto aus den Anfängen des letzen Jahrhundert:
Leo Slezak als Lohengrin mit seinem Sohn Walter.

to top

Ein großes Erlebnis dieser Lohengrin-Produktion in Chemnitz:
die musikalische Ausgestaltung durch Niksa Bareza.

Er weiß mit Tönen zu zeichnen, zu formieren, Stimmungen zu schaffen. Allein das Vorspiel zum ersten Akt - nie gehörte Silberfäden - der Weckruf im 2. Akt in absolut atemloser Stille im Auditorium.
Es werden Textstellen durch Absätze hervorgehoben - mit einem Mal anhören kann der Beobachter nicht alles fassen. Wiederholungen gerade des Anhörens sind erforderlich.

Also wieder auf nach Chemnitz, wallfahre man zur letzten Stätte uneingeschränkter Freude in optischer wie akustischer Hinsicht an Richard Wagners Werk.

 

 
Die Besetzung
Heinrich der Vogler Gudjon Oskarsson
Lohengrin John Charles Pierce
Elsa von Brabant Astrid Weber
Friedrich von Telramund Hannu Niemelä
Ortrud, seine Gemahlin Yumi Koyama
Der Herrufer Dietrich Greve
Herzog Gottfried, Elsas Brude Aaron Hahn
Vier brabantische Edle Andreas Mühle, Tamás Livius,
Alexander Martin, Jann Schröder
Vier brabanische Edelfrauen Antje Gebhardt, Ulrike Bader,
Christiane Neumann, Ute Geidel
Sachsen und Brabanter,
Brabantische Edelfrauen
- Chor und Extrachor der Oper Chemnitz
- Herren des Chores der Oper Leipzig
- Chorgäste aus Dresden, Berlin und Kassel

Das Leitungsteam

Musikalische Leitung Niksa Bareza
Inszenierung Michael Heinicke
Bühnenbild Reinhardt Zimmermann
Kostüme Elke Eckhardt
Chöre Mary Adelyn Kauffmann
Dramaturgie Carla Nieppl

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Ich
verstehe diese Besprechungen und Kommentare nicht als Kritik um der Kritik willen,
sondern als Hinweis auf nach meiner Auffassung zu Geglücktem oder Misslungenem.
Neben Sachaussagen enthält diese private Homepage auch Überspitztes und Satire.
Für diese nehme ich den Kunstvorbehalt nach Artikel 5 Grundgesetz in Anspruch.
In die Texte baue ich gelegentlich Fehler ein, um Kommentare herauszufordern.
Dieter Hansing
                                                   
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