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Hat die Kunst nicht doch in Deutschlands Osten überdauert?
Regisseurin Angela
Brandt war anlässlich der Einführung zu ihrem 'Don Giovanni' in
Regensburg anderer
Meinung.
Gut, Schlingensief ist an der Volksbühne allerdings kein Maßstab.
Fest steht:
Jedes Werk bietet genügend Möglichkeiten, immer wieder Alternativen
zu entwickeln und neue Fassungen zu präsentieren, ohne dem Dichter,
Komponisten und seinem Produkt Gewalt anzutun.
Chemnitz bot jedenfalls einen 'Lohengrin', bei dem nicht die Uhr als
Bratpfanne von der Wand geholt oder der Kampf um die Kloschüssel
ausgetragen wurde.
Der Erfolg? Ein stürmischer, denn gilt doch Chemnitz inzwischen als
das Mekka für Produktionen der Werke von Richard Wagner.
Und die RW-Verbände hatten zu diesem Lohengrin ihre Delegierten
entsandt. Alle diese jedenfalls waren happy, über das Gesehene und
Gehörte.
Die Bühne mit späten Speer-Bauten, Emporen, Stahlgerüsten,
Zuschauertribünen auf Hubpodien und zusätzlich auf der Drehbühne
bestückt. Archaisch die aufragenden Klinkerwände an deren Fuß,
Eingänge zu Kasematten. Alles sehr eindrucksvoll, drohend - dann das
Brautgemach, Kitsch pur und dass Elsa dem Ambiente mitsamt Lohengrin
im letzten Moment entfliehen will, ist verständlich.
Regisseur Michael Heinicke führte die SängerInnen höchst
einfallsreich und auf eine besondere Art - mit einem Schuss Ironie.
Besonders die kraftvoll ihre Stimmen präsentierenden Choristen
- auf dem Besetzungszettel werden nur Brabanter und Sachsen
aufgeführt, wo sind die Thüringer - reicht die Animosität zwischen
den beiden Volksstämmen noch heute bis in die Oper - wurden wie die
Chorsolisten an der Komischen Oper als Einzeldarsteller geführt,
jeder zeigte sich selbst. So entstand aus der Menge an Details -
gemessen an einem 'normalen sonst üblichen
statischen Lohengrin' - ein äußerst lebendiges individuelles Ganzes.

Die 'Ortrud' von
Yumi Koyama - eine leichtfüßige, elegante Circe - mehr 'kesse
Kundry' als eine heidnische, unbeeinflusst vom christ-katholisch kirchlichen Ballast, naturweise, unbelastet wissende Frau - mit völlig überraschend
großen, kraftvollen, runden Tönen, ohne dass diese in der Höhe ins
Kreischen geraten oder scharf werden.
Fulminant das "Entweihte Götter", das "Zurück, Elsa!" und der
Kaltstart nach 1 1/2 Stunden Pause zum "Fahr' heim!"
'Ortrud' lässt ihn nicht aus, sie betört ihren 'Telramund', Hannu
Niemela, einen groß-gewachsenen Kerl mit Seele, was völlig
nachvollziehbar ist.
Er ist ihr verfallen, reagiert auf kleinste Nuancen ihrer Vorgaben,
sich zu bewegen und zu sprechen. Seine Texte sind mit ihr
abgestimmt, singt er sie laut, spricht sie die Worte lautlos mit.
Mit leichter Hand führt sie ihn am Nassenring - gesanglich Hannu
Niemela mit großem Ausdruck, problemlos über die ganze Skala der
vorgegebenen Töne - ein leichter Schlacker ist vernehmbar - sang er
ja bisher nicht nur den 'Beppo' im 'Bajazzo'.
'Elsa', "die Tugendreiche - wie ist ihr Antlitz licht und bleiche" -
mit rot-blonder langmähniger Wuschelperücke, sieht aus und ähnelt
ihr im Typus - Gertraud Jesserer - der melancholisch Elenden.
Astrid Weber überzeugt genau da und genau das ist die Krux.
Denn sie legt ihre 'Senta' in Essen so an wie die 'Elsa' in Chemnitz.
Führte sie die 'Senta' ins endgültige geistige Abseits und zum
Mord am Holländer - angeblich - laut der vom Theater Essen
übersandten Mitteilung - in eine Befreiung, ist es mit ihrer 'Elsa'
sehr ähnlich und die 'Sieglinde' wird nicht anders gewesen sein. Die
'Marschallin' kann doch nicht etwa auch im Irrsinn enden?
Die Gefahr besteht, Frau Weber wird mit einem Hang zur Entrückung 'schubladiert'.
Es wäre gut, sie bekäme bald eine 'Hanna Glawari' oder ähnliche zur Darstellung.
Stimmlich läge ihr das genauso.
Alles ist perfekt geführt, nichts wird scharf, alles bleibt 'im Bett',
aber es fehlt "von jener Süße", berückt nicht so, wie das
bei einer Sabine Paßow
als 'Elsa' in Erfurt.
Vergliche man ihr Singen mit Kunsteislauf, so wäre dies alles
eine perfekte Pflicht mit der Traumnote 6 - für die Kür
mit einer solch hohen Bewertung fehlt Seele in der Tongebung.
'Der König' von Gudjon Oskarsson kommt ganz populär daher,
ist eben vom Pferd abgestiegen, hat die Vogelfallen geleert und
erzählt nun etwas vom 9-jährigen Waffenstillstand.
Kein König mit königlicher Würde wie Manfred Schenk oder Karl
Ridderbusch. Dafür aber die Stimme königlich, das Timbre bis in die
hohe Bass-Lage, ohne dass gerade diese Töne - wie sonst so oft
üblich bei Bässen - in Not 'gerufen' werden.
Dietrich Grewe als 'Heerrufer' ist kein Roman Trekel, aber
ein junger Aufschneider, der sich richtig ins Zeug legt, sich auch
kräftigt mit häufigem Schluck, aus einem Flachmann, stärkt, mit dem
Erfolg: er muss beim Aufstieg zu seinem Podest gestützt und vor
Absturz durch Chormannen bewahrt werden. Da er des Textes wohl nicht
mehr sicher ist, hält ihm einer der Kollegen eine entrollte Folie
vor, damit das Anouncement pünktlich und stimmig erschallen kann.
Der Träger der Titelrolle - ein Riese aus Illinois - wurde etwas
fragwürdig gewandet, dass ihm eine hehre Gestalt - trotz
körperlicher Stattlichkeit - kaum abgenommen werden kann. Die
Auftritte werden so - die Haartracht unterstreicht das noch - zur
Vorführung eines Mummenschanzes.
Leider, denn stimmlich ist für die Rolle vieles vorhanden, die
Tessitura der Partie scheint John Charles Pierce aber
nicht so zu liegen. Er 'mogelte' sich durch die Rolle, Legato war
passagenweise ein Fremdwort für ihn - dies vornehmlich im
Brautgemach. Da stützte er nach allen drei Töne ab.
Kommt er dann mit dem kleinen Gottfried vor den Vorhang - kann er
des Applauses sicher sein. Die Kenner sehen die Ähnlichkeit mit
einem Foto aus den Anfängen des letzen Jahrhundert:
Leo Slezak als Lohengrin mit seinem Sohn Walter.

Ein großes Erlebnis
dieser Lohengrin-Produktion in Chemnitz:
die musikalische Ausgestaltung durch Niksa Bareza.
Er weiß mit Tönen zu zeichnen, zu formieren, Stimmungen zu schaffen.
Allein das Vorspiel zum ersten Akt - nie gehörte Silberfäden - der
Weckruf im 2. Akt in absolut atemloser Stille im Auditorium.
Es werden Textstellen durch Absätze hervorgehoben - mit einem Mal
anhören kann der Beobachter nicht alles fassen. Wiederholungen
gerade des Anhörens sind erforderlich.
Also wieder auf nach Chemnitz, wallfahre man zur letzten Stätte
uneingeschränkter Freude in optischer wie akustischer Hinsicht an
Richard Wagners Werk.
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